Interview

„Väter können alles – außer stillen“, Männerberater Christoph Lyding über das Vatersein

„Spätestens ab dem Zeitpunkt wo der Mann erfährt, dass er Vater wird, beginnt seine Vaterrolle“, sagt Christoph Lyding, der mit Männern und Vätern arbeitet.
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„Spätestens ab dem Zeitpunkt wo der Mann erfährt, dass er Vater wird, beginnt seine Vaterrolle“, sagt Christoph Lyding, der mit Männern und Vätern arbeitet.

Vom Mann zum Vater: Männerberater Christoph Lyding spricht im Interview über das Vatersein, die Bindung zwischen Vater und Kind und die Zeit mit der Familie.

Eschwege – Vom Mann zum Vater: Dieser Prozess ist für viele junge Männer mit einem starken Einschnitt in ihr bisheriges Leben verbunden. Wie man merkt, dass man bereit für diesen Schritt ist, welche Rolle der eigene Vater spielt und wie man eine enge Bindung zu seinem Kind aufbaut, beantwortet der Männerberater Christoph Lyding in unserem Interview.

Wie merkt man, dass man bereit ist, Vater zu sein?

Wenn Mann nur noch Eltern mit Kindern sieht… (lacht), Das ist nicht allgemein zu beantworten. Ich denke, dass viele Männer sich mit dem Thema Vater werden erst durch den Kinderwunsch ihrer Partnerin bewusster auseinandersetzen. Für manche ist es klar, dass sie Kinder wollen, andere machen sich kaum Gedanken darum. Bereit ist Mann vielleicht, wenn die Freude auf das Kind größer wird als die Ängste vermeintliche Freiheiten zu verlieren.

Welche Rolle spielt der eigene Vater im Selbstverständnis der eigenen Vaterrolle?

Der eigene Vater ist für alle Männer, die ihre Väter erlebt haben, ein Vorbild. Dies gilt auch für diejenigen, die alles anders als der eigene Vater machen wollen. Wenn es keine bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater gegeben hat, ahmen wir dessen Erziehungsverhalten unbewusst nach. In Grenzsituationen - wenn wir z. B. nicht mehr weiterwissen, verzweifelt oder wütend sind, handeln wir oft wie der eigene Vater – das habe ich auch selbst so erlebt. Hier gibt es Ansatzpunkte, an sich selbst zu arbeiten und etwas zu verändern.

Ab welchem Zeitpunkt beginnt Ihrer Meinung nach die Vaterrolle?

Spätestens ab dem Zeitpunkt wo der Mann erfährt, dass er Vater wird. Es kann aber auch schon früher losgehen, wenn der Kinderwunsch entsteht und gemeinsam besprochen wird.

Was können Väter in der Schwangerschaft tun?

Väter können sich interessieren und einbringen. Sie können ihre Partnerin unterstützen und schon mal anfangen, sich selbst etwas zurückzunehmen. Sie können schon früh beginnen, sich auf das Kind einzustellen, mit ihm sprechen, schon mal anfangen, Schlaflieder vorzusingen. Es ist nachgewiesen, dass das Kind im Bauch Stimmen unterscheiden kann und somit sich auch schon an die Stimme des Vaters gewöhnen kann.

Das Baby ist da: Welche Rolle nimmt der Mann jetzt ein?

Das hängt ganz von dem Mann ab und auch stark von der Partnerin. Väter können alles außer stillen! Der Vater kann sich genauso um das Kind kümmern wie die Mutter. In der ersten Zeit zu Hause kann der Vater sich um beide kümmern und die Mutter unterstützen. Er kann mit der Mutter zusammen dafür sorgen, dass sich das Kind willkommen und geborgen fühlen kann. Eine intensive Erfahrung für Vater und Kind ist die körperliche Nähe, das Kind riecht und spürt den Vater und wird so mit ihm von Anfang an vertraut.

Wann und wie lange sollte ein Vater seine Elternzeit nehmen?

So lange wie möglich. Der Klassiker, dass der Vater die ersten zwei Monate Elternzeit nimmt, beginnt sich zu flexibleren Aufteilungen hin aufzuweichen. Nach unseren Beobachtungen in den Geburtsvorbereitungskursen nehmen zunehmend mehr Väter mehr Elternzeit. Wichtig ist es, dass der Vater am Anfang da ist und Zeit hat. Bei erstgeborenen Kindern beginnt für das Paar eine völlig neue Zeit. Hier ist es hilfreich, wenn beide Eltern zusammen den Wandel gestalten.

Das Baby braucht jetzt eine Rundum-Betreuung. Manche Männer fühlen sich abgemeldet. Was empfehlen Sie ihnen?

Ich empfehle den Vätern, sich so aktiv wie möglich einzubringen und möglichst viel Zeit mit dem Baby zu verbringen. Wenn der Vater sich möglichst oft mit dem Baby beschäftigt und auch selbst wickelt, füttert, das Kind rumträgt, in den Schlaf wiegt…. Dann wird er sich weniger abgemeldet fühlen, sondern er ist dabei. Außerdem kann ihm der Austausch mit anderen Vätern oder eine Beratung bei einem Väterberater (Awo-Beratungsstelle) sehr hilfreich sein. Hier kann er Impulse für Veränderungen bekommen, mit denen er sich entwickeln kann.

Christoph Lyding ist Diplompädagoge, Gestalttherapeut, Deeskalationstrainer Häusliche Gewalt sowie systemischer Paar- und Sexualberater und seit vielen Jahren in der Arbeit mit und für Jungen, Männer und Väter unterwegs. Von 2006 bis 2015 hat er in der Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaft und Sexualität in Eschwege gearbeitet und dort die Sexualpädagogik, Jungen - und Männerarbeit sowie Paarberatung aufgebaut. Lyding ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. 

Die Bindung zwischen Vater und Kind wird - gerade in den ersten Lebensjahren - nie so eng sein wie zwischen Mutter und Kind. Wie sollen Männer damit umgehen?

Wenn der Vater sich aktiv einbringt, wird auch eine enge Bindung zu ihm entstehen. Ein Vater, der sich nicht einbezogen fühlt, kann versuchen, etwas daran zu ändern. Ein Anfang ist es dies anzusprechen, mit der Partnerin darüber zu reden und den Wunsch nach mehr Teilhabe zu formulieren. Gemeinsam kann überlegt werden, wie der Vater sich mehr beteiligen kann. Wichtig ist es, dass die Mutter den Vater auf seine Art sich um das Kind kümmern lässt. Für das Kind ist es für seine Entwicklung wichtig, beide Eltern mit ihren unterschiedlichen Umgangsstilen zu erleben.

Viele Väter wünschen sich mehr Zeit mit der Familie und den Kindern, sind aber durch den Job oft abgelenkt. Wie schaffen es Väter, Teil der Familie zu bleiben?

Indem sie ihre Familienzeit als wichtigen Teil ihres Lebens ansehen und sich einbringen. Väter brauchen das Selbstbewusstsein, dass ihr Anteil ebenso wichtig ist wie der der Mutter. Väter können sich ihre eigenen Wege zum Kind suchen und möglichst früh damit beginnen, eigene Zeit mit dem Kind zu verbringen. Dabei merken sie schnel, wie erfüllend die Zeit mit dem Kind sein kann, wenn sie sich darauf einlassen. Es wäre wünschenswert, wenn es für Väter möglich wäre weniger zu arbeiten und mehr Zeit für ihr Kind zu haben. Viele Väter wünschen sich das und eine gleichberechtigtere Arbeitswelt würde Vätern und Müttern und besonders auch den Kindern entgegenkommen.

Gibt es einen Zeitpunkt, an dem der Zug abgefahren ist, eine gute Beziehung zu seinem Kind aufzubauen?

Das Kind hat den Wunsch, eine Beziehung zum Vater zu leben. Wenn dies, durch welche Umstände auch immer nicht geschieht, gibt es meistens trotzdem diese Sehnsucht. Ich kenne einige Berichte von Vätern, die sich erst sehr spät um ihr Kind (bzw. ihre Kinder) gekümmert haben. Auch wenn das Kind mittlerweile erwachsen geworden ist, können die Brüche und das Fehlen des Vaters mit der späteren Zuwendung etwas geheilt werden.

Von Tobias Stück

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