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Verein entdeckt Thoramäntel aus Herleshausen bei Ebay

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Auf Ebay entdeckt: die beiden viele Jahrzehnte verschollenen Thoramäntel aus Herleshausen aus den Jahren 1864 (links) und 1905. Helmut Schmidt (links) und Dr. Martin Arnold recherchieren weiter zu deren Geschichte.
Auf Ebay entdeckt: die beiden viele Jahrzehnte verschollenen Thoramäntel aus Herleshausen aus den Jahren 1864 (links) und 1905. Helmut Schmidt (links) und Dr. Martin Arnold recherchieren weiter zu deren Geschichte. © Stefanie Salzmann

Zwei verschollen geglaubte Thoramäntel aus Herleshausen sind im Internet aufgetaucht und aus einem Trödelladen in Frankfurt wieder zurück gekommen.

Abterode – Es grenzt an ein Wunder und bedeutet für die Erinnerungskultur an jüdisches Leben im Werra-Meißner-Kreis Besonderes. Zwei Thoramäntel aus den Jahren 1864 und 1905 aus Herleshausen sind im April dieses Jahres auf der Internet-Plattform Ebay aufgetaucht und befinden sich nun im Besitz des Vereins der Freundinnen und Freunde jüdischen Lebens im Werra-Meißner-Kreis.

Dr. Martin Arnold und Helmut Schmidt vom Verein können ihr Glück noch gar nicht fassen, denn auch der Zufall und die Geschichte sind außergewöhnlich. Im April erhielt Arnold eine E-Mail von einer Frau aus der Nähe von Frankfurt, die die beiden Mäntel bei Ebay entdeckt hatte. Über Googlerecherche war die Dame, die sich in ihrem Heimatort für die Verlegung von Stolpersteinen engagiert, auf den Verein im Werra-Meißner-Kreis gestoßen und hatte von ihrem Fund berichtet. „Unglaublich, dass solche Dinge auf Ebay angeboten werden“, sagt Martin Arnold. Er schaut sich die Fotos der Thoramäntel im Netz an und dort sind Abbildungen, die auf die Echtheit der beiden Stücke schließen lassen. Die beiden Thoramäntel waren 1938 aus der Herleshäuser Synagoge geraubt worden und wurden zuletzt 1977 auf einem Dachboden des Schulhauses in Herleshausen gefunden. Von dort sollten sie nach Jerusalem in die Gedenkstätte Vad Vashem gehen, wo sie aber niemals ankamen. Seither galten die Thoramäntel als verschollen.

Der Mantel schützt und schmückt das Heiligtum

Die Thora (wörtlich Lehre, Weisung) umfasst die fünf Bücher Mose, die jeweils in einem Zeitraum von einem Jahr, in Abschnitte geteilt, wöchentlich in der Synagoge gelesen werden. Sie ist die Hauptquelle jüdischen Rechts, jüdischer Ethik und der jüdischen Bräuche. In der Thora steht die Geschichte des Volkes Israel von der Schöpfung bis zur Ansiedlung in dem Land, das Gott Abraham versprochen hat. In ihr steht aber auch geschrieben, wie man als Jude leben soll. Dazu gehören 613 Gesetze und Regeln.

Die Thora selbst aber ist auch der Mittelpunkt jüdischen Lebens und für Juden ein Heiligtum. Wie Dr. Martin Arnold es beschreibt, wird die Synagoge um die Thora gebaut, die Thora in einen sie schützenden Mantel gehüllt, sie wird in einem Thoraschrank aufbewahrt, der in der Synagoge üblicherweise hinter dem Lesepult steht. Der Mantel schützt die Thora nicht nur, sondern ist Reliquie und Schutz für die Schriftrolle. Am letzten Tag des jüdischen Laubhüttenfestes Simchat (Freude an der Thora) werden die geschmückten Schriftrollen feierlich durch die Synagoge getragen und mit ihnen auch getanzt. Die Betenden berühren und küssen sie. Mädchen und Jungen begleiten die Prozession mit selbst gebastelten bunten Fahnen und Wimpeln. (salz)

Als Martin Arnold Helmut Schmidt von dem Ebay-Fund berichtet, reagiert der erst mit Ungläubigkeit, dann sagt er zu Martin Arnold: „Kauf, kauf, ich sorge schon dafür, dass wir das Geld zusammenbekommen.“ Hauptsache die wertvollen Stücke verschwinden nicht wieder in dunklen Kanälen. Arnold nimmt Kontakt zu dem Verkäufer auf, zeigt Nerven, handelt den Preis noch herunter und macht das Geschäft fix. Arnold fährt selbst nach Frankfurt, um die beiden Mäntel abzuholen. „Ich wollte sehen, was das für ein Laden ist und wer die beiden Mäntel verkauft.“

Im Norden der Großstadt findet er einen Trödelladen voller Kuriositäten. Der Verkäufer holt aus einer Ecke einen Plastiksack mit den Mänteln, weiß aber nicht, woher die Mäntel stammen, sein Vater sagt, aus einer Haushaltsauflösung. Mit den beiden Thoramäntel kehrt Martin Arnold nach Eschwege zurück, unterwegs sammelt er Eurovisionssieger Nemo auf. Nemo und Begleiter Imre trampen da gerade nach Malmö (WR berichtete).

Zu den beiden Thoramänteln gehören auch deren Geschichte. Der ältere trägt unter der Krone die hebräische Inschrift „Rechal, Tochter des bedeutenden Rav Rabbi Michal sowie die Jahreszahl 625. „Hierüber wissen wir leider sehr wenig, da es ausgerechnet aus den Jahren 1864 und 1865 keine Aufzeichnungen aus der jüdischen Gemeinde Herleshausens gibt“, sagt Martin Arnold. Dafür ist der zweite und jüngere Thoramantel von 1905 umso aufschlussreicher. Dort steht geschrieben: „Josef Neuhaus und seine Frau Mina Neuhaus zu Erinnerung an die Bar Mizwas ihres Sohnes Fritz, 5665“. Das Paar hatte den wertvollen Thoramantel damals an die Gemeinde gespendet.

Da gehörten die Thoramäntel hin: Hinter dem Lesepult befand sich der Thoraschrank in der Synagoge Herleshausen. (Archivfoto)
Da gehörten die Thoramäntel hin: Hinter dem Lesepult befand sich der Thoraschrank in der Synagoge Herleshausen. Archi © Archivfoto aus Sammlung Helmut Schmidt

Über die Herleshäuser Familie weiß Helmut Schmidt detailreich Bescheid und pflegt engen Kontakt zu den noch lebenden Nachkommen in den USA. In den 1930er-Jahren wanderte die Familie in die Niederlande beziehungsweise in die USA aus. Ein Großteil der Familie ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten entkommen. „Die Familie und auch die Thoramäntel haben überlebt, aber beide haben auch Schaden genommen“, sagt Arnold. „In diesen Stücken spiegelt sich die Geschichte von Abgründen und Überleben.“

In die jüngere Thorarolle hat Martin Arnold die Esther-Rolle, die 2018 in der Synagoge Abterode entdeckt worden war, gelegt. Beide Männer halten es für sinnvoll, dass die beiden Thoramäntel in Abterode bleiben – dort, wo Menschen hingehen, die sich mit jüdischer Geschichte befassen oder ihrer gedenken wollen. Aber bevor das entschieden ist, sollen die Herleshäuser Thoramäntel am 24. Oktober dieses Jahres, am letzten Tag des jüdischen Laubhüttenfestes Simchat („Freude an der Thora“), in Herleshausen präsentiert werden. „Wir würden uns freuen, wenn auch die Familie daran teilnimmt“, sagt Arnold. (Stefanie Salzmann)

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