Das bedeutet Armut im ländliche Raum

Vielen Bedürftigen ist die Hilfe unangenehm

Bürgerhilfe Sontraer Land: Hier bekommen bedürftige Menschen unter anderem von Silke Tiedemann (links) und Brigitte Hornickel Lebensmittel.
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Bürgerhilfe Sontraer Land: Hier bekommen bedürftige Menschen unter anderem von Silke Tiedemann (links) und Brigitte Hornickel Lebensmittel.

Armut hat viele Gesichter – und trotzdem wirkt sie in der ländlichen Region eher versteckt. Auf den Straßen der großen Städte ist sie dagegen offensichtlicher. Was bedeutet Armut im ländlichen Raum?

Eschwege/Sontra – An drei Tagen in der Woche gibt die Eschweger Tafel Lebensmittel an Bedürftige aus. Für viele Menschen ist dies mit einem Gefühl der Scham verbunden. Ihnen ist es unangenehm, dass sie diese Hilfe in Anspruch nehmen – hier im ländlichen Umfeld, wo fast jeder jeden kennt

. „Manche wollen schon vor unseren eigentlichen Öffnungszeiten zur Lebensmittelausgabe kommen. Andere würden gerne einen Nachbarn zum Abholen schicken“, sagt Hans Liese von der Eschweger Tafel.

Seitdem der Verein umgezogen ist und nun etwas abseits am Grünen Weg 2 in Eschwege liegt, würden etwas mehr Menschen kommen – Menschen, die sich zuvor nicht getraut haben, Lebensmittel abzuholen. „Die Tafel ist nun etwas versteckter. Für manche Personen ist es damit einfacher geworden“, sagt Liese.

„Manche Menschen wollen nicht zugeben, dass sie bedürftig sind. Es ist eine Hemmschwelle für sie“, meint auch Gaby Eckhardt von der Bürgerhilfe Sontraer Land. Neben der Lebensmittelausgabe bietet der Verein beispielsweise Möbel und Kleidung gegen eine Spende in der „Stöberoase“ sowie Veranstaltungen im „Blickpunkt“ an.

Auch der Weg zu den verschiedenen Hilfsangeboten im ländlichen Raum kann für Bedürftige zum Hindernis werden. „Manche können den Weg zur Tafel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht bezahlen“, sagt Liese. Daher gab es im vergangenen Jahr – gemeinsam mit der Werkstatt für junge Menschen – ein Projekt. Die Waren wurden dabei zu den bedürftigen Menschen nach Hause gebracht.

Ältere Menschen schaffen die Strecke zum entsprechenden Hilfsangebot aus gesundheitlichen Gründen teilweise nicht. Auch das kann eine Hemmschwelle sein. Die Bürgerhilfe liefert Lebensmittel dann auch direkt an die Haustür, erklärt Eckhardt.

„Einerseits erhalten Bedürftige im dörflichen Umfeld mehr Hilfe, weil sich die Leute einfach untereinander kennen. Andererseits wollen gerade deswegen manche Menschen eben nicht ihre Armut zeigen und Hilfe annehmen.“

Dabei sei Nachbarschaftshilfe sehr wichtig – „Man kennt sich und weiß, wenn jemand finanziell nicht so gut aufgestellt ist. Dann kann man helfen. Das ist anders als in der Stadt“, erklärt Hans Liese.

Doch wer ist eigentlich hier im ländlichen Umfeld arm? Zu der Bürgerhilfe und der Tafel kommen unterschiedliche Menschen – Familien, Alleinerziehende, Rentner, Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen, Menschen, die arbeiten. Was sie alle eint: Das Geld reicht nicht, um sich ausreichend mit Lebensmitteln zu versorgen.

Hauptauslöser für den Gang zur Ausgabe sind meist Arbeitslosigkeit oder gesundheitliche Probleme, die wiederum zu Schwierigkeiten im Job führen können. „Konkret bedeutet das, dass jemand einen Herzinfarkt hat, in der Folge arbeitslos wird und dann nicht mehr ausreichend Geld für Essen hat. Diesen Fall gab es hier. Die Person wurde aus ihrem bisherigen Leben gerissen“, sagt Gaby Eckhardt.

Den Konflikt „zu jung für die Rente, zu krank für den Beruf“ gebe es immer wieder. Zudem hat die Coronapandemie die Lage vieler Menschen zusätzlich verschlechtert. „Einkünfte sind geringer geworden, Mini-Jobs – beispielsweise in der Gastronomie – sind weggebrochen. Und dann wird der Mut bei manchen Menschen größer, nun doch zur Lebensmittelausgabe zu kommen“, sagt Liese.

„Die Menschen, die zu uns kommen, sind nicht die, die keine Lust auf Arbeit haben. Es sind meist Lebenskrisen, die zur Armut führen. Und es sind häufig Personen, die keine Familie haben, die sie dann auffängt.“ Umso wichtiger sei es daher, dass Vereine wie die Bürgerhilfe und die Tafel auch gleichzeitig Ansprechpartner sind.

Die Ehrenamtlichen erfahren viel über die jeweilige Person und ihre Geschichte. „Es entwickelt sich oftmals eine Vertrauensbasis“, sagt Eckhardt. Viele, besonders ältere Menschen, seien einsam und nutzen daher den Kontakt. Dann ist die Hemmschwelle gesunken, die Scham verflogen.

Weitere Informationen: Bürgerhilfe Sontra, Tel: 0 56 53/9 17 82 81, E-Mail: info@buergerhilfe-sontra.de sowie Eschweger Tafel, Tel: 0 56 51/33 80 92, E-Mail: info@eschweger-tafel.de (Von Julia Stüber)

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