Montagsinterview

Volkshochschule und Jobcenter erfüllen einkommensschwachen Familien Bücherwünsche

Auch Raihan, Amran und Emad haben sich Bücher zu Weihnachten gewünscht.
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Auch Raihan, Amran und Emad haben sich Bücher zu Weihnachten gewünscht.

Etwa 1600 Kinder bis 14 Jahren im Werra-Meißner-Kreis leben in einkommensschwachen Familien. In der Weihnachtszeit gab es eine besondere Aktion der Volkshochschule und des Jobcenters.

Werra-Meißner – Viele dieser 1600 Kinder haben lediglich in der Schule die Möglichkeit zu lesen – Schulbücher. Damit sie aber auch einmal ein Buch lesen können, das sie sich selbst ausgesucht haben, gab es die Wunschbuch-Spenden-Aktion. Im Interview sprachen wir mit den Initiatoren Regina Novak von der Volkshochschule sowie Uwe Kümmel und Manuela Zimmermann vom Jobcenter.

Wie kam es zu der Wunschbuch-Aktion?
NOVAK: Unser Ziel war es, das Thema Leseförderung im Werra-Meißner-Kreis in den Vordergrund zu stellen und dabei auch unsere Teilnehmenden aus der AGH-Maßnahme „Leseförderung“ zu beteiligen. Bei der AGH-Maßnahme ,Arbeitsgelegenheit‘ handelt es sich um eine Fördermaßnahme des Jobcenters, Menschen für das Arbeitsleben zu aktivieren. Zu Weihnachten wollten wir Kindern ermöglichen, sich ein Buch zu wünschen, das sie sich selbst ausgesucht haben. Viele Familien können es sich nicht leisten, ihren Kindern einen Buchwunsch zu erfüllen.
Das klingt sehr ernüchternd.
NOVAK: Das ist es auch. Und es ist herzzerreißend. Bei manchen Kindern war das Buch aus unserer Aktion das einzige Geschenk unter dem Weihnachtsbaum. Wir haben mit der Aktion gemerkt, wie groß der Bedarf im Werra-Meißner-Kreis ist. Die Leseförderung ist unheimlich wichtig. Wir wollen die Kinder motivieren, den Zugang zu Büchern zu finden und die Möglichkeit der Bücherleihe in den öffentlichen Bibliotheken kennenzulernen.
Wie viele Kinder haben Sie mit der Aktion erreicht?
ZIMMERMANN: Wir haben Kinder aus einkommensschwachen Familien im Werra-Meißner-Kreis direkt angeschrieben. Für diese Pilotaktion haben wir uns wegen der großen Zahl der Kinder aber zunächst auf die Altersgruppe zwischen sechs und zehn Jahren beschränkt. Geschwisterkinder, egal welchen Alters, konnten ebenfalls einen Buchwunschzettel abgeben. Über 600 Kindern haben wir Wunschzettel zum Ausfüllen nach Hause gesandt, 210 Buchwünsche kamen zurück. Eine tolle Bilanz. KÜMMEL: Sehr charmant war auch, dass wir als Jobcenter dadurch einmal nicht nur als Behörde unterwegs waren, sondern eine echte Herzensaktion umsetzen konnten.
Wie lief die Spendenaktion dann ab?
NOVAK: Die Teilnehmenden der AGH haben mit viel Herzblut die kreativen Aufgaben übernommen, wie das Bauen der Wunschbäume und das Erstellen der Wunschkugeln. Die Wunschbäume wurden, bestückt mit den Kinderwünschen, in den Buchhandlungen im Werra-Meißner-Kreis aufgestellt. Unterstützt haben uns die Buchhandlungen Heinemann in Eschwege, Hassenpflug in Witzenhausen, Frühauf in Bad Sooden-Allendorf und Glade in Hessisch Lichtenau. Kunden in den Buchhandlungen konnten die Wünsche dann erfüllen. Kunden, die keinen Wunschzettel mehr vorgefunden haben, konnten Gutscheine von den Buchhandlungen erwerben. Die liebevoll und nachhaltig verpackten Geschenke haben wir persönlich in der Weihnachtswoche verteilt.
Wie kam das Angebot an?
ZIMMERMANN: Teilweise bestanden am Anfang Bedenken, dass vielleicht nur wenige Wunschzettel zurückkommen. Das war überhaupt nicht der Fall. Wir sind sehr glücklich und berührt, dass das Angebot so gut angenommen wurde. Bei der VHS und beim Jobcenter haben alle mitgefiebert. NOVAK: Alle Wünsche wurden erfüllt. Wir haben sogar noch Geldspenden bekommen, von der Bürgerstiftung Werra-Meißner, der BKK Werra-Meißner, The Pauly Group, Neu-Eichenberg, und der Firma Suet Saat- und Erntetechnik, Eschwege. Diese Spenden verwenden wir für die nächsten Aktionen.
Also war die Spendenbereitschaft der Bürger groß?
KÜMMEL: Die Resonanz aus der Bevölkerung war unheimlich groß. In Witzenhausen haben Menschen sogar Schlange gestanden, um sich an der Aktion zu beteiligen. In Eschwege war nach kurzer Zeit ebenfalls kein einziger Wunsch mehr am Wunschbaum. Man hat gemerkt, dass das haptische Buch noch einen richtigen Wert hat. An dieser Stelle bedanken wir uns recht herzlich bei allen für die überwältigende Spendenbereitschaft.
Welche Bücher haben die Kinder sich gewünscht?
ZIMMERMANN: Es waren wirklich sehr tolle Bücher dabei, die sich die Kinder gewünscht haben. Von Lernbüchern und Kinderlexika bis hin zu Klassikern wie „Der Zauberer von Oz“ und „Räuber Hotzenplotz“. Daran erkennt man auch das Bedürfnis danach, sich außerhalb der Schule mit Büchern zu beschäftigen. Die Eltern bedankten sich für die Buchgeschenke und freuten sich sehr mit ihren Kindern.
Aus welchen Kommunen kommen die Kinder?
NOVAK: Aus dem ganzen Werra-Meißner-Kreis. Es war fast jede Kommune dabei. Schwerpunkte gab es zum Beispiel in Hessisch Lichtenau, Sontra, Reichensachsen, Witzenhausen und Eschwege.
Geht das Projekt weiter?
NOVAK: Wir möchten die Wunschbuchaktion zu Ostern für die Altersgruppe 11 bis 14 Jahre erneut starten. Mit Blick auf die Osterferien haben die Kinder und Jugendlichen dann auch Zeit, ihr Wunschbuch zu lesen. Zu Weihnachten planen wir eine weitere Aktion. Unsere Idee ist es, Familien mit Gesellschaftsspielen zu beschenken. Für die kommenden Projekte steht uns auch die Evangelische Kirchengemeinde Hundelshausen-Dohrenbach zur Seite.

Zu den Personen

Regina Novak (57) ist seit Jahren pädagogische Mitarbeiterin und Bildungsberaterin des Eigenbetriebs Volkshochschule, Jugend, Freizeit Werra-Meißner. Die Mutter eines erwachsenen Sohnes ist verheiratet und lebt mit ihrem Ehemann in Eschwege.

Uwe Kümmel (57) ist nach Stationen bei der Agentur für Arbeit in Eschwege und der Kreisverwaltung inzwischen Bereichsleiter beim Jobcenter Werra-Meißner. Geboren wurde er in Bad Hersfeld, heute lebt er in Eschwege. Der verheiratete Vater dreier erwachsener Kinder und Großvater von vier Enkeln liest gern, spielt Tennis und läuft.

Manuela Zimmermann (52) arbeitet beim Jobcenter als Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und ist dort außerdem Teamleiterin zentraler Aufgaben. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. In der Freizeit liest sie gern, wandert und fährt Rad. 

Große Freude über sein eigenes Buch: Domenik (6) hat bei der Wunschbuchaktion mitgemacht.

(Jessica Sippel)

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