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Für die gute Sache: Von Reichensachsen nach Polen - Familie reist ins Krisengebiet

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Von: Maren Schimkowiak

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Fahrt zur polnisch-ukrainischen Grenze: Gemeinsam mit seiner Frau Tamara unternimmt Christian Steinmüller ein Abenteuer im Sinne der Menschlichkeit.
Fahrt zur polnisch-ukrainischen Grenze: Gemeinsam mit seiner Frau Tamara unternimmt Christian Steinmüller ein Abenteuer im Sinne der Menschlichkeit. © Tamara Steinmüller/nh

Der anhaltende Krieg in der Ukraine beschäftigt die Menschen im Werra-Meißner-Kreis. Viele wollen helfen. Eine Ehepaar macht sich auf den Weg.

Reichensachsen – Als der Wecker in der Nacht zum Dienstag klingelt, sind Christian und Tamara Steinmüller aus Reichensachsen sofort hellwach, ein Wunder, dass sie überhaupt ein Auge zu bekommen haben. Seit dem frühen Montagvormittag hat das Paar nämlich eine Mission: Ins polnisch-ukrainische Grenzgebiet fahren und dort hilfsbedürftige Menschen abholen.

Kein einfaches Unterfangen, immerhin mussten nicht nur die drei Kinder bei Großeltern und Freunden untergebracht, sondern auch der Transport geregelt werden. Um kurz vor halb drei startet das Paar zum polnischen Grenzort Przemysl, 1000 Kilometer und über 10 Fahrstunden von der Wehretaler Heimat entfernt.

Ukrianische Kollegen sind über Nacht von Softwarefachleuten zu Soldaten geworden

Aber was bewegt zwei Privatleute, 38 und 40 Jahre alt, dazu, sich nachts auf eine so weite Reise ins Ungewisse anzutreten? „Mein Mann ist Softwarearchitekt und arbeitet unter anderem mit einer Firma zusammen, die in der Ukraine sitzt“, erzählt Tamara Steinmüller. „Seit vergangenem Donnerstag hat er viel mit seinen ukrainischen Kollegen gesprochen.“ Bilder und Videos werden ausgetauscht, bei denem es einem gruselt. Der Kollege sei innerhalb von zwei Tagen vom Softwarefachmann zum Soldaten geworden.

„Wir wussten, dass wir irgendetwas tun müssen. Es macht einen Unterschied, wenn man dort jemanden kennt.“

Tamara Steinmüller

„Wir wussten, dass wir irgendetwas tun müssen. Es macht einen Unterschied, wenn man dort jemanden kennt.“ Als der Entschluss getroffen ist, geht alles sehr schnell. Vom ETSV leihen sich die beiden einen Sprinter mit neun Sitzen. Mit einem leerem Auto wollen sie nicht losfahren, daher startet die Inhaberin eines Nähfachgeschäftes kurzerhand einen Aufruf in den sozialen Medien.

Große Spendenresonanz

Die Resonanz ist riesengroß: Innerhalb einer Stunde ist der heimische Hof vollgestellt mit Windeln, Hygieneartikeln, frischem Wasser und Babynahrung. Auch mehrere Schlafplätze werden von Freunden aus Grebendorf und Eschwegege in Aussicht gestellt. „Wir fahren da hin und nehmen so viele wie möglich mit“, von der Autobahn aus berichtet Tamara live in die WR-Redaktion. Wen sie mit nach Deutschland nehmen werden, das ist zur Zeit noch völlig offen, auch wie sich die Situation vor Ort darstellt. Angst vor den fremden Menschen, die sie mit nach Hause nehmen wollen, haben sie nicht. „Aber ich habe ehrlich gesagt großen Respekt vor den ganzen Eindrücken, die uns erwarten.“

Auf Instagram postet Tamara ein Autobahn-Foto vom Sonnenaufgang, dazu die Bildbeschreibung: „Unter anderen Voraussetzungen wäre das ein toller Start in den Tag.“

Den Roadtrip der etwas anderen Art unternehmen die Steinmüllers aber nicht ohne eine Prise Humor, sie müssen auch viel improvisieren, etwa beim Laden des Handyakkus, der Sprinter hat nämlich keinen USB-Adapter. Und ganz erstaunt sind sie, als sie an einer polnischen Tankstelle vorbeifahren: „Der Sprit ist hier echt günstig.“

Gegen Nachmittag wollen die Steinmüllers in dem Grenzort sein und dort zunächst die mitgebrachten Güter den hiesigen Hilfsorganisationen übergeben. Danach ist im Auto auch wieder Platz für sechs in Not geratene Menschen. Wie es mit ihnen weitergeht und was sie im Werra-Meißner-Kreis neben der großen Welle der Hilfsbereitschaft erwartet, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch offen.

Die Werra-Rundschau wird das Ehepaar Steinmüller und ihre Mitfahrenden weiterhin begleiten. (Maren Schimkowiak)

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