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Vor 40 Jahren zog Eschweger Juz in die ehemalige Schlossmühle

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Von: Tobias Stück

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Zurück zu den Wurzeln: Als The Bates 1995 mit „Billie Jean“ schon einen Charterfolg hatten, kehrten sie für ein Geheimkonzert in den Beatkeller des Juz – erkennbar an den Heizungsrohren – zurück.
Zurück zu den Wurzeln: Als The Bates 1995 mit „Billie Jean“ schon einen Charterfolg hatten, kehrten sie für ein Geheimkonzert in den Beatkeller des Juz – erkennbar an den Heizungsrohren – zurück. © Sascha Nölke/Wikipedia

Vor 40 Jahren bezog das Eschweger Jugendzentrum die ehemalige Schlossmühle an der Werra. Kultur und offener Treffpunkt: Wir blicken zurück, was das Juz ausmacht.

Eschwege – Die Toten Hosen aus Düsseldorf und das Jugendzentrum Schlossmühle in Eschwege, besser bekannt als Juz, haben eine enge Verbindung. Beide wurden am 17. April 1982 gegründet. Während die Düsseldorfer eine Weltkarriere gestartet haben, war das Juz Startrampe für die ein oder andere Eschweger Band, die aus dem Proberaum in der alten Schlossmühle anschließend ebenfalls durch die Welt getourt sind – und teilweise wieder auf die Toten Hosen trafen.

Die Anfänge

Die Eschweger Jugendbewegung hatte ihr erstes Domizil am Stad. In der Gaststätte „Werrabrücke“ in der Nummer 56 nahe der ersten Werrabrücke traf man sich, nachdem die Eschweger Klosterbrauerei das Gebäude der Stadt überlassen hatte. Dann gab es städtebauliche Veränderungen in Eschwege, von denen die Jugendlichen betroffen waren. Das Haus der „Werrabrücke“ fiel dem Straßenneubau zum Opfer. Die Jugendlichen standen ohne Bleibe da. Die Stadt fand aber eine Alternative. Durch den Neubau der Jugendherberge wurde die Schlossmühle frei. Für zwei Millionen D-Mark renovierte die Stadt hier. Neben der Stadtbücherei zogen dort am 17. April 1982 auch die Jugendlichen ein.

Kämpften für ein Domizil: Nach dem Abriss der „Werrabrücke“ brauchten Eschweger Jugendliche eine neue Bleibe und gingen 1979 dafür auf die Straße.
Kämpften für ein Domizil: Nach dem Abriss der „Werrabrücke“ brauchten Eschweger Jugendliche eine neue Bleibe und gingen 1979 dafür auf die Straße. © Stadtarchiv Eschwege

Offene Jugendarbeit

Das Betätigungsfeld des Juz ist zweigeteilt. Zum einen gibt es die offene Jugendarbeit. „Wir wollen Kinder von der Straßen holen und ihnen eine sinnvolle Beschäftigung geben“, sagt Rigobert Gaßmann, seit 1993 Jugendpfleger bei der Stadt Eschwege. In den Räumen der oberen Stockwerke der Schlossmühle bieten sie seit 40 Jahren „Freizeitpädagogik“, wie es offiziell heißt. Dabei steht den Jugendlichen zwar immer ein Ansprechpartner der Stadtjugendförderung zur Seite, sie können aber selbst entscheiden, wie sie die Zeit im Juz gestalten.

Themen wie Schule, Familie, Freunde, Gewalt, Partnerschaft und Sexualität werden hier mit den Freunden, aber auch mit den Sozialarbeitern besprochen. „Die Themen haben sich in den vergangenen 40 Jahren eigentlich nicht verändert“, sagt Gaßmann. Die Intensität sei höher geworden. Dazu hätten soziale Medien beigetragen, bestätigt Sozialarbeiter Christian Reich, der in erster Linie für das Jugendzentrum am Heuberg zuständig ist. In der Schlossmühle treffen sich Jugendliche ab 13 Jahren. Die hauptamtlichen Mitarbeiter wie Christina Gliemroth, Steffi Stuhl, Christian Reich oder Honorarkräfte sind immer mit von der Partie. „Auf die Uhr schauen darf man in diesem Job nicht“, sagt Gaßmann. Unterstützt werden die Mitarbeiter der Stadt von ehrenamtlichen Helfern.

Kulturarbeit

Das zweite Betätigungsfeld ist die Kulturarbeit. Musik spielt dabei eine große Rolle. In den Anfängen in den 1980er- und 1990er-Jahren standen Rock, Metal und Punk hoch im Kurs. Schlagzeug, Gitarre und Bass genügten, um eine Band zu gründen. Später kamen Hip-Hop, Breakdance und Graffiti dazu. Die Jugendlichen begannen schnell, eigene Konzerte zu organisieren. Die Gewinne konnten die Organisatoren behalten. Das Juz bietet einige Kreativräume. Zwischenzeitlich standen drei Bandräume zur Verfügung, die sich in den Hochzeiten in den 1990er-Jahren bis zu sechs Bands teilten.

Kulturarbeit: Zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 2007 waren Hip-Hop, Breakdance und Graffiti besonders angesagt.
Kulturarbeit: Zum 25-jährigen Jubiläum im Jahr 2007 waren Hip-Hop, Breakdance und Graffiti besonders angesagt.  © Privat

Talentschmiede

Bestes Beispiel für die Talentschmiede Juz Eschwege sind The Bates. 1987 gründeten sie sich im Eschweger Jugendzentrum und nutzten einen der Proberäume, den sie für sich allein hatten, einige Jahre. 1988 gaben sie hier das erste Konzert von The Bates. Anschließend professionalisierten sie die Musik, Erfolge stellten sich ein.

Bei der Plattenfirma Virgin – hier haben wir wieder eine Parallele – waren zu der Zeit auch die Toten Hosen unter Vertrag. Die größten kommerziellen Erfolge der Bates umfassen unter anderem die Songs „Hello (Turn Your Radio On)„ (1994), „Billie Jean“ (1994), „A Real Cool Time“ (1995), „It’s Getting Dar“k (1996) und „Independent Love Song“ (1997). 1995, als die Karriere nach dem größten Charterfolg richtig Fahrt aufnahm, spielten die Musikstars in „ihrem“ Juz ein Geheimkonzert an alter Wirkungsstätte.

Haben ihre Karriere im Juz gestartet: Die Eschweger Band Bitune ergatterte in den 2000er Jahren einen Plattenvertrag und tourte durch Deutschland und England.
Haben ihre Karriere im Juz gestartet: Die Eschweger Band Bitune ergatterte in den 2000er Jahren einen Plattenvertrag und tourte durch Deutschland und England. © privat

Bitune war 1996 aus Musikern aus dem Juz hervorgegangen. Paul Wrettom und die beiden Brüder Martin und Thomas Bartscher gehörten zur Ur-Besetzung. Es folgten Sascha Wiegand, der 2012 Teilnehmer bei The Voice of Germany war, und Lars Wagner. 1999 gewannen sie ein nordhessisches Nachwuchsfestival.

Richtig vorwärts ging es erst, als sie in neuer Besetzung mit Gitarrist Chris Wosimski erste Erfolge feierten. Sie traten als Vorband von Billy Talent und – da haben wir sie wieder – 2005 mit den Toten Hosen auf. Dieses Konzert als Vorband vor 18 000 Zuschauern war das größte der Eschweger. Sie wurden von einem englischen Plattenlabel unter Vertrag genommen und veröffentlichten zwei Alben. Deutschland- und England-Touren folgten. 2010 legte die Band eine Pause von der professionellen Musik ein.

Am Samstag (26.11.2022) wird das Jubiläum groß gefeiert

Das 40-jährige Bestehen des Eschweger Jugendzentrums in der Schlossmühle wird am Wochenende groß gefeiert. Am Samstag, 26. November, öffnet ab 16 Uhr das Juz die Türen für alle, die sich mit ihm verbunden fühlen, die Anekdoten über ihre Zeit von früher austauschen wollen oder für diejenigen, die gern einfach mal vorbei schauen wollen.

Die Jugendlichen werden ein paar Leckereien vorbereiten: Es gibt Pommes, Centershocks sowie warme und kalte Durstlöscher. Alte Fotos werden ausgestellt, um neue zu machen, ist eine Fotobox aufgestellt. Für die jüngeren Besucher gibt es Tattoos und Kinderschminken. Als Highlight am Abend organisiert die Kulturinitiative Jugendzentren Eschwege ab 20 Uhr ein Konzert im Beatraum.

Auftreten werden gleich zwei Bands. Das Bates-Tribute-Projekt The Psycho Juniors wird an alte Zeiten der bekanntesten Juz-Band erinnern. Die vier nordhessischen Musiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Andenken der Band in Ehren zu halten. Mit ihrem Programm erinnern sie an die 1994er Bubblegum-Trash-Tour. Unterstützt werden sie von der Bad Hersfelder Band The Amuse Girls. Der Eintritt an der Abendkasse liegt bei neun Euro. ts

2012 – zum 30-jährigen Bestehen des Jugendzentrums – hatte die Stadtjugendförderung übrigens die Toten Hosen eingeladen, eines ihrer damaligen Wohnzimmerkonzerte im Beatraum des Juz zu spielen. Sie hatten abgesagt. Beide können aber noch zusammenkommen. Die nächste Chance kommt, wenn die Hosen und das Juz 50 werden. (Tobias Stück)

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