„Vorher hinkten wir hinterher“

30 JAHRE DEUTSCHE EINHEIT Interview mit dem damaligen Landrat Dieter Brosey

Grenzübergreifende Zusammenarbeit: Die Landräte der benachbarten Kreise im Dreiländerecke Hessen-Niedersachsen-Thüringen treffen sich mittlerweile seit Jahrzehnten regelmäßig, 2005 empfing Dieter Brosey (Mitte) in Eschwege Dr. Werner Hennig (Eichsfeldkreis) und Reinhard Schermann (Landkreis Göttingen) in Eschwege.
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Grenzübergreifende Zusammenarbeit: Die Landräte der benachbarten Kreise im Dreiländerecke Hessen-Niedersachsen-Thüringen treffen sich mittlerweile seit Jahrzehnten regelmäßig, 2005 empfing Dieter Brosey (Mitte) in Eschwege Dr. Werner Hennig (Eichsfeldkreis) und Reinhard Schermann (Landkreis Göttingen) in Eschwege.

Knapp ein Jahr nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze kam es am 3. Oktober 1990 zur Wiedervereinigung. Im Werra-Meißner-Kreis war zu der Zeit und die Jahre danach Dieter Brosey Landrat.

Werra-Meißner – Ab 1988 war Dieter Brosey (SPD) Landrat des Zonenrandkreises und nach dem 9. November 1989 bei fast jeder lokalen Grenzöffnung. Der heute 78-Jährige wuchs zudem in Heringen (Kreis Hersfeld-Rotenburg), also direkt an der damaligen innerdeutschen Grenze, auf. Wir fragten ihn nach seinen Erinnerungen auf dem Weg zur Wiedervereinigung und die Entwicklung der Region seither.

Woran denken Sie heute als Erstes, wenn Sie den Begriff Deutsche Einheit hören?

Dass zumindest die Grenze geöffnet wird, das war immer ein Traum und ein Wunsch von uns, die wir im Zonengrenzgebiet wohnen. Dass es zu einer richtigen formalen und politischen Einheit gekommen ist, das hätte man damals nicht gedacht und hatte nicht mehr richtig daran geglaubt. Aber dass es zu einer wesentlichen Verbesserung des Verhältnisses zwischen Ost und West kommt und zu offenen Grenzen, daran habe ich immer geglaubt.

Also ist Ihnen der 9. November 1989 das bedeutsamere Datum?

Die Grenzöffnung, die den Werra-Meißner-Kreis besonders betroffen hat zunächst am Grenzübergang Herleshausen und später mit den vielen Grenzöffnungsfeiern den Winter über, war für mich die entscheidende Phase. Das Entscheidende war, dass wir wieder rübergehen konnten und die Menschen dort wieder zu uns kommen konnten, dass wir alle Freiheit gewonnen hatten. Diese Freiheit ist heute selbstverständlich, damals war sie das nicht.

An welcher Feier zur Deutschen Einheit am 3. Oktober haben Sie damals teilgenommen?

Das war die sehr eindrucks- und würdevolle Feier am Vormittag auf der Wartburg mit sehr vielen Gästen. Das war sehr bewegend, weil die Geschichte von Thüringen und Hessen von den Rednern sehr deutlich dargestellt wurde.

Welche Vorbereitungen waren zu treffen, die den bisherigen Zonenrand-Landkreis Werra-Meißner besonders beschäftigten – und eventuell auch belasteten?

Die Arbeit fiel direkt nach der Grenzöffnung an. Es gab in den ersten Monaten einen Ansturm ohnegleichen. Es ging um das Begrüßungsgeld, um das Zulassen von Autos und um vieles mehr. Dies war hauptsächlich von der Verwaltung, den Sparkassen und Volksbanken zu bewältigen – und das haben sie, wie ich meine, sehr gut gemacht. Die Mitarbeiter waren sehr engagiert, es lief ganz von alleine. Es war eindrucksvoll, wie hilfreich die Kreisverwaltung, die Stadtverwaltung Eschwege und die anderen Verwaltungen waren. Für die formale Wiedervereinigung, den Akt am 3. Oktober, mussten keine großen Vorbereitungen mehr geleistet werden.

Wurde die Deutsche Einheit direkt an der bisherigen Nahtstelle der beiden Weltmacht-Systeme von den Menschen auch gleich gelebt?

Das Wichtigste war zunächst, dass die Familien wieder zusammenkamen, die teilweise 40 Jahre getrennt waren. Ich denke da beispielsweise an Großburschla und Altenburschla. Das war gelebte Einheit unter den Menschen. Es wurden auch viele Partnerschaften geschlossen. Ich erinnere mich daran, dass die Gemeinde Meißner gleich zwei Partnerschaften mit Gemeinden aus dem Kreis Mühlhausen hatte. Das war in der ersten Zeit nicht nur spontan, sondern auch sehr herzlich. Es hat später nachgelassen, da kam auch etwas Verdruss. Insgesamt fand ich den Prozess der Wiedervereinigung unter den Menschen gerade bei uns im Kreis und in den Kreisen Eichsfeld und Mühlhausen sehr positiv und eindrucksvoll.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung unseres Landkreises in den vergangenen 30 Jahren, haben Sie das so erwartet oder völlig anders?

Nach 30 Jahren kann man sagen: Es ist alles sehr positiv. Die wirtschaftliche Situation auch in angrenzenden Kreisen hat sich deutlich gebessert. Um das Jahr 2000 war eine schwierige Delle in der Entwicklung, aber da sah es mit der Wirtschaft in Deutschland insgesamt nicht gut aus. Da haben die ehemaligen Zonengrenzkreise unter der früheren Grenzlage wirtschaftlich doch besonders gelitten. In den vergangenen 15 Jahren, auch nachdem und weil in Kassel das Regionalmanagement gegründet worden ist, ist auch Nordhessen insgesamt in seiner Entwicklung richtig nach vorne gekommen. Davon profitiert auch der Werra-Meißner-Kreis.

Wäre das ohne die Deutsche Einheit nicht vielleicht auch so gekommen?

Nein, da bin ich sehr skeptisch. Man hat gerade in den 1990er-Jahren und Anfang der 2000er gemerkt, wie sehr wir immer noch hinterherhinkten aufgrund unserer extremen Lage an der Grenze. Der Verkehr ging an uns vorbei, die Entwicklung ging an uns vorbei. Das wäre noch schlimmer gewesen, wenn die Grenze geblieben wäre. Dann hätte es keine Ost-West-Verbindungen gegeben. Und erhöhte Zuschüsse vom Bund hätten auch keine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung gefördert. Von daher ist die Deutsche Einheit sehr positiv zu sehen, gerade auch für den Werra-Meißner-Kreis. Man darf auch nicht vergessen: Die großen Schwierigkeiten, die wir in Eschwege durch das Schließen der großen Firmen Woelm, Becker und Hach sowie Simonsbrot bekamen, hatten nichts mit der Deutschen Einheit zu tun. Insgesamt erfolgte schon ein großer Schritt nach vorn, auch wenn er etwas länger gedauert hat als am Anfang, als die Euphorie sehr stark war, gedacht.

Hatten Sie damals aufgrund der gewonnenen Einheit Deutschlands besondere Visionen für den Werra-Meißner-Kreis entwickelt?

Wir hatten schon gedacht, dass wir verkehrsmäßig besser angeschlossen werden und dadurch eine bessere wirtschaftliche Ansiedlungslage erhalten. Das hat nicht hingehauen, der Bau der A 44 dauert ja ewig. Und die Pläne für ein großes Gewerbegebiet in Neu-Eichenberg, worauf wir damals große Hoffnungen setzten, wurden auch nicht verwirklicht. Beide Projekte hatten wir stark vorangetrieben.

Wie begehen Sie heute den Tag der Deutschen Einheit?

Zu einer Veranstaltung würde ich wegen der Corona-Pandemie gar nicht gehen können. Wir werden Veranstaltungen dazu im Fernsehen verfolgen.

(Stefan Forbert)

Zur Person

Dieter Brosey (78) war 18 Jahre lang Landrat des Werra-Meißner-Kreises, bis Juni 2006. 1942 in Chemnitz geboren, lebt er seit 1947 in Nordhessen. In Heringen ging er zur Schule, in Kassel war er (nach seinem Jura-Studium in Frankfurt) Referendar, und dort, im Regierungspräsidium, begann er auch seine berufliche Laufbahn. Von 1975 bis 1988 war der Sozialdemokrat Bürgermeister in Großalmerode, ehe er zum Landrat gewählt wurde. Dieter Brosey ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Am liebsten wandert er. bre/sff

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