Naturphänomen und Nahrungsquelle für das Rotwild

Waldwege im Werra-Meißner-Kreis sind mit Eichenlaub übersät

Werfen sogenannte Absprünge ab: Eichen werfen begrünte Zweige ab, die gern vom Rotwild als Nahrung aufgenommen wird.
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Werfen sogenannte Absprünge ab: Eichen werfen begrünte Zweige ab, die gern vom Rotwild als Nahrung aufgenommen wird.

Wer einen Spaziergang in den Wäldern des Werra-Meißner-Kreises unternimmt, der wird erstaunt sein, dass die Waldwege immer dort, wo alte Eichen stehen, von kleinen, oft noch grünen Zweigen mit Eichenlaub förmlich übersät sind.

Die Erklärung für diese Naturerscheinung ist einfach: Die in Deutschland heimischen Eichenarten der Stieleiche und der Traubeneiche werfen besonders im Spätsommer und Frühherbst, also lange vor dem eigentlichen, vorwinterlichen Laubabwurf, regelmäßig Seitenzweige und Triebspitzen mit oft noch grünen Blättern ab.

Diese Zweigfragmente werden forstlich als „Absprünge“, manchmal auch als „Absprengsel“ bezeichnet.

Zunächst könnte man denken, dass es sich dabei um die Folge einer Erkrankung der Bäume handelt. Dies ist aber nicht richtig. Vielmehr stellt es wohl eine Art Schutzreflex dar, den die Bäume nutzen, um in der Trockenheit des Sommers die Verdunstungsfläche zu reduzieren und damit Austrocknungserscheinungen vorzubeugen.

Da das Phänomen aber auch in nassen Jahren wie in diesem auftritt, kann dies nicht die alleinige Ursache sein.

Das untere Ende der zirka 20 bis 40 Zentimeter langen Absprünge ist etwas verdickt und sieht einem Gelenk ähnlich. Deutlich ist eine glatte Narbe an der Basis der abgeworfenen Zweigspitzen zu erkennen, an der der Baum ein Trennungsgewebe ausgebildet hat.

Unser Autor

Dr. Jörg Brauneis (60) ist in erster Linie Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Eschwege und in zweiter Linie Naturschützer. Er studierte erst Biologie in Gießen und dann Humanmedizin in Göttingen. In seiner Freizeit widmet er sich der Vogelkunde und geht gerne jagen. Brauneis ist außerdem im Vorstand des Jagdvereins Hubertus engagiert. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. red

Auch bei Pappeln und Weiden kommen regelmäßig Absprünge vor, die sich, wenn sie ins Wasser oder in feuchten Uferschlamm fallen, wieder bewurzeln können und so zur vegetativen (ungeschlechtlichen) Verbreitung der Pappeln und Weiden beitragen.

Rothirsche äsen sehr gerne die Blätter von Bäumen und Sträuchern. Oft erheben sich die Tiere dabei auf die Hinterläufe, um an frisches Laub zu gelangen.

Es ist daher verständlich, dass das Rotwild gezielt alte Eichenbestände oder die auf Waldwiesen und an Wegekreuzungen von hegenden Förstern und Jägern oft über Jahrhunderte gepflegten und erhaltenen Eichensolitäre aufsuchen, um das Laub der Absprünge zu äsen.

Dabei können die Eichenabsprünge in Regionen mit bedeutenden Eichenvorkommen jahreszeitlich eine sehr wichtige Rolle in der Ernährung der Rothirsche spielen.

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