Wanfried

Vielleicht doch auf‘s Land? Medizinstudentin hat Pflichtpraktikum bei Landarzt gemacht

War Praktikantin in einer Landarztpraxis in Wanfried: die Medizinstudentin der Uni Göttingen Vivian Gabriel. Sie selbst kommt aus einer Großstadt.
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War Praktikantin in einer Landarztpraxis in Wanfried: die Medizinstudentin der Uni Göttingen Vivian Gabriel. Sie selbst kommt aus einer Großstadt.

Sie selbst kommt aus der Großstadt, Landärztin zu werden stand für Vivian Gabriel nicht zur Debatte. Bis sie für ein Praktikum in den Werra-Meißner-Kreis kam.

Werra-Meißner – Bevor Vivian Gabriel ihr zweiwöchiges Pflichtpraktikum im März dieses Jahres in der Landarztpraxis Pippert/Eickhoff in Wanfried absolvierte, kam für die 26-jährige Medizinstudentin der Uni Göttingen Hausarzt/ Landarzt zu werden überhaupt nicht infrage. „Jetzt würde ich nicht mehr ausschließen, irgendwann im ländlichen Bereich zu arbeiten“, sagt sie.

Die junge Frau gehört zu insgesamt 24 Studierenden der Humanmedizin, die in diesem Jahr ihr Blockpraktikum im Werra-Meißner-Kreis in einer klassischen Landarztpraxis absolviert und dabei die Förderung des Werra-Meißner-Kreises genutzt haben. Die läuft unter dem Motto „Nur lernen – nicht kümmern und nichts bezahlen“. Über das Programm „Landpartie“ finanziert der Kreis den Studierenden Fahrtkosten und Unterbringung am Praktikumsort im Kreis.

Vivian Gabriel stieß eher über persönliche Kontakte auf das Angebot des Werra-Meißner-Kreises. „Ich musste echt Eigeninitiative zeigen, um das Programm zu finden, die Uni unterstützt dabei praktisch nicht.“

Betreuung vor Ort

Doch so umständlich zunächst der Weg, so unkompliziert sei der Kontakt mit Anja Fett, die das Programm vor Ort betreut, gewesen und umso größer die Begeisterung der Studentin über die Zeit in Wanfried. „Das war das beste Praktikum im ganzen Studium“, sagt sie heute. „Ich durfte dort sehr viel eigenständig arbeiten.“

Weil Vivian Gabriel damals gerade mitten in ihrer Promotionsarbeit steckt, entscheidet sie sich, täglich zwischen Göttingen und Wanfried zu pendeln. Sie beginnt in aller Regel um 8 Uhr morgens und begleitet den Praxisalltag. Was ihr auffällt und aus dem Klinikalltag völlig unbekannt ist: „In einer Landarztpraxis ist es viel entspannter. Da geht es nicht um anonyme Fallnummern, sondern um Menschen, die man lange kennt“, erzählt sie. „Die Ärzte nehmen sich viel Zeit für ihre Patienten, das kenne ich so auch aus Hausarztpraxen in Großstädten nicht.“

Die Ärzte in der Wanfrieder Praxis, die anerkannte Lehrarztpraxis für Allgemeinmediziner ist, lassen die junge Studentin machen. „Ich durfte Patienten erst mal alleine untersuchen – eine erste Anamnese erstellen, Lunge, Herz abhören.“ Dann habe sie mit den Ärzten eine Art Übergabe gemacht, gemeinsam wurde über mögliche Behandlungen gesprochen, und zwar in Beisein des Patienten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „Oft“ sagt sie, heiße es „wir sprechen später darüber“ und dann werde es vergessen oder es bleibt keine Zeit.

Das Praxisteam durfte sie auch anderweitig unterstützen: Sie nahm Blut ab, machte Ultraschall. An den Tagen, wo sie bereits am Nachmittag nach Göttingen zurückkehrt, bekommt sie ein Thema zur Aufgabe, das sie in einer Art Prüfungsmodus vorbereiten muss. Was sie beeindruckte, ist das „unfassbar große und breit aufgestellte Wissen“, das Landärzte haben.

Abrechnungen stehen im Medizinstudium nicht auf dem Lehrplan

Und noch etwas lernt die Medizinstudentin in der Praxiszeit – sich mit dem Thema Abrechnung zu beschäftigen. Das ist etwas, was im Medizinstudium nicht gelehrt wird und beim Thema Hausarztpraxis extrem abschreckend wirkt. „Dr. Pippert hat mir viele Einblicke in die Abrechnung der Praxis gegeben.“ Sie kritisiert die mangelnde Unterstützung der Universitäten zu diesem Thema. „Ich glaube, wenn man da während des Studiums mehr Unterstützung erfahren würde, wäre das sinnvoll.“

Doch auch die Ausbildungspraxen profitieren von den Studenten. „Natürlich ist es ein zeitlicher Mehrbedarf, aber das gehört zur Ausbildung dazu. Außerdem profitiere ich in vielfältiger Weise von den Studierenden und Assistenzärzten.

Im Team beziehungsweise Austausch geht es darum, die eigene Meinung oder Diagnose zu hinterfragen und Fehlertoleranz, Neugier und Weiterbildung zu fördern. Zugleich ist die Ausbildung auch eine Investition in die Zukunft“, bekräftigt der Wanfrieder Arzt Tim Pippart, der die Ausbildung auch als einen Teil der Netzwerkarbeit sieht.

Zu dieser Netzwerkarbeit, mit der der Landkreis perspektivisch die medizinische Versorgung auf dem Land sichern will und muss, gehört das Programm „Landpartie“. Haben es die Studenten erst einmal entdeckt, ist die Abwicklung unkompliziert. „Ich konnte einfach meine Rechnungen einreichen und hab das Geld sofort erstattet bekommen“, sagt Vivian Gabriel.

Die hat jetzt ihre Doktorarbeit abgegeben und wechselt jetzt für ihr Praktisches Jahr nach Karlsruhe. „Ich will Anästhesistin werden, zum hektischen Schichtdienst in einer Klinik kann das irgendwann eine interessante Alternative sein.“

Landärzte für die Region gewinnen

Die „Landpartie“ ist ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Allgemeinmedizin der Phillips-Universität in Marburg. Die Landpartie wurde für Studierende der Humanmedizin im 9./10. Semester konzipiert, die ein 14-tägiges Pflichtpraktikum absolvieren. Damit die Studierenden den Kopf fürs Lernen frei haben und nicht über Organisation und Finanzen nachdenken müssen, werden sie vom Werra-Meißner-Kreis dabei unterstützt, eine akademische Lehrarztpraxis zu finden. Der Kreis übernimmt Fahrt- und Übernachtungskosten während der Praktikumszeit im Werra-Meißner-Kreis. „Wir möchten die angehenden Mediziner für weitere Praktika in Praxen, Krankenhäusern und Kliniken im Werra-Meißner-Kreis, für das Praktische Jahr und auch für die Weiterbildung zum Facharzt oder zur Fachärztin in der Region gewinnen. Um dies zu erreichen und somit die zukünftige ärztliche Versorgung zu sichern, wirken viele Stellen bei uns im Landkreis zusammen. Dabei ist die praktische Lehre der akkreditieren Ärztinnen und Ärzte ein ganz maßgebliches Fundament“, unterstreicht Anja Fett.

Von Stefanie Salzmann

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