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NACHTFIEBER Die ehemalige Disco „Der Bunker“ in Wanfried

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Von: Theresa Lippe

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Mitinhaber, DJ und Wirt: Joachim Thomas legte zehn Jahre lang Platten in seiner Disco „Bunker“ in Wanfried auf. Das Foto zeigt ihn bei der Einweihung.
Mitinhaber, DJ und Wirt: Joachim Thomas legte zehn Jahre lang Platten in seiner Disco „Bunker“ in Wanfried auf. Das Foto zeigt ihn bei der Einweihung. © Privat

Winterzeit ist Discozeit – zumindest früher einmal. 50 Jahre bestimmten die Tanzschuppen die Abendgestaltung. Heute gibt es keine einzige mehr in der Region. Wir erinnern uns an ehemalige Discos.

Wanfried – „Nach einer langen Partynacht schloss ich den Bunker ab und auf einmal stand ein Mann mit Pistole vor mir“, berichtet Joachim Thomas von einer Nacht, die ihm als damaliger Inhaber der Wanfrieder Disco „Bunker“ ganz besonders in Erinnerung geblieben ist. „Da ist mir das Herz erst mal in die Hose gerutscht, schließlich hatte ich auch die ganzen Einnahmen des Abends bei mir.“ Doch schnell entspannte sich die Situation – „der Mann mit Pistole war nur Wanfrieds Nachtwächter und nicht etwa ein Räuber“, sagt der heute 68-Jährige.

Als Bunker werden eigentlich schützende Bauwerke bezeichnet, die die Insassen oder die Umgebung vor direkter Gefährdung bewahren. Doch der Bunker – angesiedelt im Keller des damaligen Bürgerhauses in Wanfried – diente nicht etwa dem Schutz vor Gefahr, sondern war eine Disco, die in den 70er-Jahren Dreh- und Angelpunkt der Partyszene der östlichsten Stadt Hessens war. Um in die Disco zu gelangen, musste man durch einen langen, engen, unterirdischen Gang gehen. So ist die Disco zu ihrem Namen gekommen. Einen Zugang auf der Rückseite hätte es aber auch gegeben. 250 Menschen passten auf die Tanzfläche. Sie umfasste einen Würfel, auf dem sich sowohl Bar als auch DJ-Pult befanden. „Viel Platz zum Auflegen hatte ich da nicht“, sagt Thomas, der damals einer von vier Inhabern des Bunkers war. „Ich war DJ und half aber auch an der Bar aus, wenn Not am Mann war.“ Rund 2000 Schallplatten hatte er an seinem DJ-Pult, um ein breites Angebot an Musik zu bieten. „Soul, Rock, Abba, die Bee Gees und T-Rex ... Bis auf Schlager habe ich alles gespielt“, sagt er.

Nachtfieber: Die Disco Bunker in Wanfried

„Bei so einer großen Auswahl an Schallplatten habe ich den Ablauf für den Abend immer vorbereitet, sonst wäre es viel zu hektisch geworden“, so Thomas. Hits beschaffen, Platten ergattern – das sei damals gar nicht so einfach und auch recht teuer gewesen, erinnert sich der 68-Jährige. „Für ‘Heart of Gold’ von Neil Young bin ich sogar bis nach Hannover gereist.“

Musik sei schon immer sein Leben gewesen, mit Leib und Seele habe er die Aufgabe des DJs im Bunker ausgefüllt. „Es war toll zu sehen, wie ich mit meiner Musikauswahl verschiedenste Emotionen bei den tanzenden Gästen auslösen konnte. Von überschwänglicher Freude bis hin zu Tränen war da wirklich alles dabei.“ Und die Tanzfläche blieb nie leer – denn der Eintritt war frei, die Musik abwechslungsreich und der Bunker galt als Hotspot für alle Wanfrieder. „Man musste sich gar nicht verabreden fürs Wochenende, es waren sowieso alle im Bunker“, berichtet Thomas.

Helga Schreiber (heute Ruhland) und Günter Gleim auf dem unterirdischen Weg in den „Bunker“. repro: tuttfaß
Helga Schreiber (heute Ruhland) und Günter Gleim auf dem unterirdischen Weg in den „Bunker“. repro: tuttfaß © Privat

Nachtfieber: Die Disco Bunker in Wanfried

Weiße Kunstlederbänke, eine vertäfelte Decke, Teakholz, Parkettboden und beleuchtete Ornamente an den Wänden: „Unsere Einrichtung war schon nobel und recht modern für die Zeit“, erinnert sich Thomas. Die Gäste wiederum seien bunt gemischt gewesen, alle Altersklassen waren vertreten und einen Dresscode gab es nicht. „Alle konnten sich so kleiden, wie es ihnen am besten gefiel. Niemand musste sich besonders schick machen, um in den Bunker zu kommen.“

An den meisten Abenden sei im Bunker kaum ein Durchkommen gewesen, wenn Thomas mal vom DJ-Pult wegmusste. „Wir hatten sehr viel Stammpublikum, aber es kamen auch einige Besucher aus dem Umland, da es bei uns weder zu schick noch zu teuer war“, erinnert sich der DJ. Trotz immer vollem Haus könne sich Thomas allerdings an keine einzige Schlägerei erinnern. „Es ging immer friedlich zu bei uns.“

Die Wanfrieder Disco „Bunker“ befand sich auf der Rückseite des Bürgerhauses, auf dem
Die Wanfrieder Disco „Bunker“ befand sich auf der Rückseite des Bürgerhauses, auf dem © hinten links zu sehen. 1995 brannte das Gebäude nieder. repro: privat

Nachtfieber: Die Disco Bunker in Wanfried

„Dass ich als Sohn vom Bürgermeister Mitinhaber einer Disco war, war tatsächlich kein Problem oder gar Skandal, schließlich habe ich die Jahre vorher schon als DJ im damaligen „Pferdestall“ aufgelegt“, sagt Thomas. Die meiste Zeit betrieb er den Bunker mit seiner heutigen Ex-Frau und dem Paar Jürgen und Cornelia Fritz.

„Rund zehn Jahre war ich Mitinhaber, DJ und Wirt im Wanfrieder Bunker“, blickt Thomas auf die Zeit zurück, in der er nur sehr wenig Schlaf bekommen hat. „Die durchgemachten Nächte könnte ich niemals zählen“, sagt er scherzend. Von Freitag bis Sonntag hatte die Disco geöffnet, regelmäßig gab es Themenabende, beispielsweise an Fasching. „Egal welche Veranstaltung, es war immer voll“, schwelgt der DJ in Erinnerungen. Sonntags sei regelmäßig die Polizei aufgeschlagen, um die Ausweise der feiernden Wanfrieder zu kontrollieren.

Nachtfieber: Die Disco Bunker in Wanfried

„Wir hatten auch immer wieder Soldaten der Fremdendeligion zu Gast im Bunker, viele Amerikaner. Die haben immer wilde Geschichten erzählt, teilweise auch sehr persönlich“, berichtet Thomas. „Als Wirt hab ich dabei vermutlich mehr erfahren als der Dorfpfarrer“, sagt er scherzend.

Doch mit Ende 20 rief der Ernst des Lebens nach Joachim Thomas und er zog für eine Ausbildung weg, „mit einem weinenden und einem lachenden Auge.“ Denn die Zeit im Bunker sei eine tolle gewesen, die ihm unvergessen bleibe. Der Abschied vom Bunker sei aber auch eine Erleichterung gewesen. Thomas: „Ein geregelter Tagesablauf und ruhige Nächte waren sehr erholsam.“

Nachtfieber: Die Disco Bunker in Wanfried

Bei einem Großbrand im Jahr 1995 wurde das Bürgerhaus zerstört, der Bunker erlitt einen massiven Wasserschaden vom Löschwasser. repro: günter gleim/NH
Bei einem Großbrand im Jahr 1995 wurde das Bürgerhaus zerstört, der Bunker erlitt einen massiven Wasserschaden vom Löschwasser. repro: günter gleim/NH © Privat

Den Bunker in Wanfried gibt es schon lange nicht mehr. Am 2. August 1995 kam es zu einem Großbrand im Bürgerhaus. Während der Durchführung von Schweißarbeiten im Heizungskeller entzündete sich auslaufendes Heizöl. Es kam zu einem Großbrand, welcher schlussendlich das Gebäude inklusive Hotel und Restaurant gänzlich zerstörte. Der Bunker erlitt einen massiven Wasserschaden durch die Löscharbeiten und war auch nicht mehr zu retten. „Auch wenn ich damals schon einige Jahre Abstand zum Bunker hatte, das Feuer tat schon mächtig weh“, so Thomas. Schließlich könne man nicht mehr „einfach mal dran vorbei gehen und in Erinnerungen schwelgen“.

Was Joachim Thomas heute noch bleibt, ist die Abneigung gegen die Musik der Band „Queen“. „In all den Jahren habe ich so häufig die Hits von Queen spielen müssen, dass ich sie heute einfach nicht mehr hören mag“, sagt er und lacht.

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