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Seit 55 Jahren ist Gerhard Ritzau der Nikolaus in Völkershausen

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Von: Theresa Lippe

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Gerhard Ritzau
Gerhard Ritzau ist seit 5 Jahren der Nikolaus in Völkershausen. © Lippe, Theresa

Gerhard Ritzau macht Völkershäuser seit 55 Jahren als Nikolaus die Kinder glücklich.

Völkershausen– Seit rund 55 Jahren ist Gerhard Ritzau (83) als Nikolaus in Wanfrieds kleinstem Stadtteil Völkershausen im Einsatz und bereitet den Kindern Freude mit kleinen Geschenktüten voller Süßigkeiten.

Herr Ritzau, Nikolaus und Weihnachtsmann werden gerne verwechselt – Welcher der zwei sind Sie denn nun?

Der Nikolaus. Und nur der Nikolaus. Als Weihnachtsmann bin ich noch nie aktiv gewesen und werde es auch nie sein. Bei mir gibt’s kein Ho Ho Ho.

Seit wann sind Sie als Nikolaus im Einsatz?

Das erste Mal habe ich bei der Vereinsfeier der Völkershäuser Handballer im Jahr 1967 den roten Nikolausumhang angezogen. Seither bin ich jedes Jahr als Nikolaus für die Kinder im Einsatz, dieses Jahr im 55. Jahr. Einen Verrückten, der das macht, muss es ja geben.

War der Völkershäuser Nikolaus schon mal krank?

Ich habe seit meinem Beginn in 1967 nicht einen Nikolaustag verpasst. Zwar war ich nicht immer 100-prozentig fit, aber so schlecht, dass die Kinder keinen Nikolaus hatten, ging es mir noch nie.

Kann man Sie buchen?

Nein, ich gebe den Nikolaus ausschließlich ehrenamtlich für die Kinder in Völkershausen. Wo anders möchte ich das gar nicht machen.

Was macht für Sie die Rolle des Nikolaus so besonders?

Ich bin ein lieber Nikolaus, ich will den Kindern keinesfalls Angst machen. Ich zwinge mich den Kindern nicht auf, wenn ich merke, dass sie zu großen Respekt haben, das wäre ja Quatsch. Mich macht es glücklich, wenn ich den Kindern mit einem kleinen Geschenk eine Freude machen kann.

Was gibt’s denn für die Kinder?

Meine Frau Gisela packt kleine Tütchen mit Nüssen, Mandarinen und ein bisschen Schokolade für die Kinder, ich binde Schleifen. Die Kinder freuen sich jedes Jahr darüber. Beschwert über den Inhalt hat sich auch noch niemand. Experimente machen wir bei den Süßigkeiten aber keine.

Mit rotem Mantel und Rauschebart: Gerhard Ritzau als Nikolaus in Völkershausen. archi
Mit rotem Mantel und Rauschebart: Gerhard Ritzau als Nikolaus in Völkershausen. archi © privat

Ist Frau Ritzau als Frau vom Nikolaus dabei?

Nein, sie steht nicht gerne im Mittelpunkt und hat auch kein Kostüm. Ich bin aber sehr froh und dankbar, dass sie jedes Jahr die Tütchen packt.

Kam es schon mal vor, dass es nicht genügend Süßigkeiten gab?

Tatsächlich ja. Zwar passiert das nicht oft, aber dann kümmert sich meine Frau darum und packt noch ein paar Süßigkeiten zusammen. Es soll ja schließlich kein Kind traurig und mit leeren Händen dastehen. Die Süßigkeiten finanzieren übrigens die Schenke und der Kinderfestausschuss.

Wie läuft der Nikolaustag für Sie ab?

Ganz zu Beginn ging es mit Bollerwagen von Haus zu Haus, irgendwann hat sich das geändert und ich habe die Kinder im Dorfgemeinschaftshaus bei der Schenke empfangen. Das machen wir inzwischen aber auch nicht mehr.

Bedeutet?

Durch Corona konnten wir die Veranstaltung im DGH so nicht mehr anbieten. Ich ziehe also wieder von Haus zu Haus und besuche die Kinder. Allerdings bin ich nicht mehr ganz so fit, weshalb ich nicht mehr durchs Dorf laufe, sondern von meinem Sohn mit dem Auto gefahren werde.

Wie bereiten Sie sich auf ihren jährlichen Einsatz vor?

Um ehrlich zu sein, habe ich da kein Konzept, das passiert alles spontan. Inzwischen habe ich ja auch einige Jahre an Erfahrung in der Rolle als Nikolaus sammeln können und improvisiere immer wieder auf‘s Neue.

Wie viele Kinder besuchen Sie?

Inzwischen sind es 48 Kinder, glaube ich. Früher waren es deutlich weniger – etwa 30 oder 35 Kinder. Aber der Zuzug hat Völkershausen Kinderzahl gutgetan, inzwischen sind es ja deutlich mehr, das finde ich toll.

Wie lange dauert Ihre Runde durch Völkershausen?

Gute Frage ... Das Dorf ist klein und dadurch, dass mein Sohn mich fährt, bin ich schneller. Ich schätze mal knappe anderthalb Stunden.

Sie sind seit 55 Jahren im Einsatz, da haben Sie doch sicher viele Kinder aufwachsen sehen?

Das ist auch etwas ganz Besonderes. Es gibt einige Erwachsene, in deren Kindheit ich viele Jahre der Nikolaus war. Inzwischen freuen sich deren eigene Kinder über meinen Besuch.

Werden Sie in Ihrem Kostüm erkannt?

Natürlich, das lässt sich nicht vermeiden. Besonders, wenn die Kinder älter werden: Ein Kind hat mich mal an meiner Armbanduhr erkannt. Dann erkläre ich ihnen, dass es den Nikolaus vor vielen Jahren gab und er mich als seinen Helfer beauftragt hat. Ein bisschen schummeln ist da sicher okay, ich lüge die Kinder ja nicht bei meiner Identität an.

Zur Person

Gerhard Ritzau ist 83 Jahre alt und lebt gemeinsam mit seiner Frau Gisela (77) in Völkershausen. Geboren wurde er in Clausthal-Zellerfeld (Niedersachsen), allerdings hat es ihn schon vor vielen Jahren wegen der Arbeit in den Werra-Meißner-Kreis verschlagen, 1965 heiratete er seine Gisela und das Paar zog nach Völkershausen. Sie haben zwei gemeinsame Kinder, einen Sohn und eine Tochter. tli

Wie viele Kostüme haben sie in Jahren getragen?

Tatsächlich trage ich erst das zweite Kostüm. Es wurde von einer Bekannten genäht und wird von mir in Ehren gehalten. Das erste Kostüm war aus Filz und irgendwann nicht mehr ansehnlich. Dieses trage ich inzwischen seit gut 40 Jahren.

Und der Bart?

Der ist nicht echt, allerdings hat sich der erste gekaufte Bart über all die Jahre hinweg gut gehalten, sodass ich noch keinen zweiten anschaffen musste.

Was gehört sonst noch zum Nikolauskostüm?

Neben dem roten Gewand und dem Bart habe ich noch einen Gürtel und eine Rute, die kommt aber nie zum Einsatz, denn ich bin ein lieber Nikolaus. Sobald ich bei den Kindern bin, lege ich die Rute auch weg. Und dann hab ich natürlich noch den Sack mit Geschenken.

Geschenke für über 40 Kinder: Was wiegt der Sack?

Der Sack mit den Süßigkeiten wiegt um die 20 Pfund, da ist es schon gut, dass mein Sohn mich fährt und ich ihn nicht mehr von Haus zu Haus schleppen muss, schließlich werde ich auch nicht jünger.

Gibt es Weihnachtsgedichte oder -lieder, die sie nach über 50 Jahren nicht mehr ertragen?

Auf keinen Fall. Ich freue mich jeden Winter auf‘s Neue, wenn die Kinder ihre Gedichte vortragen und Weihnachtslieder für mich singen. Das macht mich sehr glücklich – und da will ich mich nicht beschweren, wenn ich an einem Abend dasselbe Gedicht vier Mal höre. Ich werde dem Ganzen nicht müde.

Haben sich die Gedichte und Lieder über die Jahre verändert?

Jein. Die meisten Kinder tragen Klassiker vor, die sich seit vielen Jahren bewährt haben. Inzwischen gibt es ein paar Gedichte, bei denen der Text frecher ist, aber das lasse ich dann unkommentiert. Eine Tüte mit Süßigkeiten gibt es natürlich trotzdem.

Wie lange wollen Sie den Job als Nikolaus in Völkershausen denn noch machen?

Ich bin jetzt 83 Jahre alt. Ich hoffe, dass ich noch viele Jahre als Nikolaus den Kindern ein Lachen ins Gesicht zaubern kann. Aber sollte es mir körperlich irgendwann nicht mehr möglich sein, übernimmt hoffentlich mein Sohn den Job.

Gabenbringer oder Knecht Ruprecht

Morgen, am 6. Dezember, feiern wir den Nikolaustag, auch bekannt als Fest des heiligen Nikolaus. In ganz Deutschland freuen sich Kinder über Süßigkeiten, die häufig in frisch geputzte Stiefel gesteckt werden, die die Kinder über Nacht vor die Tür stellen.

Doch wer war eigentlich der heilige Nikolaus – gütiger Gabenbringer oder doch strenger Begleiter? Die Figur des Nikolaus, den wir heute kennen, ist aus zwei historischen Personen verschmolzen.

Zum einen ist da der Nikolaus von Myra, ein Bischof einer Stadt in der heutigen Türkei, der im dritten Jahrhundert gelebt hat und Sohn sehr wohlhabender Eltern gewesen sein soll. Der zweite Nikolaus lebte im sechsten Jahrhundert: Nikolaus von Sion, einem Part in der Nähe von Myra. Ihre Leben sind in den Legenden verschmolzen, woraus die mystische Figur entstanden ist, die man heute kennt.

Diese Figur soll viele Wunder vollbracht haben, wie beispielsweise mehrere Tote wieder zum Leben erweckt haben. Oder auch die Sage, dass er einem verarmten Vater und seinen drei Töchtern hilft, indem er in der Nacht heimlich Goldstücke durch ihr Fenster wirft. Es entstand der Mythos des barmherzigen Helfers und Beschützers, der nachts – unerkannt – Kinder beschenkt. Er gilt auch als Schutzpatron für Seefahrer. In Deutschland wird seit dem 12. Jahrhundert am 6. Dezember das Nikolausfest gefeiert, zu dem sich gegenseitig beschenkt wird.

Seit dem 19. Jahrhundert jedoch gilt der Nikolaus auch als Bestrafer unartiger Kinder. So wird ihm häufig die Rolle des furchteinflößenden Mannes mit Rauschebart zugeschrieben, der den Namen „Knecht Ruprecht“ trägt. Und auch bei der Bekleidung gibt es zwei Traditionen. So trägt der Nikolaus im Süden Deutschlands meist traditionelles Bischofsgewand mit Stab und Mitra, der hohen Bischofsmütze.

Im Norden jedoch gilt er als gemütlicher alter Mann mit Rauschebart und dickem roten Mantel. tli

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