„Unser ganzer Besitz passte in zwei Kisten“

Die Anfangsjahre waren hart: Frauke Pfeiffer ist mit ihrer Familie 1955 aus der DDR geflüchtet

Frauke Pfeiffer (91) aus Wanfried ist im Jahr 1955 aus der DDR von Mühlhausen über die Grenze in den Westen geflüchtet.
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Frauke Pfeiffer (91) aus Wanfried ist im Jahr 1955 aus der DDR von Mühlhausen über die Grenze in den Westen geflüchtet.

1955 ist Frauke Pfeiffer mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn aus der DDR geflüchtet. Heute erzählt sie ihre Geschichte.

Wanfried – In den Bücherregalen im Wohnzimmer von Frauke Pfeiffer stapeln sich dutzende Fotoalben, viele mit Ledereinband, alle sind sauber mit Jahreszahlen beschriftet. Viele glückliche Momente ihres Lebens sind darin festgehalten. Die Anfangsjahre waren jedoch hart, sagt die heute 91-Jährige.

Am 25. Dezember 1955 ist Frauke Pfeiffer mit ihrem nicht einmal zwei Jahre alten Sohn Michael, ihrer Mutter und ihrem Ehemann Rolf aus der DDR geflüchtet. Den geschmückten Weihnachtsbaum, Geschenke und ihren ganzen Besitz haben sie zurückgelassen. Die Familie lebte damals in Mühlhausen, Rolf Pfeiffer war in einer privaten Schuhfirma angestellt und hatte zuvor bereits Ärger mit der DDR-Gewerkschaft gehabt, aus der er aus Protest austrat.

Als die gesamte Geschäftsführung sowie zwei weitere Buchhalter seiner Firma dann kurz vor Weihnachten in den Westen flohen, fürchtete er Konsequenzen. Auch sie planten binnen weniger Tage ihre Flucht. „Wir packten nur das Nötigste ein“, sagt Frauke Pfeiffer. Per Telegramm rief Frauke Pfeiffers Schwester, die damals in Essen wohnte, zu einem medizinischen Notfall in der Familie. Ein Vorwand. Frauke Pfeiffer organisierte die Reiseerlaubnis, stieg mit ihrem Sohn Michael und ihrer Mutter am ersten Weihnachtstag in den Fernzug. „Das ging damals noch“, sagt sie.

Das stark bewaffnete russische Militär durchkämmte die Abteilungen. Ein Soldat kontrollierte die junge Mutter genau. „Als in Herleshausen die russischen Soldaten dann ausstiegen und Kontrolleure aus Westdeutschland übernahmen, fiel mir ein Stein vom Herzen.“

Währenddessen reiste ihr Ehemann mit dem Vorwand, die Familie zu besuchen, nach Ost-Berlin. „Damals gab es die Mauer noch nicht, mein Mann ist dann heimlich nach West-Berlin ins Notaufnahmelager Marienfelde gegangen, um unsere Aufnahme der Familie in die BRD zu beantragen.“ Wochenlang wartete er auf eine Anhörung.

Frauke Pfeiffer, ihre Mutter, und ihr Sohn waren zu der Zeit schon in Essen bei der Schwester untergekommen – in einem neun Quadratmeter kleinen Zimmer. „Wir waren nur geduldet, das Verhältnis war sehr schlecht“, erinnert sich die heute 91-Jährige.

Ihre Schwester habe den Frauen mit Sticheleien das Leben zusätzlich schwer gemacht. Nach wenigen Wochen habe es ihre Mutter nicht mehr ausgehalten und sei nach Mühlhausen zurückgekehrt. Frauke Pfeiffer blieb, wartete weiter auf ihren Mann. Sie bewarb sich immer wieder, fand aber keine Arbeit.

„Flüchtlinge aus der DDR waren schlecht angesehen. Wir hatten überhaupt kein Geld. Unser ganzer Besitz passte in zwei Apfelsinenkisten.“ Ihr Sohn wurde indes schwer krank. Eine Kinderärztin behandelte ihn kostenlos. „Das war die erste Person, die mich ein bisschen aufgebaut hat“, erzählt Frauke Pfeiffer. Bald fand die gelernte Pflegehelferin Arbeit als Kinderpflegerin bei einem Ehepaar.

Schwere Entscheidung: Der Sohn musste vorübergehend ins Kinderheim

Ihren Sohn brachte sie zu seinem Wohle vorübergehend in einem Kinderheim unter, wo er betreut wurde. Die Besuchszeiten passten nicht immer mit ihren Arbeitszeiten zusammen und so sah sie ihr Kind oft nur einmal die Woche. „Wir mussten aber irgendwie an Geld kommen.“

Der Winter der Flucht war sehr streng, weiß Frauke Pfeiffer noch heute. Wenn sie an dem Kinderheim vorbeilief und daran dachte, dass sie ihren Sohn nicht sehen konnte, froren ihre Tränen auf der Wange fest. „Wenn ich meinen Michael dann besuchte, klammerte er sich mit seinen kleinen Ärmchen ganz fest an mich.“ Die Stimme der 91-Jährigen bricht. Sie sammelt sich, bevor sie weiterspricht.

Mann bei Besuch in DDR festgenommen und inhaftiert

Bald kam ihr Mann Rolf nach Essen und fand dort Arbeit bei einer Firma für Trittschalldämmung. Ein Knochenjob, bei dem er ausgebeutet wurde. Der nächste Schicksalsschlag ließ aber nicht lange auf sich warten, als Rolfs Vater starb. Zu der Beerdigung und um seine Mutter zu unterstützen, reiste er nach Mühlhausen.

„Zehn Minuten nach der Beerdigung wurde mein Mann verhaftet“, erinnert sich die heutige Witwe. Sie schüttelt mit dem Kopf. Er kam ins Gefängnis, saß in Mühlhausen einige Tage in Einzelhaft. Neben der Flucht wurde ihm Steuerbetrug über seinen alten Arbeitgeber, die Schuhfirma in Mühlhausen, vorgeworfen. Denn nach der Flucht seiner Geschäftsführer war er der einzige kaufmännische Angestellte und damit verdächtig gewesen.

„Ich habe damals gedacht, dass er im Arbeiterlager landet.“ So war es aber nicht. „Mein Mann konnte beweisen, dass er mit der Buchführung der Firma nichts zu tun hatte.“ Er wurde freigelassen.

Auf viele harte Jahre folgte das Happy End

Das Blatt wendete sich zum Besseren, als die junge Familie über Rolf Pfeiffers Arbeitgeber eine kleine Wohnung beziehen konnte. „Als aller Erstes habe ich nach neun Monaten endlich mein Kind wieder zu mir geholt“, betont Frauke Pfeiffer. Nach größeren Hürden erhielt die Familie bald eine Aufenthaltserlaubnis, durfte legal bleiben.

Später stieg Rolf Pfeiffer in eine Straßenbaufirma mit besseren Arbeitsbedingungen ein, arbeitete sich dort schnell bis an die Spitze. Ein paar Jahre später war er Geschäftsführer. „Mein Mann war ein Workaholic“, sagt Frauke Pfeiffer und schmunzelt. 1959 wurde dann ihre Tochter geboren, ein paar Jahre später folgte ihr drittes Kind.

Und wie kamen sie ins Werratal zurück? „Jahre später wollten wir so nahe an die Grenze zu Mühlhausen fahren, wie es eben ging“, erzählt Frauke Pfeiffer. Die Familie strandete in Wanfried, verliebte sich neu in die Gegend. Im Jahr 1975 sind sie nach diversen Urlauben in Wanfried ganz sesshaft geworden und bauten dort ihren Alterssitz.

Von Jessica Sippel

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