Wanfrieder Abkommen

Vor 70 Jahren tauschten Russen und Amerikaner Dörfer an der Werra

Russen und Amerikaner im Kalkhof: Bei Wanfried wurde das Abkommen unterzeichnet. Das Foto ist Titelbild einer Schrift des Grenzmuseums Schifflersgrund. Repro: wke

Mit dem heute vor 70 Jahren unterzeichneten Wanfrieder Abkommen wechselten Werleshausen und Neuseesen von Thüringen nach Hessen.

Der Gebietsaustausch zwischen Russen und Amerikanern war nach Kriegsende für fünf hessische Orte folgenschwer. Sie fanden sich in der sowjetisch besetzten Zone wieder.

Der 17. September 1945 wurde für die Bewohner von Asbach, Sickenberg, Vatterode, Weidenbach und Henningerode zu einem verhängnisvollen Datum: Auf Gut Kalkhof bei Wanfried unterzeichneten Brigadegeneral William T. Sexton für die US- Army und Wassili Askalepov als kommandierender General der sowjetischen 77. Wach-Infanterie-Division die Vereinbarung der Grenzkorrektur. Erwähnt werden auf einem DIN-A-4-Blatt die Kreise Witzenhausen und Heiligenstadt, nicht aber einzelne Orte. Zwei Tage später um 18 Uhr trat es in Kraft.

Damit wechselten Werleshausen und Neuseesen von der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) in die US-Zone. Beide hatten damals zusammen 560 Einwohner und eine Fläche von 845 Hektar Fläche. Als Ausgleich erhielt die SBZ die fünf hessischen Dörfer mit 429 Einwohnern und 761 Hektar Fläche. „In Asbach-Sickenberg mussten 228 Einwohner ohnmächtig zusehen, wie die Amerikaner abzogen und die Russen einmarschierten. Es begann für die Bewohner eine lange Leidenszeit“, heißt es in der Chronik von Asbach-Sickenberg.

Verbindung gekappt

Die Gemeinden wurden von ihrem traditionellen Hinterland abgeschnitten, die Verbindung nach Bad Sooden-Allendorf in den Folgejahren gekappt. Befürchtungen, dass die Werra die Grenze bilden soll und damit Allendorf in die russische Zone wechseln würde, bestätigten sich nicht, wie der Witzenhäuser Landrat von Coelln in einer Mitteilung an seine Gemeinden klarstellte.

Ursächlich für den Tausch war ein 3,5 Kilometer langes Teilstück der Eisenbahnlinie Göttingen-Bebra, das gegenüber Oberrieden durch die sowjetische Zone führte. Die Amerikaner benötigten die Nord-Süd-Strecke jedoch als Verbindung zu den Seehäfen. Auf diesem Abschnitt kam es immer wieder zu Reibereien der Besatzer, Russen stoppten die Züge, es gab schikanöse Kontrollen, Fahrgäste wurden beraubt. Für zwei Tage sperrten die Russen die Strecke ganz.

Deshalb drängten die Amerikaner auf die Grenzkorrektur - der Preis war das Schicksal fünf hessischer Dörfer, die sich plötzlich in der russischen Zone wiederfanden. Zeitzeugin Lieselotte Isecke (93) erinnert sich, dass es 1946 noch einmal Aufregung in Neuseesen gab: Plötzlich tauchten wieder Soldaten der Roten Armee auf, sie hatten sich irrtümlich an alten Landkarten orientiert.

Eine Besonderheit: Erst 1974 vollzog die evangelische Kirche die Grenzkorrektur nach, bis dahin gehörten Werleshausen und Neuseesen formal zur Kirchenprovinz Sachsen, seitdem Evangelische Landeskirche von Kurhessen-Waldeck.

Nach Zeugnissen der hessischen Vergangenheit muss man in den Dörfern jenseits der heutigen Landesgrenze lange suchen. Schließlich fanden wir an der Rückfront eines früheren Gaststättengebäudes in Vatterode ein gusseisernes Schild, das aus der Vorkriegszeit stammen dürfte: Es weist auf die Zugehörigkeit zum Kreis Witzenhausen und zum Bezirk Kassel hin. Offensichtlicher ist ein Schild am Ortseingang von Sickenberg. Der Grundstückseigentümer hat es vor acht Jahren zufällig gefunden und von Malermeister Lorenz in Witzenhausen restaurieren lassen.

Szenenwechsel: Am Anger in Werleshausen kündet eine einfache gemalte Tafel von der früheren Verwaltungszugehörigkeit zum Kreis Heiligenstadt und zieht die Blicke der Touristen auf sich, die zum Hanstein wollen.

Der Wechsel nach Hessen und eine mögliche Rückkehr nach Thüringen spielt heute im Dorfgespräch keine Rolle mehr, meint Werleshausens Ortsvorsteher Klaus-Dieter Hagedorn. Über den Gebietsaustausch vor 70 Jahren - es gibt an der innerdeutschen Grenze nur eine Parallele an der Elbe bei Ratzeburg - steht in den Gemeindeakten nichts zu lesen, sagt auch sein Amtskollege Karl-Ernst Küstner-Wetekam aus Neuseesen (90 Einwohner). Einzige noch lebende Zeitzeugin dürfte die 93-jährige Lieselotte Isecke aus Neuseesen sein, die die Zeit der Besatzung als junges Mädchen erlebt hat (HNA vom 9. Juli 2015).

Der 60-jährige Landwirt Küstner-Wetekam kann sich an Erzählungen seines Vaters erinnern, dass man bis Kriegsende stark nach Heiligenstadt orientiert gewesen sei: Man ging dort zum Arzt und zum Apotheker.

Das ist lange her, heute blicken Neuseesener und Werleshäuser nach Witzenhausen. Und wer hier keine Arbeit findet, verdient sein Geld in den Oberzentren Kassel und Göttingen. Von Verwaltungsgrenzen unberührt sei die Zusammenarbeit mit den Nachbarn im Eichsfeld, als Beispiel nennt Küstner-Wetekam die Feuerwehren von Neuseesen und Rimbach-Bornhagen. (wke)

Quellen: Eichsfelder Heimatzeitschrift, Heft 9, September 2015. Festschrift zur 725-Jahrfeier von Asbach-Sickenberg, Das Wanfrieder Abkommen, Schrift des Grenzmuseums Schifflersgrund, 2010

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