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Jestädts Pfarrerin Jutta Groß geht nach 35 Jahren in den Ruhestand

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Von: Stefanie Salzmann

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Will erst mal Abstand gewinnen: Jutta Groß, Pfarrerin des Kirchspiels Jestädt, wird am kommenden Sonntag in einem Gottesdienst aus dem aktiven Pfarrdienst verabschiedet.
Will erst mal Abstand gewinnen: Jutta Groß, Pfarrerin des Kirchspiels Jestädt, wird am kommenden Sonntag in einem Gottesdienst aus dem aktiven Pfarrdienst verabschiedet. © Stefanie Salzmann

Jestädt – Jutta Groß, Pfarrerin des Kirchspiels Jestädt, wird am kommenden Sonntag in einem Gottesdienst aus dem aktiven Pfarrdienst verabschiedet.

Trägt sie nicht gerade ihren schwarzen Talar, kennt man Jutta Groß eigentlich nur in Jeans und Turnschuhen – werktags gibt’s dazu ein Hemd (kariert), an Feiertagen auch mal eine weiße Bluse. Als die seinerzeit erst 29 Jahre alte Pfarrerin 1987 das erste Mal an ihrem künftigen Wirkungsort – in Jestädt – gemeinsam mit ihrer Schwester auftaucht, sorgt das für zunächst für Verwirrung. Es ist gerade Konfirmandenprüfung, der Gemeindevorsteher mustert die junge Frau mit der burschikosen Erscheinung von Kopf bis Fuß und denkt: „Lieber Gott, lass es die andere sein.“ Das gesteht er ihr später, wird aber auch ihr bester Kritiker und größter Fan.

„Ich bin in Jestädt gut aufgenommen worden und habe viel Unterstützung erfahren“, sagt Jutta Groß heute nach 35 Jahren als Gemeindepastorin. Die ersten beiden Jahre ist sie auf Probedienst hier, ihr Vorgänger Pfarrer Weisheit noch im Amt. Tauchen die beiden damals gemeinsam auf Geburtstagen auf, heißt es: „Guten Tag, Frau Groß, und Guten Tag, Herr Pfarrer“, erinnert sie sich.

Raue Herzlichkeit

Doch ihre Gemeindeglieder aus Jestädt, Hitzelrode, Neuerode und Motzenrode gewöhnen sich an die Frau mit der rauen Herzlichkeit und lernen, sie zu schätzen“, sagt sie. „Ich bin eher der Praktiker als der Theoretiker und damit offenbar nah bei den Menschen gewesen.“

Ihre praktische Art – sie stammt aus einer klassischen Handwerkerfamilie – kommt ihr zugute, denn gerade in ihren Anfangsjahren stehen Kirchenrenovierungen an, die sie managen muss. Zweimal die Kirche in Hitzelrode, wo der Holzbock im alten Gebälk sitzt, dann die Kirche in Jestädt, wo zwischenzeitlich noch eine Mauer einstürzte. „Ich war damit wirklich schwer beschäftigt“, sagt sie, denn nicht nur Handwerker mussten gefunden, auch Geld für die Renovierungen beschafft werden. „Aber ich hatte in all den Jahren immer Menschen um mich, die mich unterstützt haben.“ Dadurch sei es auch möglich gewesen, für die Gemeinde viel zu stemmen. Zugleich betreut sie von Beginn ihrer Tätigkeit als Pfarrerin im Kirchenkreis Kirchenvorstandsmitglieder, gibt für sie Seminare.

Erste und einzige Pfarrstelle

Es ist Jutta Großs erste und einzige Pfarrstelle. 35 Jahre hält sie Gottesdienste, betreut Konfirmanden, traut Paare, beerdigt Menschen und treibt Seelsorge. Auf 100 bis 120 Geburtstage geht sie im Jahr, um zu gratulieren. „Das ist für die Menschen immer ein Zeichen der Wertschätzung.“

Die Kontinuität, die sie in ihre Gemeinde gebracht hat, sehen nicht nur ihre Schäfchen als wertvolles Gut, sondern auch die Pfarrerin selbst. „Es ist toll, wenn man die Menschen, die man getauft und konfirmiert hat, dann auch traut.“ Jutta Groß wächst in der Nähe von Bebra mit zwei Geschwistern als Tochter eines Klempners auf. Als Kind ist sie viel mit ihrem Vater auf Baustellen unterwegs und fühlt sich da auch wohl. „Alle dachten, ich übernehm den Laden mal“, erzählt die heute 64-Jährige. Es kommt aber anders.

Nach ihrer Konfirmation engagiert sie sich viel in der Kirchengemeinde, kümmert sich um die Kindergottesdienste. Die damalige Pfarrerin und Prälatin Roswita Alterhoff prägt sie. „Sie hat mich involviert und für den Beruf begeistert.“ Jutta Groß studiert in Bethel an der kirchlichen Hochschule und wechselt dann zum Theologiestudium nach Göttingen. Als sie 1983 ihr Examen macht, gibt es eher zu viele als zu wenige Theologen und sie muss für ihr Vikariat ein Jahr überbrücken. Sie entscheidet sich für einen Job als Altenpflegerin in der diakonischen Altenhilfe, wo sie nicht nur Alte pflegt, sondern auch Andachten gestaltet und Seelsorge betreibt. „Das war im nachhinein betrachtet für mich eine sehr wertvolle Zeit“, sagt Jutta Groß.

Ihre Entscheidung, jetzt etwas vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, habe sich einige Jahre angebahnt. Die Pandemie habe ihren Entschluss verstärkt. Viel vom Gemeindeleben war zum Erliegen gekommen. „Je länger das ging, habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr die Energie habe, noch mal neu durchzustarten“, sagt sie. Sie sei kein Internetmensch, wollte nicht an digitale Formate ran. „Das können andere besser.“

In den 35 Jahren, die Jutta Groß das Kirchspiel betreut hat, hat sich viel verändert. „Ich bin in den kleinen Dörfern nie volle Kirchen gewohnt gewesen“, sagt sie, daher habe sie immer flexibel in den Gottesdiensten sein müssen. Verändert habe sich aber die kirchliche Sozialisation in den Familien. Waren in den 1990er-Jahren noch 40 Kinder bei den Kinderbibelwochen, sind es heute nur noch wenige. Längst nicht mehr alle Jugendlichen werden konfirmiert, auch nicht alle Kinder getauft.

Verabschiedung am Sonntag

„Mir war immer die ehrenamtliche Mitarbeit in der Gemeinde wichtig“, sagt die Pfarrerin. Aber auch hier werde es zunehmend schwieriger, Menschen zu finden, die mitmachen wollen. Auch das Thema „Kirche in Bewegung“ sieht sie distanziert: „Das ist nicht mehr mein Ding, ich mache jetzt erst mal Schicht.“

Info: Am kommenden Sonntag, 1. Mai, wird Jutta Groß um 14 Uhr in der Kirche Jestädt verabschiedet. In der Kirche gilt 3G und Maskenpflicht. Nach dem Gottesdienst soll im Freien bei Kaffee und Kuchen gefeiert werden.

Von Stefanie Salzmann

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