Montagsinterview

Was tun, wenn Frauen sich nach beruflicher Veränderung sehnen?

Vereinbarung von Mutterrolle und Beruf: Das Projekt „Restart“ der VHS soll Frauen im Werra-Meißner-Kreis in allen Lebenslagen und bei jeglichen beruflichen Wünschen kostenlos unterstützen.
+
Vereinbarung von Mutterrolle und Beruf: Das Projekt „Restart“ der VHS soll Frauen im Werra-Meißner-Kreis in allen Lebenslagen und bei jeglichen beruflichen Wünschen kostenlos unterstützen.

Manche Frauen sehnen sich nach beruflicher Veränderung, manche wollen im mittleren Alter zum ersten Mal ins Berufsleben starten. Abhilfe soll das Projekt „Restart“ der VHS schaffen.

Werra-Meißner – Aber wie geht man das am besten an? Diese Frage ist für viele gar nicht so einfach zu beantworten. Wir haben mit den Projektbetreuerinnen Regina Novak und Birgit Schünemann-Homburg darüber gesprochen, was es damit auf sich hat.

Worum geht es bei dem Projekt?
SCHÜNEMANN: Wir wollen Frauen dabei unterstützen, ihre eigenen Fähigkeiten und Talente zu entdecken und neue berufliche Visionen aufzubauen. Es geht um Entfaltung, Wachstum und Potenzialhebung. Das, was das Projekt letztendlich ausmacht, ist, dass wir viele verschiedene Bereiche gleichzeitig abdecken. Letztendlich wollen wir einen Ort schaffen, zu dem Frauen mit allen Bedürfnissen ihres Lebens kommen können.
An wen richtet sich das Projekt?
NOVAK: Wir sind offen für alle Frauen im Werra-Meißner-Kreis. Zum Beispiel für die, die sich beruflich neu oder erstmals orientieren möchten, die sich für ihren aktuellen Beruf weiterqualifizieren wollen, Alleinerziehende, geflüchtete Frauen und Studentinnen. Nach oben gibt es keine Altersgrenze, auch Rentnerinnen können sich melden. Für junge Frauen, die auf der Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz nach der Schule sind, eignet sich das Projekt „My Way“, das auch von der VHS angeboten wird.
Warum kommen Frauen zum Beispiel zu Ihnen?
SCHÜNEMANN: Wir hatten schon mehrere alleinerziehende Akademikerinnen bei uns, die für ihren Job überqualifiziert waren. Wir begleiten sie dann zum Beispiel auf ihrem Weg in einen Beruf, der ihrer Qualifikation entspricht. Kürzlich haben wir eine Frau in die Berufswelt begleitet, die nach vielen Jahren Kindererziehung und Angehörigenpflege zum ersten Mal einen Beruf erlernen wollte. Mit Ende 50 hatte sie noch eine Ausbildung begonnen – und dennoch den Absprung geschafft.
Wenn eine Frau Interesse hat, wie ist dann der genaue Ablauf?
NOVAK: Nach der Kontaktaufnahme laden wir die Interessentinnen zu einer Erst- und Einzelberatung ein. Dort arbeiten wir die Bedarfe heraus, versuchen herauszufinden, was sich die Frau im Einzelnen vorstellt. Dabei müssen noch keine konkreten Vorstellungen vorliegen, es genügt schon, sich nach Veränderungen zu sehnen. Anschließend erarbeiten wir gemeinsam ein Konzept und schauen nach Kursangeboten oder wir kreieren ein passendes Seminar. Das Programm wird individuell auf jede Frau zugeschnitten. Wir wollen die Frauen ganzheitlich unterstützen, ohne Zeitdruck aber mit klaren Zielen.
Und die Fachkräfte stammen von der VHS?
NOVAK: Genau, alle Fachkräfte stammen aus unserem eigenen Dozentenpool der Volkshochschule oder aus unserem Netzwerk „Frauen zurück in den Beruf“.
Was kostet das Ganze?
NOVAK: Das ganze Angebot, unsere Beratung und alle Kurse unserer Fachdozenten sind kostenlos. Das Projekt wird vom Regierungspräsidium Hessen und dem Werra-Meißner-Kreis über das Sonderbudget „Brückenqualifizierung für Frauen“ gefördert. Wir haben das Projekt schon in diesem Jahr erfolgreich mit über 60 Teilnehmerinnen durchgeführt. 2022 findet das Projekt definitiv wieder statt. Den Förderantrag haben wir bereits gestellt.
Wie sieht das Programm im kommenden Jahr aus?
NOVAK: Der Fokus liegt auch im kommenden Jahr auf der digitalen Kompetenz. Wir wollen Medienkompetenz vermitteln - also alle Grundlagen, die man für die heutige digitalisierte Arbeitswelt benötigt. Insbesondere im Hinblick auf Homeoffice oder Tätigkeiten im Bereich der öffentlichen Verwaltung. Viele nutzen bereits digitale Median, wissen aber dadurch noch nicht, wie sie digitale Möglichkeiten gezielt im Beruf anwenden können. Zum Beispiel, wie sie Videokonferenzen einrichten oder ihre Daten schützen.
Aber es geht bei Ihnen nicht nur um Digitalisierung.
NOVAK: Nein, es gibt zum Beispiel den Kurs „Weißt du, was du kannst?“ und „Ziele und Visionen“: Was sind meine beruflichen und persönlichen Ziele und wie erreiche ich diese? Nachgefragt sind auch Workshops zur Kommunikation oder der Vereinbarung von Mutterrolle und Beruf. Interessierte können mehrere Seminare belegen und wir begleiten sie bei ihrer gesamten Entwicklung. Es geht auch darum, den Frauen eine Plattform zu geben, um sich auszutauschen.
Wie können Sie die Frauen erreichen?
SCHÜNEMANN: Die meisten Frauen kontaktieren uns aus eigenem Antrieb, weil sich unsere Angebote herumsprechen. Wir bekommen auch durch unser Netzwerk viel mit und können auf die Menschen zugehen.
NOVAK: Wir gehen aber auch auf die Frauen zu. Wer zum Beispiel wegen Quarantäne oder Kinderbetreuung nicht die Möglichkeit hat, zu uns zu kommen und keine optimale Ausstattung zu Hause hat, dem bringen wir einen Leih-Laptop vorbei, mit dem man digital teilhaben kann.
Wie können Sie Ihr Angebot während Corona umsetzen?
NOVAK: Bei uns können Kurse ganz normal stattfinden - natürlich passen wir das Angebot an die jeweils gültigen Corona-Schutzmaßnahmen an. Zurzeit gilt in unserem Haus die 3G-Regel mit Hygienekonzepten in den Kursen, die in Einzel- oder Kleingruppen stattfinden. Notfalls kann man auf digitale Angebote und Beratungen ausweichen.
Warum wird ausgerechnet den Frauen so unter die Arme gegriffen?
SCHÜNEMANN: Durch die Pandemie verstärkt sich das, was strukturell bereits seit längerem zu beobachten ist. Wir haben noch zu wenig gleichwertige Arbeitsteilung in den Familien. Unser Projekt ist daher auch ein Teil der Gleichstellungsarbeit.
NOVAK: Durch die Pandemie droht den Frauen, wieder, in veraltete Rollen gepresst zu werden. Faktoren wie Homeschooling und Kurzarbeit beschleunigen dies. Der Status, den sich Frauen in der Berufswelt erarbeitet haben, droht zu bröckeln. Da die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Berufsleben auch bis heute noch nicht das nötige Niveau erreicht hat, müssen wir eingreifen, um das bisher Erreichte nicht zu verlieren. Durch diese Brückenqualifizierung sollen Frauen nicht abgehängt werden und nach der Pandemie für die Zukunft gut aufgestellt sein.

(Jessica Sippel)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.