Pfarrer Gert Merkel: Erstmals ein Weihnachtsfest ohne Verpflichtungen

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Krippenspiel mit den Konfirmanden 2004: Pfarrer Gert Merkel hatte keinen Grund zur Aufregung, die Aufführung war erfolgreich. Tochter Beate Merkel (6. von links) war in jenem Jahr übrigens der Verkündigungsengel.

Kein Gottesdienst-Marathon: Der ehemalige Fürstenhagener Pfarrer Gert Merkel verbringt das Fest erstmals nicht in seinem Job.

Das erste Mal seit 35 Jahren Weihnachten ohne Gottesdienste und Advent ohne figurschädliche Feiern. Ganz kann ich mir das immer noch nicht vorstellen. Ich bin gespannt, wie ich, wie die Familie in diesem Jahr den Heiligen Abend und die Feiertage verbringen werden.

Denn dienstliche Verpflichtungen wie in der langen Zeit als Pfarrer in Fürstenhagen gibt es nicht mehr. Das örtliche Pfarrhaus, das so lange unsere Heimat war, haben wir verlassen. Aber die Kinder sind nicht alle mit in unser neues Haus gezogen. Sie werden nicht alle Feiertage bei uns sein: Lauter neue Lebensumstände.

In den letzten Jahren war der Ablauf des Christfestes klar: Gottesdienst am 24. Dezember um 16 Uhr in Fürstenhagen, 17.30 Uhr in Quentel, Bescherung in der Familie, Abendessen, 22 Uhr Christmette in Fürstenhagen. Weiter ging’s am ersten Feiertag um 10 Uhr mit dem Abendmahlsgottesdienst in Fürstenhagen und um 11.15 in Quentel, danach die Fahrt zu meiner Mutter. Am zweiten Feiertag war um 10 Uhr Gottesdienst in Fürstenhagen, danach der Besuch bei den Schwiegereltern im Dillkreis.

„Der Konfirmand spielte den König Herodes so eindrücklich, dass man ihm den Kindermord von Bethlehem wirklich zutraute!“

„Pfarrerunfreundliches Fest“ hatte ich Weihnachten im HNA-Gespräch 1987 genannt. Und wenn ich mich so erinnere, wird mir schon deutlich, was ich meiner Frau, meiner Familie zugemutet habe. Denn Weihnachten, da stand der Dienst im Vordergrund und verlangte alle Aufmerksamkeit.

In den letzten Jahren habe ich die Belastung nicht mehr so empfunden. Routine machte vieles einfacher. So leicht lässt man sich nicht mehr aus der Ruhe bringen. Und die Gottesdienste haben mir Freude gemacht. Obwohl die Krippenspiele, wenn ich sie selbst mit den Konfirmanden eingeübt habe, Nerven kosteten. Ich weiß noch genau, wie der Konfirmand, der die Hauptrolle des Herodes spielen sollte, bei der Generalprobe im Krankenhaus Fürstenhagen durch absolute Ahnungslosigkeit glänzte.

Dass meine Drohungen Früchte tragen würden, konnte ich mir nicht vorstellen. Aber - noch ein Weihnachtswunder! Er spielte so eindrücklich, dass man ihm den geplanten Kindermord von Bethlehem wirklich zutraute. Nicht nur Freude, sondern richtig Spaß hat es in den Jahren gemacht, in denen ein Kreis von Erwachsenen das Weihnachtsspiel aufführte. Komisch, aber sie hatten für mich immer eine Rolle übrig, den Kaiser Augustus etwa.

Und meine Quenteler haben für ihr Weihnachtsspiel immer selbst gesorgt, das war und ist Ehrensache und fast alle Kinder im Dorf machten mit. Dass ich fast jedes Mal die Reservebatterien fürs Mikrofon der Lautsprecheranlage auf dem Schreibtisch vergaß und mit wehenden Talar nochmals über die Quenteler Höhe brausen musste, sorgte für Erheiterung.

Mein liebster Gottesdienst war jedes Jahr die Christmette in Fürstenhagen um 22 Uhr. Der Ablauf war immer gleich: Lesung aus dem Alten Testament, die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium in drei Abschnitten, Predigt und viele Weihnachtslieder. Es war immer ein großes Wiedersehen, denn viele kamen nicht nur zur Familienfeier, sondern abends auch in die Kirche. Wenn ich dieses Jahr etwas vermissen sollte, dann wohl diesen Gottesdienst.

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