Alternative für Suedlink?

Wenig Strom kommt im Werra-Meißner-Kreis frisch vom Acker

Vor Kurzem entstanden: Eine Photovoltaik-Anlage am Ortsrand von Eichenberg-Bahnhof.
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Vor Kurzem entstanden: Eine Photovoltaik-Anlage am Ortsrand von Eichenberg-Bahnhof.

Photovoltaikanlagen auf Ackerland liegen bundesweit im Trend - allerdings noch nicht im Werra-Meißner-Kreis.

Sieben dieser Projekte hat Uwe Roth, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Werra-Meißner, in den vergangenen 18 Monaten begleitet. Sie scheiterten, weil den Investoren am Ende die Flächen zu klein waren. „Die Kosten zur Erzeugung einer Kilowattstunde Strom auf Freilandflächen ist von mehr als 20 Cent auf 4,5 Cent gefallen“, berichtet der Witzenhäuser Agraringenieur Maximilian Weiland. Damit rechneten sich die Anlagen nun auch ohne Einspeisevergütung. Entsprechende Projekte leisteten einen Beitrag zur Energiewende.

„Mit Photovoltaikanlagen auf dem Acker lässt sich Strom dezentral erzeugen“, sagt Roth. Das würde die umstrittene Stromtrasse Suedlink überflüssig machen. Die Anlagen hätten eine Chance verdient. Gegen sie spreche jedoch, dass landwirtschaftliche Nutzflächen vorrangig der Produktion von Lebensmitteln dienen sollten.

Die Politik hat daher Auflagen bei der Genehmigung gemacht. Sie sind nur entlang von Straßen und Bahnlinien erlaubt. „Zudem muss die Bodenqualität unterdurchschnittlich sein“, so Roth. Im Werratal hätten die Böden im Schnitt 45 bis 50 Bodenpunkte, die Anlagen seien nur auf Flächen mit 35 und weniger erlaubt. Zudem dürften sie Zugvögel nicht irritieren, die die reflektierenden Flächen für Teiche hielten.

„Investoren bieten Bauern eine Jahrespacht von 1800 Euro pro Hektar“, weiß Roth. Das Fünffache von dem, was ein Landwirt an Pacht zahlen würde. Für Landbesitzer, die sich zur Ruhe setzen wollten, sei das attraktiv. Der KBV helfe bei den Vertragsverhandlungen, wenn sie die Flächen bisher selbst bewirtschaftet hätten. „Bisher ging es um zwei bis drei Hektar große Flächen etwa im Ringgau oder am Meißner, die kaum Erträge abwerfen“, berichtet Roth. Alle Projekte hätten sich zerschlagen, weil die nächste Strom-Einspeisestelle zu weit entfernt gelegen hätte. Der Bau einer Stromleitung dorthin rechne sich nur bei deutlich größeren Flächen.

„Künftig werden Photovoltaikanlagen auch auf guten Böden stehen“, ist sich Roth sicher. Neue Anlagen beständen aus mehr als zehn Meter hohen Masten, an denen die Solarmodule pyramidenförmig angeordnet seien. Das ermögliche es Landwirten unter den Masten die Felder ganz normal mit Traktoren und Mähdreschern zu bewirtschaften. Das Zusatzeinkommen aus den Anlagen helfe ihnen Ernteausfälle aufgrund des Klimawandels auszugleichen. Auf Forschungen des Freiburger Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme zu sogenannten Agrophotovoltaik-Anlagen weist das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hin. Deren halbdurchscheinenden Solarmodule sind fünf Meter über dem Boden angebracht. Sie sorgen für eine Teilverschattung des Bodens, schützen die Pflanzen vor Hagelschäden und verbessern das Mikroklima. Das führt zu höheren Erträgen als auf Vergleichsflächen.

Vize-Landrat Dr. Rainer Wallmann: Landwirtschaft soll Vorrang haben

Machen Photovoltaik-(PV)-Anlagen auf landwirtschaftlichen Flächen Sinn? Eine pauschale Antwort sei nicht möglich, sagt Vize-Landrat Dr. Rainer Wallmann (Grüne). Man müsse alle Fakten im Einzelfall abwägen. „Der landwirtschaftlichen Nutzung sollte immer Vorrang gegeben werden.“ Seit 2018 ermögliche die Freiflächensolaranlagenverordnung in Hessen den Bau von PV-Anlagen in benachteiligten landwirtschaftlichen Gebieten. Solche Flächen mit starker Steigung seien aber häufig naturschutzfachlich besonders wertvoll. Eine Doppelnutzung mit Beweidung durch Hühner oder Schafe sieht Wallmann positiv, falls alle technischen, arbeitswirtschaftlichen und rechtlichen Bedingungen umsetzbar sind. Anlagen, die mehrere Meter über dem Boden installiert sind, könnten zur Energiewende beitragen. Es gebe aber noch Forschungsbedarf und offene rechtliche Fragen.

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