Mit dem Tod konfrontiert

HNA-Interview mit Notfallseelsorger und Feuerwehrmann

Manchmal brauchen auch Helfer Hilfe. Denn freiwillige Feuerwehrleute werden bei ihren Einsätzen immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Darüber sprachen wir anlässlich des Totensonntags mit Kreisbrandinspektor Christian Sasse und Notfallseelsorger Ralph Beyer.

Herr Sasse, wie haben Sie sich gefühlt, als Sie zum ersten Mal bei einem Einsatz mit Toten waren?

Sasse: Bedrückt. Es war eine sehr ruhige, etwas unheimliche Stimmung. Man merkte: Den Menschen ist etwas passiert, wusste aber nicht, was. Man wusste noch nicht, wie man sich richtig verhalten sollte. Das war bei einem Verkehrsunfall, wo vier junge Leute tödlich verunglückt sind. Einige Kameraden kannten sie, ich aber glücklicherweise nicht.

Wie lange hat Sie das im Nachgang beschäftigt? 

Sasse: Das ging mir noch eine Woche später durch den Kopf, tut es aber auch heute noch. Das geht nicht weg. Es geht sogar so weit, dass ich Ihnen heute noch sagen könnte, wie das Wetter war und wer bei dem Einsatz dabei war.

Beyer: Und sicher auch, wie es gerochen hat. Das denkt man gar nicht, aber daran erinnern sich die meisten nach so einem Einsatz. Vor allem, wenn am Unfallort besondere Gerüche sind, die mit Menschen, mit Tod zu tun haben.

Sasse: Ja, stimmt. Zum Beispiel an den Geruch von Blut.

Wann war der Unfall? 

Notfallseelsorger Ralph Beyer

Sasse: Bei einem meiner ersten Einsätze als Feuerwehrmann, da war ich 18. In meiner späteren Zeit beim Rettungsdienst hatte ich dann zwar mehr mit Toten zu tun, da könnte ich Ihnen aber nicht mehr jedes Detail sagen. Viele Einsätze werden dann zur Routine. Man geht anders damit um - es sei denn, der Einsatz ist sehr speziell.

Herr Beyer, wie haben Sie Ihren ersten Einsatz als Notfallseelsorger erlebt? 

Beyer: Ich kann mich gut an meinen ersten schweren Fall vor mehr als fünfzehn Jahren erinnern, da ist ein Motorradfahrer zu Tode gekommen. Ich habe vor Ort Angehörige betreut. Der Mann war so alt wie ich - das war schwierig.

Wann brauchen die Helfer vor Ort Hilfe von Ihnen? 

Beyer: Wenn Einsatzkräfte die Unfallbeteiligten kennen, wenn Kinder betroffen sind oder wenn Angehörige dazu kommen - dann wird Leid besonders erfahrbar. Oder wenn Einsatzkräfte lange untätig an der Unfallstelle bleiben, etwa um auf Gutachter zu warten. So lange sie arbeiten, läuft das ab, was sie trainiert haben. Das ist wie eine Schutzweste: Die Einsatzkräfte funktionieren und können die Distanz wahren. Doch beim Warten beginnen sie nachzudenken: „Wie mag es der Familie gehen?“

Wie gehen Sie dann vor? 

Beyer: Der Einsatzleiter hat immer eine Idee, wo er mich einsetzen will. Das kann sehr unterschiedlich sein - die Betreuung von unverletzten Unfallbeteiligten, von Einsatzkräften oder Angehörigen. Deshalb besprechen wir zunächst den Einsatz. Dann stelle ich mich den Betroffenen mit Namen und Funktion vor und sage oft: „Ich habe jetzt Zeit für Sie.“ Manchmal frage ich auch, was eigentlich passiert ist, damit der Betroffene zu reden beginnt - und erzählt, was IHM passiert ist.

Wann entscheiden die Einsatzleiter, Seelsorger zu rufen? 

Sasse: In den wenigsten Fällen kommen die Einsatzkräfte und bitten um Hilfe. Das passiert, wenn, erst sehr viel später. Deshalb ist die Kameradschaft wichtig und dass man sich sehr gut kennt. Es kann Helfer geben, die haben schon 30 Tote gesehen - aber dieser 31., bei dem ist alles anders.

Beyer: Außerdem ist kein Tag wie der andere: Wer sich morgens noch mit der Frau gestritten und einen stressigen Tag an der Arbeit hatte, ist anfälliger für eine Überlastung.

Sasse: Es ist wichtig, Belastungen nicht als Problem zu sehen, sondern als mögliche Folge eines Einsatzes. Das hat nichts mit harten oder schwachen Personen zu tun.

Wie arbeiten Sie den Einsatz in Nachbesprechungen auf? 

Kreisbrandinspektor Christian Sasse

Beyer: Im Grundsatz geht es darum, den Einsatzkräften zu zeigen: Das Erlebte kann man nicht vergessen. Ich kann ihnen den Weg bahnen, dass sie die Erinnerung selbst kontrollieren und damit leben können. Darüber aufzuklären, dass man im Traum alles noch mal durchleben wird, die Gerüche, die Geräusche, die Angst - das hilft, die Nacht besser zu überstehen. Denn man lernt vom erfahrenen Seelsorger, dass das unkontrollierte Erinnern oft nach einer Woche aufhört.

Sasse: Nach einem schwierigen Einsatz berichten auch erfahrene Einsatzleiter in Gesprächsrunden, wie sie selbst den Einsatz erlebt haben. Manchmal möchte dann jemand seine Erfahrungen teilen - und dann geht es schon los mit der Bewältigung. Ziel ist es, die Tür zu öffnen, falls noch jemand reden will und zu signalisieren, dass Unterstützung zur Verfügung steht.

Wie gehen Sie persönlich mit dieser Last um, die die Einsatzkräfte mit Ihnen geteilt haben?

Beyer: Alles, was mir die Einsatzkräfte sagen, unterliegt dem Seelsorgegeheimnis. Ich darf es nicht weitersagen -und so bleibt es bei mir. Das ist Teil meines Berufs, dass ich schwere Dinge mit mir herum trage. Ich kann nur helfen, wenn ich die Empathie habe. Ich versuche, die Sorge nachzuvollziehen, sie aber nur so weit an mich heranzulassen, dass ich noch handlungsfähig bleibe. Zusätzlich tauschen wir uns mit einem ausgebildeten, externen Supervisor aus.

Wie sollte die Bevölkerung mit Einsatzkräften umgehen? 

Sasse: Uns geht es nicht um Dankbarkeit. Die Menschen sollten wertschätzen, dass wir ehrenamtlich und freiwillig viele Aufgaben abdecken.

Beyer: Und dass sie dabei Leib, Leben und Seele aufs Spiel setzen - das ist kein Spiel.

Zu den Personen:

Christian Sasse 

Der 30-jährige ist seit über drei Jahren Kreisbrandinspektor im Werra-Meißner-Kreis und unterstützt in dieser Funktion unter anderem die Arbeit der Feuerwehren in den Bereichen Einsatzplanung, Aus- und Fortbildung. Sasse stammt aus Bad Hersfeld und hat ein Studium der Elektrotechnik mit Schwerpunkt Telekommunikation und Information abgeschlossen. Sasse ist seit 20 Jahren auch in seiner Freizeit in der Feuerwehr aktiv. Sasse ist ledig und lebt in Bad Sooden-Allendorf.

Ralph Beyer 

Der 49-Jährige ist Pfarrer in Oetmannshausen, dem kleinsten Ort der Gemeinde Wehretal. Gemeinsam mit Pfarrer Thomas Zippert hat er ab 1996 die Notfallseelsorge im Werra-Meißner-Kreis aufgebaut. Heute ist ein Viertel seiner Stelle für die Koordination der Notfall- und Polizeiseelsorge im Kreis vorgesehen. In der Feuerwehr ist Beyer passives Mitglied, aber oft als Seelsorger präsent. In seiner Freizeit spielt Beyer Fußball und fährt Motorrad, er ist verheiratet und hat vier Kinder. (fst)

Von Friederike Steensen 

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