Mit dem Jäger durchs Jahr

Wenn der Rehbock die Ricke "beschlägt" - der Juli steht im Zeichen der Brunftzeit

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Über mehrere Kilometer, Stunden und Tage verfolgen Böcke die Ricken während der Brunftzeit. Der Beschlag dauert dann nur ein paar Sekunden. Während der nächsten Wochen sollten Autofahrer besonders aufmerksam fahren.

Das Jagdjahr beginnt in Deutschland traditionell am 1. April und endet am 31. März. Im Juli dreht sich bei den Jägern alles um die Brunftzeit.

Werra-Meißner. Es ist Hochsommer geworden, eine brütende Hitze liegt über dem Land. Die Bauern haben mit der Getreideernte begonnen und überall dort, wo die großen Mähdrescher durch die Felder ziehen, steigen weithin sichtbare Staubfahnen in den Himmel.

Schon seit einiger Zeit hat der Eschweger Jagdpächter Lars-Henning Bartels eine zunehmende Unruhe bei den Rehen in seinem Revier festgestellt.

Die sonst so vorsichtig und heimlich lebenden Tiere sind jetzt auch häufig tagsüber zu sehen. Die Rehböcke durchstreifen suchend ihre Territorien und liefern sich zum Teil heftige Kämpfe mit anderen Rehböcken. Auch die Ricken (weibliche Rehe) verlassen oft ihre halbwüchsigen Kitze, die dann wie verloren in den Feldgemarkungen und Wäldern herumstehen und auf die Rückkehr der sonst so fürsorglichen Mutter warten.

Dieses Verhalten der Rehe zeigt dem erfahrenden Jäger deutlich, dass die Fortpflanzungszeit, die Brunftzeit, der Rehe begonnen hat. Wenn die Kitze etwa zwei Monate alt und nicht mehr ausschließlich auf die Ernährung mit Muttermilch angewiesen sind, werden die Ricken wieder paarungsbereit. Ein für die Rehböcke unwiderstehlicher Geruch und ein arttypischer, schriller Fieplaut der weiblichen Rehe locken die Böcke an. Nähert sich ein Rehbock einer paarungsbereiten Ricke, so beginnt diese vor dem Bock scheinbar davonzulaufen. Der Bock folgt der Ricke in immer enger werdenden Kreisen oft über viele Minuten, bis es schließlich zur Paarung kommt.

Naturschauspiel: Brunftzeit der Rehe hat jetzt begonnen

Die Jäger sagen, der Rehbock „treibt“ und „beschlägt“ die Ricke. Dadurch entstehen im Getreide oder im Gras der Wiesen oft kreisrunde Spurbilder, die im Volksmund als Hexenringe bezeichnet werden. Da die Rehe in der Brunftzeit aber auch besonders unvorsichtig sind und die stärkeren Böcke die jüngeren oft gnadenlos vertreiben und verfolgen, kommt es in dieser Zeit vermehrt zu Wildunfällen auf den Straßen.

In einer so abwechslungsreichen Landschaft wie dem Werra-Meißner-Kreis müssen die Autofahrer von Mitte Juli bis Mitte August zu jeder Tages- und Nachtzeit mit dem plötzlichen Auftauchen von Rehen auf der Straße rechnen“, erläutert Henning Bartels, „die Fahrweise sollte insbesondere dort, wo der Waldrand, Hecken oder noch nicht abgeerntete Felder an den Straßenrand heranreichen, der möglichen Gefahr durch Wildwechsel angepasst sein.“ Vor allem aber sollten Autofahrer immer damit rechnen, dass einem über die Straße laufendem Reh oft nach kurzer Zeit noch ein zweites folgt.

Für die Jäger hat die Brunftzeit der Rehe aber noch eine weitere Bedeutung. Da die Rehböcke in dieser Zeit sehr unvorsichtig sind, können sie leichter erlegt werden. Besonders auch, weil die Rehböcke durch Nachahmen des arttypischen Lockrufs der weiblichen Rehe durch den Jäger angelockt werden können.

Beobachten die Tiere: Der Eschweger Jagdpächter Lars-Henning Bartels und sein Sohn Balthasar.

Da die Jäger seit vielen Jahrhunderten ein Buchenblatt für die Nachahmung des Fiepens der paarungswilligen Ricken benutzt haben, heißt die Brunftzeit der Rehe bei den Jägern „Blattzeit“, auch wenn heute meist nicht mehr Buchenblätter, sondern künstliche Lockpfeifen verwendet werden. „Es mag ja nun hinterhältig klingen, dass die Jäger die fehlende Vorsicht der Rehböcke in der Paarungszeit für die Erlegung ausnutzen“, erklärt Henning Bartels, „allerdings haben wir oft nur in dieser Zeit die Möglichkeit, gezielt auf Rehböcke zu jagen, die wir sonst das ganze Jahr nicht zu Gesicht bekommen.“

Dies seien etwa Rehböcke, die in den dichten Jungwaldkulturen im Stadtwald von Eschwege leben oder die ihren Einstand in den verwachsenen Schwarzdornhecken entlang der Straßen hätten.

Nur so könne der von der Jagdbehörde festgesetzte, jährliche Pflichtabschuss erfüllt werden und gleichzeitig der Jungwald vor Schäden an den jungen Forstpflanzen durch die Rehe geschützt werden, betont Henning Bartels: „Auch versuchen wir im Revier Eschwege und Oberdünzebach, einen möglichst hohen Anteil des Pflichtabschusses an Rehböcken in der Nähe der Straßen zu tätigen, um so die Gefahr von Wildunfällen zu minimieren.“

Nach etwa vier Wochen, also spätestens Mitte August, sei die turbulente Paarungszeit der Rehe wieder vorbei. Die Ricken würden zu ihren etwas vernachlässigten Kitzen zurückkehren, und die Rehböcke wieder ihr heimliches Leben im Verborgenen führen, sagt Bartels.

Der Monat Juli steht bei den Jägern ganz im Zeichen der Brunftzeit: Zum einen steigt die Gefahr durch Wildunfälle, zum anderen können die Jäger in dieser Zeit die abgelenkten Rehböcke einfacher erlegen.

Ein Trick der Natur: die Eiruhe

Die Gesamttragzeit der Rehe beträgt etwa 9,5 Monate. Dies ist für so ein relativ kleines Säugetier recht lang. Damit aber fallen sowohl die kräftezehrende Paarungszeit (Brunft, Blattzeit) im Juli als auch die Geburt der Kitze im Mai in die warme Jahreszeit. Um dies zu ermöglichen, bedient sich die Natur eines Tricks. Obwohl die Ricken im Juli befruchtet werden, entwickelt sich der Embryo erst ab Dezember. Bis dahin ruht das befruchtete Ei. Die Wildbiologen nennen dieses Phänomen Eiruhe oder Keimruhe. Dies hat auch den Vorteil, dass Ricken, die in der Brunftzeit im Sommer nicht erfolgreich befruchtet (beschlagen) wurden, im Dezember noch einmal brunftig werden. Dann gibt es manchmal „Hexenringe“ im Schnee. Nach einer Paarung im Dezember gibt es keine Eiruhe, das Kitz entwickelt sich sofort und kommt auch im Mai auf die Welt. Außer bei Rehen kommt die Eiruhe regelmäßig auch bei Dachs, Stein- und Baummarder, Hermelin (Großes Wiesel), Seehund, Fischotter und Braunbär vor.

Von Jörg Brauneis

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