Sinneswandel durch die Krise

Werra-Meißner: Die Pandemie als Chance für nachhaltigere Wirtschaft

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Der Klimawandel hat bei vielen Menschen das Bewusstsein für Nachhaltigkeit geschärft. Dr. Lars Kleeberg, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Werra-Meißner, sieht in der Pandemie auch eine Chance für einen Wandel in der Wirtschaft. 

Fragen und Antworten: Lars Kleeberg  Geschäftsführer der WFG, sieht die Coronapandemie als Chance, um die Wirtschaft bei uns nachhaltiger zu gestalten.

Nach der Insolvenz des Vorgängers Nafatec stellt die Firma Bo Systems in Sontra weiter Naturfaserwerkstoffe und Formteile her, verfolgt nun aber eine nachhaltigere Ausrichtung, um auch andere Anwendungsfelder zu erschließen (wir berichteten).

Dr. Lars Kleeberg, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Werra-Meißner (WFG), hält das Thema der nachhaltigen Wirtschaft vor allem für den ländlichen Raum für bedeutsam und sieht die Coronapandemie als Chance, um die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten.

Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was macht das Thema für den ländlichen Raum wie den Werra-Meißner-Kreis so bedeutsam?

„In Ballungsräumen gibt es immer weniger Fläche. Im ländlichen Raum oftmals aber aufgrund der wenigen Industrie auch wenig Akzeptanz bei Neuansiedlungen“, sagt Kleeberg. Man habe das Potenzial, die eigenen Flächen bei Ansiedlungen so zu nutzen, dass Umwelt und Wirtschaftsentwicklung perfekt miteinander verbunden werden könnten.

Warum ist die Situation derzeit so günstig?

„Negativ gesehen, weil das Klima immer mehr geschädigt wird, positiv gesehen, weil der durch Covid-19 notwendige Wiederaufbau der Wirtschaft jetzt die Chance bietet, wirtschaftliche Anreize mit dem Klimaschutz zu verknüpfen“, so der WFG-Geschäftsführer.

Wie kann das künftig möglich sein?

Ziel müsse es laut Kleeberg sein, wirtschaftlichen Erfolg, soziale Verantwortung und ökologisches Bewusstsein in Zukunft zusammenzubringen und nicht gegeneinanderzustellen. „Nur dann kann eine nachhaltige Wirtschaft funktionieren, in der Wachstum mit Wohlstand und Klimaschutz erfolgreich harmonieren“, sagt er. Dazu seien Konzepte notwendig, die die Kommunen bei der Erreichung ihrer Klimaschutzziele und gleichzeitig die Unternehmen bei der Reduzierung der ständig steigenden Kosten für Betrieb und Produktion unterstützten.

Was bedeutet diese Nachhaltigkeit beispielsweise für potenzielle neue Gewerbegebiete?

Diese zeichnen sich laut Kleeberg künftig durch energiesparende Betriebe aus, eine regenerative Strom- und Wärmeversorgung sowie intelligente Regenwassernutzung, Kooperation mit Kleinbauern und Bioproduzenten. Außerdem entstünden Vorteile für die Anwohner vor Ort, wie etwa die Bereitstellung von E-Ladesäulen. „Können dann noch Arbeitsplätze geschaffen werden, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, Integration und Inklusion berücksichtigen, Ausbildungsplätze umfassen, die Diversifikation fördern und faire Arbeitsbedingungen bieten, dann sind wir am Ziel angekommen“, sagt Kleeberg.

Was heißt das in Bezug auf die Unternehmen?

„Sie müssen fit für die Wirtschaft von morgen gemacht werden. Dazu sind vor allem staatliche Anreize und Förderprogramme notwendig, damit Unternehmen in eine ressourcenschonende Produktion investieren“, sagt Kleeberg. Berufspendler sollten beispielsweise stärker im Homeoffice arbeiten können. Deren Produktivität bleibe Studien zufolge erhalten oder werde sogar gesteigert, außerdem könnte der CO2-Ausstoß verringert werden. Nachhaltigkeit bedeute aber auch, sich lokal mehr zu versorgen, den Material- und Ressourcenverbrauch zu reduzieren und verstärkt in Kreisläufen zu denken. „Wir können unser Wirtschaftsystem damit auch widerstandsfähiger machen. Erinnern wir uns nur an die Abhängigkeit von ausländischen Lieferungen, insbesondere beim Thema Atemschutz und Medikamenten vor ein paar Monaten“, sagt Kleeberg.

Ist ein solcher Wandel realistisch?

Bund und Länder würden immer wieder betonen, wie weit oben der ländliche Raum auf der politischen Agenda stehe. „Aktuell merke ich davon aber vor Ort wenig“, so Kleeberg. Ein direkter Zugriff auf finanzielle Extramittel, ein mehr an Eigensteuerung, weniger Bürokratie und Abhängigkeit seien erforderlich. „Alles zuvor genannte hört sich aktuell sehr ambitioniert und, ehrlich gesagt, auch für mich noch sehr nach Zukunft an“, sagt WFG-Geschäftsführer Lars Kleeberg.Aber jeder Schritt in diese Richtung sei ein Schritt zu mehr Nachhaltigkeit. Eine Einzelzielverfolgung beziehungsweise eine isolierte Sicht, nur auf Ökonomie oder Ökologie, führe in eine Sackgasse.

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