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König der Wälder in Gefahr: Experten im Interview

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Von: Stefanie Salzmann

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Eine Studie aus allen 20 Rotwildgebieten in Hessen hat ergeben, dass jahrzehntelang Inzucht die Bestände stark geschädigt hat.
Eine Studie aus allen 20 Rotwildgebieten in Hessen hat ergeben, dass jahrzehntelang Inzucht die Bestände stark geschädigt hat. © Willi Rolfes

Rothirsche in der Inzuchtfalle – Ist eine Umkehr möglich?

Werra-Meißner – Eine Studie aus allen 20 Rotwildgebieten in Hessen hat ergeben, dass jahrzehntelange Inzucht die Bestände stark geschädigt hat. Über die Gründe, aber auch die Möglichkeiten, diese bedrohliche Entwicklung wieder umzukehren, sprachen wir mit dem Naturschützer Dr. Jörg Brauneis und dem Vorsitzenden des Jagdvereins Hubertus Eschwege, Rainer Stelzner.

Die Sorge um das Rotwild ist groß. Warum ist diese Tierart so wichtig?

Dr. Jörg Brauneis: Das Rotwild ist nach der Ausrottung von Wisent, Auerochse, Elch und Wildpferd das größte noch frei lebende Wildtier in Deutschland. Die Anwesenheit dieser großen Huftiere im Wald ist eine wesentliche Voraussetzung für die Artenvielfalt, die sogenannte Biodiversität im Wald.

Mit welchen spürbaren Folgen?

Dr. Brauneis: Als Folgen der Inzucht können die Vitalität, die Fruchtbarkeit, das Anpassungsvermögen und die körperliche Entwicklung der Tiere schwer beeinträchtigt werden. Die Fähigkeit der Rotwildkälber, das erste Lebensjahr zu überstehen, sinkt deutlich. Missbildungen treten gehäuft auf. Eine besonders auffällige Form dieser Missbildung sind krankhafte Verkürzungen der Unterkiefer.

Wie ist es zu dieser massiven Inzucht gekommen?

Dr. Brauneis: Hessen hat von allen deutschen Bundesländern die dritthöchste Siedlungs- und Verkehrsflächendichte. Allein schon die ständig zunehmende Zerschneidung der Landschaft durch Autobahnen und ICE-Trassen unterbricht die natürlichen Wanderwege der Wildtiere und verhindert so den Gen-Austausch zwischen den einzelnen, voneinander getrennten Rotwildvorkommen.

Gibt es auch jagdliche Einschränkungen?

Ja, denn zusätzlich wird das Rotwild in Hessen durch jagdrechtliche Vorschriften in zwanzig räumlich voneinander getrennten – sogenannten Rotwildgebieten weiter isoliert – gleichsam eingesperrt. Außerhalb dieser Rotwildgebiete muss auf jagdbehördliche Anordnung alles Rotwild abgeschossen werden. Dies verstärkt die Inzuchteffekte in dramatischer Weise.

Wie hat die Jägerschaft diese Nachricht aufgenommen?

Rainer Stelzner: Das ist niederschmetternd. Viele alte Jäger, die sich um den Erhalt der Rotwildbestände in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts verdient gemacht haben, sind entsetzt und enttäuscht darüber, wie insbesondere in den öffentlichen Wäldern mit den Rothirschen umgegangen wird. Vom einst gehegten und geachteten „König der Wälder“ wurde der Rothirsch zum Waldschädling gemacht, der mit manchmal tierschutzrechtlich bedenklichen Jagdstrategien verfolgt wird.

Was ist für das Rotwild so bedrohlich?

Dr. Brauneis: Das langfristige Überleben des Rotwildes in Hessen ist durch die Isolierung der einzelnen Vorkommen voneinander und damit in letzter Zeit verstärkt auftretenden Inzuchteffekten und Verlusten der Vielfalt des Erbgutes – man nennt das auch genetische Verarmung – stark gefährdet.

Verfügt Hessen dennoch über ganz stattliche Rotwildvorkommen?

Dr. Brauneis: Ja, aber diese sind stark verinselt und zum großen Teil voneinander isoliert. Hinzu kommen suboptimale Lebensräume- – ein mit den Zielen des Forstpflanzenschutzes begründeter, oft extrem hoher Jagddruck, der wiederum zu einer ungünstigen Alters- und Sozialstruktur der Bestände führt.

In Nordhessen und damit auch im Werra-Meißner-Kreis ist die Lage noch nicht ganz so kritisch wie beispielsweise in Mittelhessen.

Dr. Brauneis: In drei kleinen weitgehend isolierten Rotwildpopulationen in Mittelhessen ist der Grad der Inzucht soweit fortgeschritten, dass das Überleben dieser Population als gefährdet angesehen werden muss. Dazu zählt beispielsweise der Krofdorfer Forst bei Gießen.

Warum sind die Rothirsch-Vorkommen in Nordhessen noch in besserem Zustand?

Dr. Brauneis: Weil es hier zwar verwaltungsrechtlich getrennte Rotwildgebiete gibt, die aber dennoch in räumlicher Verbindung stehen. Deshalb findet hier noch ein genetischer Austausch statt.

Heißt das Entwarnung für den Norden?

Dr. Brauneis: Nein, auf keinen Fall. Die Wildbiologen aus Gießen betonten in ihrer Studie auch, dass keine einzige hessische Rotwildpopulation eine zur Absicherung eines langfristigen Anpassungsvermögens ausreichende genetische Vielfalt mehr aufweist.

Was können die Länder tun, damit sich die Vorkommen genetisch wieder erholen?

Stelzner: Das Land Hessen muss sich entscheiden, ob es weiter Rothirsche in seinen Wäldern will. Besonders bedrückend empfinden es die Jäger, dass etwa der Wolf sich trotz erheblicher Schäden vollständig unkontrolliert im Land ausbreiten darf, während das Rotwild durch jagdrechtliche Vorschriften immer mehr eingeschnürt und an der Entfaltung seiner natürlichen Lebensweisen gehindert wird.

Dr. Brauneis: Um dem Rotwild eine langfristige Zukunft in Hessen zu sichern, muss die Festlegung der sogenannten Rotwildgebiete umgehend aufgehoben werden. Vorkommen außerhalb dieser Gebiete – wie etwa am Rand zum Eichsfeld – müssen erhalten und gefördert werden. Über technische Wanderhindernisse (wie beispielsweise Autobahnen) müssen Grünbrücken errichtet werden. Darüber hinaus müssen dem Rotwild überall ausreichend störungsfreie Ruhezonen eingeräumt werden.

Was ist mit den erst 2019 deutlich ausgeweiteten Jagdzeiten?

Dr. Brauneis: Die Jagdzeiten müssen deutlich verkürzt werden, sodass im April und Januar keine Jagd auf Rotwild mehr stattfindet.

Das sehen Waldbesitzer häufig anders.

Dr. Brauneis: Vor allem die großen, öffentlichen Waldbesitzer sollten einsehen, dass das Rotwild nicht nur ein Waldschädling ist, sondern ein wertvoller Bestandteil im Lebensraum Wald. Darüber hinaus ist das Rotwild durch schonende, nachhaltige Jagd ein Faktor für die Wertschöpfung im ländlichen Raum und hat damit auch eine nicht zu unterschätzende ökonomische Bedeutung.

Von Stefanie Salzman

Lesen Sie hier mehr zum Thema: Genetische Verarmung bedroht Vitalität des Rotwildes

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