Werra-Meißner- Kreis: Gastronomie fehlt Personal

Jeder fünfte Gastronomie-Mitarbeiter im Werra-Meißner-Kreis orientiert sich wegen Corona um

Christian Pelikan, Dehoga-Kreisvorsitzender.
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Christian Pelikan, Dehoga-Kreisvorsitzender.

Jeder fünfte Mitarbeiter hat der Gastronomie im Werra-Meißner-Kreis im vorigen Jahr den Rücken gekehrt – wegen der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen.

Werra-Meißner – Darauf weist die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) jetzt hin.

Hauptgrund dafür war, dass Köche, Kellner und Hotelangestellte durch die Kurzarbeit weniger Einkommen hatten und sich in der Folge beruflich umorientierten.

Andreas Kampmann, Geschäftsführer der NGG-Region Nord-Mittelhessen (Kassel), spricht von nun massivem Personalmangel. Weil viele Beschäftigte in der Gastronomie mittlerweile beispielsweise ihren Platz hinter der Biertheke wegen zwei Euro Stundenlohn mehr mit der Supermarktkasse vertauscht hätten, fehlten vielen Betrieben das Personal, um ihre Gäste wie früher gewohnt bewirten zu können – und das ausgerechet in der Sommersaison und der Zeit nach dem siebenmonatigen Lockdown.

Nach Angaben der Gewerkschaft NGG, die sich auf Zahlen der Arbeitsagentur beruft, beschäftigte das Hotel- und Gaststättengewerbe im Werra-Meißner-Kreis zum Jahreswechsel 2020/2021 rund 20 Prozent Menschen weniger als ein Jahr zuvor – vor Ausbruch der Pandemie. Damit habe binnen zwölf Monaten jeder Fünfte die Gastro-Branche verlassen.

Christian Pelikan, der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), bestätigt die Einschätzung der brisanten Lage für die Wirte und Hoteliers. Für seine Betriebe in Bad Sooden-Allendorf – zwei Restaurants und ein Hotel – verlor er in den vergangenen 16 Monaten bedingt durch die Coronasituation drei Mitarbeiter aus Küche und Service.

In der Küche eines Kollegen, so hörte Pelikan, wechselte der Koch ins Warenlager eines großen Onlineversandhändlers. Ein anderer habe sich entschieden, als Elektrotechniker arbeiten.

Von Kollegen kennt der Dehoga-Kreischef auch die Probleme, wieder Personal zu finden, auch wenn höherer Stundenlohn in Aussicht gestellt wird. Von einem Hotel in einem kleinen Dorf würden sogar für ungelernte Mitarbeiter Stundenlöhne 15 Euro angeboten.

Werra-Meißner-Kreis: Geringe Bezahlung und ungeregelte Arbeitszeiten sind Probleme

Verantwortlich für den drastischen Personalmangel in der Gastronomie ist in erster Linie die Pandemie mit ihren Folgen Lockdown und Kurzarbeit.

Viele Probleme seien jedoch hausgemacht und hätten schon vor Corona bestanden – etwa die geringe Bezahlung und ungeregelte Arbeitszeiten, sagt Andreas Kampmann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Er hält es für erforderlich, die Branche jetzt durch Tarifverträge und mehr Lohn sowie bessere Arbeitsbedingungen attraktiver zu machen. Kampmann: „Auch Servicekräfte haben ein Recht darauf, vor dem Dienst zu wissen, wann Feierabend ist.“ Und sie hätten „Anspruch auf eine anständige Bezahlung“.

Bei Kreisvorsitzendem Christian Pelikan vom Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) stößt die Forderung nach Tarifverträgen nicht auf Ablehnung. Er würde sie unterstützen, doch dafür müssten seiner Meinung nach mehrere Voraussetzungen geschaffen werden.

Zum einen dürften Gaststätten nur noch von Fachleuten eröffnet und betrieben werden, die einen gastronomischen Beruf erlernt und die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben – mit so einer Art Meisterbrief, wie Pelikan sagt. Zudem müssten alle Betriebe organisiert sein, in diesem Falle über die Dehoga.

Außerdem, und das ist für Pelikan wichtigste Voraussetzung, müsste das Steuersystem in Deutschland geändert werden.

Im Ergebnis dürften die Beschäftigten im Bereich Industrie und Handwerk nicht gleich besteuert werden wie Berufstätige in den Dienstleistungsbranchen. Es müsse Regelungen geben, damit der Lohn auch in den Taschen derer bleibt, die sich im Betrieb engagieren „und auch eine Stunde länger bleiben“, sagt der Degoha-Kreischef. Auch das Senken der Steuersätze für Niedriglohn sollte überdacht werden.

Pelikans Wunsch: Hotelbetriebe und Gaststätten sollten einen bestimmten Betrag – beispielsweise bis zu 3500 Euro pro Jahr und Mitarbeiter – steuerfrei bezahlen dürfen, damit besonderer Einsatz auch finanziell anerkannt werden kann, ohne dass der Mitarbeiter diesen Bonus gleich auch versteuern muss. Auf diese Weise könne man auch attraktivere Arbeitsplätze bieten. (Von Stefan Forbert)

Freie Plätze in der Gastronomie im Werra-Meißner-Kreis

Die Zahl der Auszubildenden in den Gastronomieberufen hat sich in den vergangenen Jahren mit 12 bis 16 jungen Menschen je Ausbildungsjahr zwar auf niedrigem Niveau, aber relativ konstant gehalten. Nach Angaben von Dr. Thomas Fölsch, Bereichsleiter Aus- und Weiterbildung bei der IHK Kassel-Marburg, gibt sich derzeit im Werra-Meißner-Kreis je Jahrgang 12 Auszubildende in den Berufen Restaurant- und Hotelfachmann, Hotelkaufmann, Koch und Hauswirtschafter. Für den neuen Jahrgang, der im Herbst beginnt, liegen noch keine Zahlen vor. Aktuell bestünden noch gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz in der Gastronomie. Bei den Köchen zeichnet sich laut Fachlehrer Harald Heinzl von der Berufsschule in Witzenhausen und Dehoga-Kreisvorsitzendem Christian Pelikan ab, dass im Kreis mindestens 4 junge Leute in die Ausbildung einsteigen wollen. 4 angehende Köche kommen ab September ins zweite und 8 ins dritte Lehrjahr. 

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