„Abschied von wichtigem Teil der Turngau-Geschichte“

Start frei: Sportwettbewerbe des Turngaus Werra für Kinder und Erwachsene wird es auf der Hausener Hute vorerst nicht mehr geben. Das Meißner-Bergturnfest soll mangels Teilnehmern nicht mehr stattfinden. Unser Bild entstand im Jahr 2010. Foto: Privat/nh

Werra-Meißner. Diese Nachricht ließ nach dem jüngsten Gauturntag aufhorchen: Das 108. Meißner-Bergturnfest wird es nicht geben. Über das Ende einer Ära haben wir mit der Vorsitzenden des Turngau Werra, Magdalena Weidner, gesprochen.

Seit fast 120 Jahren hat der Turngau Werra fast jährlich ein Bergturnfest ausgerichtet. Warum endet diese Tradition?

Magdalena Weidner: Wir haben uns schon seit Jahren gefragt, wie lange wir das Bergturnfest veranstalten können. Wir hatten uns als Richtwert 100 Teilnehmer gesetzt, aber diese Zahl haben wir schon lange nicht mehr erreicht. Das Aus stand seit 2013 im Raum.

Hinzu kommt, dass wir keinen Nachfolger für den Vorsitz des Organisationsausschusses gefunden haben, der die 25 Helfer koordiniert hätte. Finanziell haben wir immer viel draufgelegt. Das machen wir gern, aber dann müssen auch die Teilnehmerzahlen stimmen. Wenn die in keinem Verhältnis mehr zu Aufwand und Kosten stehen, dann ist es besser, das Turnfest einzustellen.

2015 musste das Fest wegen Regens verschoben werden. War das der Grund für die schlechten Anmeldezahlen?

Weidner: Beim ursprünglichen Termin im Juli waren es sogar nur 30 Anmeldungen, zum Fest im September kamen dann 59 Teilnehmer, darunter elf Flüchtlinge. An der Verschiebung hat es nicht gelegen.

Warum haben immer weniger Menschen Lust, sich bei solchen Festen zu messen? Kann es sein, dass bei vielen schon so viel Leistungsdruck im Beruf herrscht, dass sie nicht auch noch in der Freizeit mit anderen wetteifern wollen?

Weidner: Das kann Teil der Erklärung sein, aber dagegen spricht, dass Veranstaltungen wie Marathons und Triathlons immer beliebter werden. Wir beobachten eher Folgendes: Kinder kommen nur zum Turnfest, wenn die Übungsleiter sie dazu motivieren können. Dann müssen auch die Eltern als Transporteure und Betreuer mitziehen. Die Übungsleiter müssen zudem bereit sein, sich über ihre Übungsstunde hinaus zu engagieren, dazu sind viele nicht mehr bereit. Das gilt oft auch für die Mitglieder in Sportvereinen: Sie gehen zum Sport, mit dem Vereinsleben wollen sie aber nichts zu tun haben. Die Abnahme der „Vereinskultur“ vor allem bei jüngeren Menschen ist ein Trend der Zeit, da hilft auch kein Jammern. Vor allem an den Wochenenden ist es schwer, Menschen für Veranstaltungen zu gewinnen, weil die Auswahl oft sehr groß ist.

Warum setzen Sie auf die Ausbildung von Übungsleitern, um Sport im Verein attraktiver zu machen? Die Kinder müssen ja erstmal in die Turnhalle kommen, um zu sehen, wie viel Spaß das machen kann...

Weidner: Gut ausgebildete Übungsleiter machen tolle Übungsstunden - und das spricht sich rum. Deshalb sorgt der Turngau für die professionelle Aus- und Fortbildung von Übungsleitern. Die Vereine suchen laufend neue Übungsleiter. Um die Scheu zu nehmen und auch jüngere Leute anzusprechen, wollen wir auch niederschwellige Angebote machen und werden 2017 möglicherweise eine Ausbildung zum Übungsleiter-Assistenten anbieten. Das müssen wir noch genauer beraten.

Gibt es schon Ideen, was nach dem Bergturnfest der Höhepunkt des Turngau-Jahres werden soll?

Weidner: Wir denken über eine gleichwertige Folgeveranstaltung nach, die zum Beispiel in Kooperation mit einem Sportverein angeboten wird. Das könnte statt einem Wettkampf ein Sport- und Spielfest sein, das Spaß an der Bewegung weckt. Und wir haben ja noch unsere Frühjahrs- und Herbstwanderungen, die von Jung und Alt gut angenommen werden. Da haben wir mindestens 200 Teilnehmer, teilweise aber auch zwischen 550 und 800.

Was bedeutet es für den Turngau, wenn das Bergturnfest nun eingestellt wird?

Weidner: Es ist ein Abschied von einem wichtigen Teil unserer Geschichte, wir sind an einem Wendepunkt. Wir müssen uns jetzt neu orientieren und die Herausforderung annehmen. Wie das aussehen kann, muss der neue Vorstand jetzt beraten.

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