Bertelsmann-Studie steigt das Risiko für Altersarmut.

Altersarmut: Besonders Frauen sind gefährdet 

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Wollen Frauen vor der Armut im Alter schützen: (von links) Katja Eggert, Christel Thomas, Katrin Otto, Regina Novak, Manuela Zimmermann, Maria Wiegant, die im Rahmen ihres Studiums ein Praktikum im Gleichstellungsbüro Eschwege absolviert, und Thekla Rotermund-Capar.

Nach einem arbeitsreichen Leben will man den Ruhestand genießen. Fällt die Rente aber klein aus, wird das nichts mit dem entspannten Lebensabend. Laut einer Bertelsmann-Studie steigt das Risiko für Altersarmut.

Besonders Frauen sind davon gefährdet, im Alter zu verarmen, sagt Thekla Rotermund-Capar, Gleichstellungsbeauftragte im Werra-Meißner-Kreis. „Zwei Drittel der unbezahlten Arbeit wird von Frauen erledigt.“

Unter der sogenannten Care-Arbeit fallen Hausarbeiten, Kinderbetreuung, aber auch Pflege von kranken und älteren Familienangehörigen. „Wer die Kinder betreut, kann nicht in Vollzeit arbeiten gehen“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte, zumal es in Hessen nicht genügend U3-Kita-Plätze gebe. Eine sozialversicherungspflichtige Arbeit sei perspektivisch aber wichtig für die Rente.

Dem stimmt Katja Eggert zu, die als Gleichstellungsbeauftragte in Witzenhausen auch den Seniorenrat betreut: „Ich sehe das immer bei meiner Seniorenarbeit. Wenn beide gearbeitet haben, steht man im Alter finanziell ganz anders da.“ Wer dagegen nur in Minijobs oder auf 450-Euro-Basis gearbeitet hat, habe nichts für seine Rente getan. „Viele Frauen ignorieren ihre Altersvorsorge“, sagt Regina Novak, Bildungsberaterin von der Volkshochschule Werra-Meißner-Kreis. Christel Thomas, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt in Kassel, stimmt zu: „Viele Frauen denken nicht langfristig. Sie sind so mit den Kindern beschäftigt, dass sie nicht im Hinterkopf haben, was sie danach machen.“

„Ich hätte damals auch nicht daran gedacht, zu riestern, hätte man mir in der Verwaltung nicht gesagt, dass das Sinn macht“, sagt Eggert. Vielen Frauen sei nicht bewusst, dass sie selbst oder der Ehepartner in die Riester-Rente einzahlen können. Auch mit gut verdienendem Partner sollte man immer auf sich selbst achten, sind sich die Frauen einig. „Ich wünsche jeder Frau, dass sie glücklich verheiratet bleibt“, sagt Rotermund-Capar. Aber ihre Erfahrungen zeigen, dass man vorsorgen sollte.

Familienarbeit erhöht das Risiko für Altersarmut

Im Alter plötzlich arm zu sein – diese Vision erschreckt viele. Und doch betreiben zu Wenige eine konsequente Fürsorge dagegen, sagen die Gleichstellungsbeauftragten der Region. 

„Am besten schützt eine sozialversicherte Arbeit gegen Altersarmut“, sagte Katja Eggert, Gleichstellungsbeauftragte in Witzenhausen. „Das Problem betrifft immer die, die die Familienarbeit leisten“, ergänzt Thekla Rotermund-Capar, Gleichstellungsbeauftragte des Werra-Meißner-Kreises. Denn die Familienarbeit erfahre kaum Wertschätzung in der Gesellschaft. 

„Ausgangspunkt der Wirtschaft ist die Hauswirtschaft. Es geht darum, die Grundbedürfnisse zu befriedigen.“ Doch heute schließe der Wirtschaftbegriff all die Arbeiten wie Führen eines Haushaltes, Betreuung von Kindern und die Pflege von Kranken und Alten, die unter dem Begriff „Care“ zusammengefasst werden, nicht mehr ein. Dabei müsse die Arbeitskraft täglich reproduziert werden, was durch die Familienarbeit geschehe. 

Sowohl Rotermund-Capar als auch Eggert plädieren zum Wohle der Familien für ein bedingungsloses Grundeinkommen. „Man sollte die Wahl haben, ob man in Vollzeit arbeiten gehen will und nicht aus finanziellen Gründen dazu gezwungen werden“, sagt Rotermund-Capar. 

„Es sind zu 60 Prozent die Frauen, die Angehörige pflegen“, sagt Rotermund-Capar. Und auch beim Thema Elternzeit würden sich noch viel zu wenige Männer beteiligen. „Bei mir kommt vielleicht einmal im Jahr ein Mann vorbei und der hat sich dann verirrt. Aber in der freien Wirtschaft und im Handwerk ist es oft schwierig, dass Männer in Elternzeit gehen können“, sagt Christel Thomas, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt des Jobcenters Kassel. „Und wenn sie sich dann doch dazu entscheiden, in Elternzeit zu gehen, dann haben sie original die gleichen beruflichen Probleme wie Frauen.“

Wer lange Zeit nicht berufstätig war, dem fällt der berufliche Wiedereinstieg häufig schwer: „War ich fünf Jahre nicht in meinem Beruf tätig, gelte ich als ungelernt“, kritisiert Regina Novak, Bildungsberaterin der Volkshochschule Werra-Meißner. 

Zudem fehle den Frauen häufig das Selbstvertrauen über ihre Fähigkeiten. „Wenn die Frauen wüssten, was sie gegenüber den Männern alles an Vorsprung haben“, sagt Rotermund-Capar. So müssten Mütter zum Beispiel höchste Flexibilität entwickeln. „Man schaut immer, auf welchem Seminar hat man welche Fähigkeiten erlernt. Dabei werden die meisten Fähigkeiten an informellen Orten erworben.“ 

Wer keine abgeschlossene Ausbildung hat, solle diese nachholen, raten die Expertinnen. „Das geht auch mit 35 oder 40 Jahren noch“, sagt Regina Novak. Zudem gibt es auch die Möglichkeit einer Teilzeitausbildung. „Die eignet sich nicht nur besonders für Frauen, die noch ihre Familie versorgen müssen oder Angehörige pflegen, sondern auch für Frauen mit Migrationshintergrund, die zum Beispiel Probleme mit der Sprache haben.“ So könne nachmittags die freie Zeit zum Lernen genutzt werden. Dabei sollte aber auch auf die Berufswahl geachtet werden. Helferberufe wie Rechtsanwaltsgehilfin oder Zahnarzthelferin seien auch von Altersarmut gefährdet. „Das Problem baut sich auf“, sagt Rotermund-Capar. 

Arbeiten zu gehen, sei aber nicht nur aus finanzieller Hinsicht wichtig. „Ich ärgere mich immer, wenn ich höre ,Ich musste nie arbeiten gehen’“, sagt Katja Eggert. „Arbeit ist doch eine Bereicherung, man kann sich entwickeln, erlernt Wissen und hat soziale Kontakte.“

Vortrag zu Care

Das Gleichstellungsbüro Werra-Meißner veranstaltet Vorträge, um die Fürsorgearbeit wieder mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. So findet am Freitag, 18. Oktober ein Vortrag zum Thema „Care – Sorge als Mitte alllen Wirtschaftens denken“ von der Theologin Ina Praetorius statt, von 16 bis 19 Uhr im Bistro Amélie, Hessenring 1 in Eschwege, Anmeldung unter Tel. 0 56 51/30 21 07 01.

Eigene Stärken und Talente erkennen

Um Frauen ihre eigenen Fähigkeiten zu zeigen, veranstalten das Jobcenter Werra-Meißner, das Gleichstellungsbüro Werra-Meißner und die Agentur für Arbeit Kassel das Intensivseminar „Kompetenzpass“. Dabei handelt es sich um einen Kurs für Frauen, der dabei unterstützt, die eigenen Stärken und Talente zu erkennen. Zudem werden berufliche Entwicklungsperspektiven erarbeitet und Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern hergestellt. Auch werden die Bewerbungsunterlagen auf den neuesten Stand gebracht. Zum Seminar gehört ein vierwöchiges Praktikum.

Ansprechpartnerin: Regina Novak, Volkshochschule Werra-Meißner, Tel. 0 56 51/74 29 18, E-Mail: regina.novak@vhs-werra-meissner.de

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