Erzieherinnen aus Fürstenhagen berichten

Corona-Alltag im Kindergarten: Mit Abstand Wickeln ist unmöglich

Trotz Corona-Krise kreativ: Karina Kördel (von links), Valerie Schramm und Karen Engel schicken den Kindern daheim Ausmal- und Bastelideen. Da dafür viel Papier und Toner benötigt werden, freuen sie sich über Nachschub. Die Regenbögen der Kinder zieren nun Lichtenauer Apotheken, Supermärkte, Bäckereien und Altenheime.
+
Trotz Corona-Krise kreativ: Karina Kördel (von links), Valerie Schramm und Karen Engel schicken den Kindern daheim Ausmal- und Bastelideen. Da dafür viel Papier und Toner benötigt werden, freuen sie sich über Nachschub. Die Regenbögen der Kinder zieren nun Licht enauer Apotheken, Supermärkte, Bäckereien und Altenheime.

Seit neun Wochen gibt es aufgrund der Corona-Krise eine Notbetreuung. Doch wie läuft der etwas andere Kindergarten-Alltag ab?

Leiterin Valerie Schramm und Kollegin Karina Kördel von der Kita Forellenfänger in Fürstenhagen berichten.

Holpriger Start

Dass der Kindergarten in die Notbetreuung gehen muss, erfuhr Schramm erst am Freitagabend, ausgerechnet einem Freitag, dem 13. „Holterdiepolter“ kam die Nachricht, als die Kita bereits geschlossen hatte. „Ich musste viel rumtelefonieren und hab den Sonntag Elternbriefe geschrieben.“ Ähnlich war es Ende der ersten Woche, als es hieß, dass für die Notbetreuung statt beider Elternteile nur noch eins einem systemrelevanten Beruf nachgehen müsse. Und auch bei der Regelung für die Feiertage wussten Schramm und ihr Team erst Gründonnerstag, dass keins der Kinder über Ostern Betreuung benötigt.

Anfangs habe eine große Unsicherheit geherrscht, sie habe ihre Mitarbeiter, Eltern und auch sich selbst auffangen müssen. Zudem sei in den Richtlinien vieles nicht aufgeführt gewesen, beispielsweise, wie die Handhabung ist, wenn ein Elternteil in Elternzeit ist und ob die Definition alleinerziehend an das Sorgerecht gebunden ist oder von der Wohnsituation abhängt. Und auch die Arbeit in der Notbetreuung sei eine ganz andere. „Es ist alles doppelt so anstrengend, weil es eben nicht Alltagsgeschäft ist.“ Man habe das Gefühl einer 24-Stunden-Bereitschaft, könne zuhause nicht abschalten, sondern überlege beim Schauen der Nachrichten, was diese wieder für Auswirkungen für die Kita bedeuteten – das habe Schramm auch von anderen Leitern gehört.

Den Abstand beim Frühstück am Gruppentisch könne man beim Füttern oder Wickeln eben nicht einhalten. „Die Kinder springen einem auf den Schoß, fallen hin und müssen getröstet werden. Und wenn ein Kind einen Legostein braucht, dann hängt man eben mit ihm in der Kiste und sucht“, sagt Kördel. Alles andere wäre auch befremdlich. „Wir handeln so, wie es in unserem Erzieherblut ist.“ Daher haben sich die 13 Erzieher auch gegen das Tragen von Masken entschieden.

Neuer Alltag

„Haben wir genug Klopapier?“ Diese Frage beschäftigte die Kinder anfangs, wie alles rund um Corona, sodass Kördel oft das Radio anstellen musste. Das habe sich mittlerweile gelegt. „Manchmal muss man aber mit den Kindern rufen: ‘Blödes Corona, hör endlich auf’, um dem Ganzen Raum zu geben.“ Die Kinder hätten Ängste, beispielsweise, weil die Mutter im Krankenhaus arbeitet und selbst krank werden könnte. Oder sie erzählten traurig, dass sie die Großeltern gar nicht oder nur über den Gartenzaun sehen dürfen. Es sei wichtig, den Kindern gegenüber authentisch zu bleiben, sie wissen zu lassen, „dass es uns auch so geht“.

Zwar würden die Kinder die geringe Gruppenstärke genießen und es toll finden, auf ein Klingeln hin an der Tür von einem Erzieher in Empfang genommen zu werden, jedoch auch die anderen Kinder und die normalen Abläufe vermissen. So ist auch das Begrüßungs- und Verabschiedungsritual der Kita der Pandemie zum Opfer gefallen: Für das Handgeben haben sich alle Alternativen überlegt: Manche Kinder winken oder lächeln, andere Tätscheln die Schulter oder geben den Fuß statt der Hand.

Seit Start der Notbetreuung kochen die Erzieher selbst für die Kinder und haben mit der 14-tägigen Post für die Daheimgebliebenen – je nach Alter in drei Varianten – noch eine weitere neue Aufgabe. Darin enthalten ist immer eine Bastel- oder Ausmalidee. Viele bunte Kinderhände kamen schon zurück und zieren den Zaun der Einrichtung.

So könnte es weitergehen

Laut dem Sozialministerium sollen die Kitas am 2. Juni ihren Betrieb wieder aufnehmen. Wie das aussieht, ist allerdings noch nicht bekannt. Genauso wenig, was bis dahin passiert, sollten alle berechtigten Eltern ihren Anspruch auf Notbetreuung wahrnehmen. Denn in der Kita Forellenfänger haben inzwischen 40 der 80 Kinder Anspruch auf Notbetreuung. Tatsächlich sind laut Leiterin Valerie Schramm in der ersten Woche 6, dann 8, in der vergangenen Woche 9 und seit dieser Woche 12 Kinder abgegeben worden. „Wir haben das Gefühl, dass die Chefs langsam Stress machen, der Urlaub inzwischen erschöpft ist und die Eltern mit ihrem Betreuungssystem an ihre Grenzen kommen.“ Man müsse sich jedoch immer wieder bewusst machen, dass es eine Notbetreuung sei. Neben dem vom Arbeitgeber unterschriebenen Nachweis lässt sich die Leiterin daher auch die Dienstpläne vorlegen. 

Es gebe aber auch Tage, an denen Eltern ihre Kinder nicht bringen würden, was ihr zeige, dass achtsam mit der Betreuung umgegangen wird. Das ist auch wichtig, denn inzwischen sind drei der vier Gruppenräume belegt mit jeweils einer festen Gruppe an Kindern und Erziehern. Der vierte wird bald nötig sein, denn die Empfehlung des Landkreises lautet: fünf Kinder pro Notgruppe. „Wenn wir über 20 Kinder kommen, müssen wir gucken, wohin wir ausweichen.“ Der Turnraum wäre eine Möglichkeit. Vom Kreis wurden die Gemeindehäuser vorgeschlagen, allerdings müssten diese auch für eine Kinderbetreuung geeignet sein. Ebenso ungeklärt ist, was mit den Kindern passiert, die gerade erst eingewöhnt waren. Ob eine erneute Eingewöhnung für alle Eltern möglich ist, sei angesichts erschöpfter Urlaubstage aufgrund der Corona-Krise fraglich.

Seit zwei Monaten sind die Kitas in Kassel geschlossen. Die Stadt Kassel will die Beiträge für die Schließzeiten zurückerstatten. Dies gilt aber nur für städtische Einrichtungen. Dieses verärgert die Eltern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.