Interview mit Leiterin einer Selbsthilfegruppe

Depressionen sind im Werra-Meißner-Kreis immer noch ein Tabu-Thema

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Manuela Sander aus Wendershausen: Sie leitet die Selbsthilfegruppe Regenbogen 2000 in Witzenhausen. 

Witzenhausen. Depressionen und andere psychische Erkrankungen fristen ein gesellschaftliches Schattendasein. Wir sprachen mit der Leiterin einer  Selbsthilfegruppe über die Tabuisierung und die therapeutische Versorgung im Werra-Meißner-Kreis.

Frau Sander, an wen genau richtet sich Ihre Selbsthilfegruppe Regenbogen 2000?

Manuela Sander: An Menschen mit Depressionen, mit Angst- und Panik-Attacken und ähnlichen Krankheitsbildern. Wir alle sind Laien und selbst betroffen. Das hat den Vorteil, dass wir wissen, wie es den anderen geht. Wir besuchen aber auch Seminare und holen uns Fachleute von außen dazu.

Wie hat man sich Ihre Treffen vorzustellen?

Sander: Nachdem wir uns begrüßt haben, bekommt nacheinander jeder das Rede-Ei in die Hand, einen blauen, ovalen Stein. Wer den hat, der hat das Wort. Nur er darf reden, kein anderer. Das heißt, dass jeder erzählt, wie es ihm in den letzten 14 Tagen ergangen ist, was es Neues gibt, ob er etwas besprechen möchte. Danach steigen wir dort ein, wo Menschen etwas an Sorgen mitgebracht haben. Das sind ganz unterschiedliche Probleme. Die einen sind alleine, andere müssen jemanden pflegen oder sind wegen ihres Berufs sehr angespannt.

Wie sprechen Sie mit fremden Menschen außerhalb der Gruppe über Ihre Erkrankung?

Sander: Das ist schwierig. Es ist immer noch ein Tabu-Thema in der Gesellschaft. Es ist sehr schwer, sich zu outen und zu sagen, dass man erkrankt ist. Auch heute noch. Und: Es ist schwer zu erklären, wenn der andere nicht selbst schon gespürt hat, was die Seele mit einem machen kann, wenn sie krank ist. Diese Menschen hatten nie das Gefühl, Gewichte an den Armen zu haben, dass alles eine graue Masse ist.

Und wie geht man bestenfalls auf jemanden zu, von dem man weiß, dass es ihm so geht?

Sander: Freundlich und behutsam. Man muss sich gegebenenfalls überlegen, was man sagt. Menschen, denen es seelisch nicht so gut geht, verstehen manches falsch. Weil sie vieles negativ wahrnehmen. Sie fühlen sich schnell verletzt.

Inwiefern hat sich aus Ihrer Sicht die gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Erkrankungen in den vergangenen Jahren verändert?

Sander: Nachdem der Fußballer Robert Enke sich umgebracht hatte, ging ein Raunen durch die Gesellschaft. Danach hat es sich wieder ein bisschen verflüchtigt. Dennoch wird viel in den Medien berichtet. Dadurch, dass der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft derart zugenommen hat, sind viele Menschen überlastet. Frauen müssen Haushalt, Kinder und Beruf stemmen. Statussymbole müssen aufrechterhalten werden. Irgendwann kommt dann dieses Burnout. Und das ist oft auch nichts anderes als eine Depression.

Trotz der weiten Verbreitung ist diese aber immer noch ein Tabu?

Sander: Ja, das Gefühl habe ich. Auch ich habe erlebt, dass sich Menschen von mir abgewendet haben, nachdem ich mich geoutet hatte. Als hätte ich die Pest. Manchmal habe ich das Gefühl, es wird auf einen herabgesehen. Man darf sich heute keine Schwäche leisten. Depression wird sogar mit Faulheit gleichgesetzt, oder mit einer vorgetäuschten Krankheit. Als ob man das mit Absicht macht. Sie wird noch nicht als Erkrankung anerkannt.

Wie beurteilen Sie die psychotherapeutische Versorgung hier im Werra-Meißner-Kreis?

Sander: Ich persönlich habe bisher viele gute Erfahrungen gemacht – was die Behandlung betrifft. Allerdings weiß ich auch, dass man sehr lange auf einen Therapieplatz warten muss. Dass die Region mit Therapeuten überversorgt sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. Auch fehlt oft die Spezialisierung: Um gezielt Hilfe zu bekommen, muss man in der Regel nach Kassel oder Göttingen fahren.

Was macht das mit Erkrankten, wenn sie so lange auf einen Therapieplatz warten müssen?

Sander: Die sind ziemlich frustriert. Es geht einem ja jetzt schlecht. Auch ist es schwierig, wenn man merkt, dass es mit dem Therapeuten nicht passt. Und so viel Auswahl hat man hier ja auch nicht. Unter Umständen fühlt man sich dann nicht verstanden, kann sich niemandem mitteilen und kapselt sich ab.

Was müsste sich denn künftig ändern, damit man als psychisch erkrankter Mensch besser leben kann?

Sander: Es braucht Aufklärung in der Gesellschaft. Die Menschen müssen dafür sensibilisiert werden, dass diese Krankheiten zunehmen und dass es jeden aus heiterem Himmel treffen kann.

Die einen können geheilt werden, die anderen müssen ein Leben lang mit Medikamenten behandelt werden. Schön wäre es natürlich, wenn die Wartezeit nicht mehr wäre. Es wird künftig noch mehr Plätze brauchen als heute. Es wird viel mehr Menschen geben, die noch mehr arbeiten.

Zur Person:

Manuela Sander (52) wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in der Witzenhäuser Ortschaft Wendershausen. 1997 wurde bei ihr eine Depression diagnostiziert. Bereits ihre Großmutter, ihre Mutter und ihr Onkel litten unter der psychischen Erkrankung. Womöglich auch ihr ältester Sohn, der sich mit 22 Jahren 2008 das Leben nahm. Sander, die Altenpflegefachkraft lernte, leitet seit 2007 die Witzenhäuser Selbsthilfegruppe Regenbogen 2000. Die Gruppe trifft sich an jedem zweiten Mittwoch, von 18 bis 20.30 Uhr, im „Aufwind“, Walburger Straße 49 in Witzenhausen. Wer teilnehmen möchte, wird darum gebeten, sich im Voraus über das Kontaktformular auf www.regenbogen-2000.de zu melden.

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