Lehrer sollen gleichzeitig auch Sozialpädagogen sein

Eltern im Werra-Meißner-Kreis sehen Inklusion kritisch

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Viele Eltern von Grundschülern im Werra-Meißner-Kreis schlagen wegen der Schulsituation ihrer Kinder die Hände über dem Kopf zusammen.

Der Grund: Der Mangel an Lehrkräften und die zunehmenden Herausforderungen durch die Inklusion sorgen für Überforderung – sowohl zuhause als auch in der Klasse. So sieht es zumindest Carla Schäfer, ehemalige Elternbeirätin an der Kesperschule in Witzenhausen.

„Wir haben ein strukturelles Problem“, sagt Schäfer. „Lehrer müssen durch die Inklusion extrem lernschwache Schüler gemeinsam mit lernstarken Schülern unterrichten.“ Dadurch geraten Lehrer in eine Doppelrolle, der sie nicht gerecht werden können. Dem stimmt Thorgit Winter, aktive Elternbeiratsvorsitzende an den Beruflichen Schulen in Witzenhausen, voll und ganz zu: „Wir sitzen bildungstechnisch auf der Titanic.“

Ein Problem sei hier auch die veränderte Erwartungshaltung mancher Eltern. „Sie geben ihren Kindern kaum Regeln mit auf den Weg und erwarten, dass die Lehrer ganz allein diesen Erziehungsauftrag erfüllen“, so die Elternbeirätin und Mutter. Ihr Wunsch: Das Kultusministerium soll Lösungen finden, damit der mangelhafte Unterricht nicht Zuhause aufgefangen werden muss.

Die zunehmende Belastung der Lehrkräfte ist auch Marco Locorotondo vom Kreis-Elternbeirat des Werra-Meißner-Kreises bewusst: „Das Berufsfeld des Lehrers hat sich dramatisch verändert.“ Lehrer müssten plötzlich auch als Sozialarbeiter funktionieren. „Es wäre wichtig, die Ausstattung der Schulen den neuen Herausforderungen anzupassen.“

Laut Philipp Bender, Pressesprecher des hessischen Kultusministeriums, ist das allerdings längst geschehen. „Lehrermangel“ hingegen sei ein Begriff, der sich zwar wie ein Lauffeuer verbreite, mit der Realität aber nur wenig zu tun habe: „Die Grundunterrichtsversorgung ist an allen Schulen gewährleistet.“ Für die Erziehung eines Kindes hingegen seien nicht nur die Schulen, sondern vor allem die Eltern zuständig.

Lehrkräfte brauchen freien Rücken 

In den Augen von Carla Schäfer und Thorgit Winter, ehemalige und aktive Elternbeiratsvorsitzende, scheitert die aktuelle Umsetzung der Inklusion in etlichen Bereichen. Vereinzelte Schüler toben sich aus, der Rest der Klasse aber falle hinten runter – das könne es nicht sein, finden die beiden. Aber was ist die Alternative?

Ein Überblick über die Probleme, deren Folgen und mögliche Lösungsansätze:

  • Probleme: Eines der Probleme sei die steigende Erwartungshaltung einiger Eltern gegenüber der Schule, sagt Schäfer. Die Erziehungsverantwortung werde in die Schule verlagert: „Manche Eltern tragen regelrecht eine rosarote Brille.“ Die geistige oder emotionale Beeinträchtigung des Kindes werde weitestgehend bagatellisiert. Wertschätzung und Respekt gegenüber Lehrkräften – zunehmend Fehlanzeige. Weil mehr verhaltensauffällige Kinder in der Klasse seien, müsse eine intensivere Betreuung her, erklärt Schäfer. Das nächste Problem: Es gebe nicht genügend Lehrer und Sozialpädagogen, die all diesen neuen Herausforderungen gerecht werden können. 
  • Folgen: Konflikte, Mobbing, Gewalt – all das können Folgen der scheiternden Inklusion sein, sagt Schäfer. Winter ergänzt: „Manchmal verbringen die Lehrer in einer Doppelstunde 60 Minuten allein mit Diskutieren.“ An inhaltlichen Unterricht sei da gar nicht zu denken. Soziale Konflikte kosten laut Schäfer viel Unterrichtszeit. Die Folge: „Der Lernstand sinkt.“ Außerdem führe dies zu Frustration bei den Lehrern. Der Lehrerberuf insgesamt werde zunehmend unattraktiver. 
  • Lösungen: „Die Politik darf keine Scheuklappen aufsetzen“, wünscht sich Winter. Aufgrund der größeren Herausforderungen in Schulklassen sei es zwingend notwendig, mit zusätzlichem Personal zu reagieren. „Zumindest in jeder fünften Klasse sollte ein Sozialpädagoge zusätzlich eingesetzt werden“, schlägt Winter als einen Lösungsansatz vor. Auch Schäfer wünscht sich eine engere Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium. Transparenz sei hier das Stichwort: „Es wäre beispielsweise hilfreich, die Entwicklung der Ergebnisse der Lernstandserhebungen transparent zu machen.“ Wenn alle an einem Strang ziehen und im engen Austausch bleiben, könne es schließlich nur besser werden. Außerdem seien starke Lehrer für eine gelungene Inklusion unverzichtbar, sagt die ehemalige Elternbeirätin. „Und Lehrer können nur dann stark sein und guten Unterricht machen, wenn sie einen freien Rücken haben.“ Supervision, interdisziplinäre Teams, zusätzliche Erzieher, Förderlehrer – Lösungsansätze gebe es so viele.

Mehr zu dem Thema und wie an der Paul-Moor-Schule in Reichensachsen der Unterricht aussieht, lesen Sie in der Freitagausgabe der Witzenhäuser Allgemeinen.

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