"Konzept muss noch detailliert ausgearbeitet werden"

Interview mit Kultusminister Lorz zum Lehrermangel in Hessen

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Zu Besuch in der Forscherklasse: Kultusminister Alexander Lorz (Mitte) lässt sich von den Friedrich-Wilhelm-Schülerinnen Paula Koblitz und Julia Heckmann (rechts) ihr aktuelles Projekt zeigen. Beim Besuch des Kultusministers dabei waren (von links) Direktor Hans Joachim Vock, Landtagsabgeordnete Lena Arnoldt, Landrat Stefan Reuß und Vocks Stellvertreterin Andrea Swoboda.

Werra-Meißner. Pensionierte Lehrer sollen im Schuldienst bleiben. Mit dieser Initiative hat Kultusminister  Lorz für Entrüstung gesorgt. Im Interview erklärt er seinen Vorschlag.

Kultusminister Alexander Lorz hat mit seiner Initiative, pensionierte Grundschul- oder Förderschullehrer, die pensioniert sind oder kurz davor stehen, im Schuldienst zu halten, für Entrüstung bei der Lehrergewerkschaft gesorgt.

Im Interview erklärt der Kultusminister, wie seine Idee von Lehrern angenommen wird, wie der Bedarf an Pädagogen langfristig gedeckt werden soll und warum Prognosen so selten eintreffen.

Herr Lorz, vor drei Wochen haben Sie begonnen, die Lehrer, die sich rund zwei Jahre vor oder nach ihrer Pensionierung befinden, anzuschreiben, um sie im Schuldienst zu halten. Haben sich schon Lehrkräfte gemeldet? 

Lorz: Ja, durchaus. Stand letzte Woche sind 309 Rückmeldungen eingegangen. Das sind über zehn Prozent Rücklauf auf unsere Anfragen. So wie wir uns das vorgestellt hatten.

Sind die Lehrer, die auf ihren Aufruf geantwortet haben, alle einverstanden mit ihrem Vorschlag? 

Lorz: Alle natürlich nicht, der überwiegende Teil aber schon. Mit 263 Lehrern führen wir jetzt weitere Gespräche, wie wir sie in den Grundschulen einsetzen können. Sie wünschen sich unterschiedliche Stundenmodelle. Ein schönes Vorurteil wird damit auch widerlegt: Viele der Lehrkräfte sitzen ihre letzten Jahre vor der Pensionierung nicht einfach ab. Sie brennen weiter für ihren Beruf.

Warum müssen Sie sich der altgedienten Kollegen bedienen? Gibt der Markt keine jungen Lehrkräfte mehr her? 

Lorz: Der Markt ist zurzeit wie leergefegt. Der Lehrerbedarf ist in ganz Deutschland zurzeit hoch. Aufgrund verschiedener Prognosen wurde Lehramtsstudenten in den Jahren 2010/2011 in Hessen nicht dazu geraten, Grundschullehramt zu studieren. Die fehlen jetzt. Die Einstellungschancen waren damals außerdem schlecht. Viele Lehrer wanderten zu der Zeit in die Nachbar-Bundesländer ab.

Bei den Grund- und Förderschullehrern gibt es einen Fehlbedarf, bei Gymnasiallehrern Überbedarf. Kann das Kultusministerium die Abdeckung nicht langfristig steuern? 

Lorz: Nein, das ist nicht möglich. Wir haben ein Grundproblem: Die Prognosen sind für die nächsten fünf bis sieben Jahre ausgelegt und nicht zuverlässig. Die Prognosen von 2011 haben nichts mehr mit der Realität zu tun. Studienneigung oder die Zuwanderung waren damals beispielsweise nicht absehbar.

Eine weitere Idee von Ihnen ist, die Gymnasiallehrer ohne Planstelle für die Grund- und Förderschulen einzusetzen? 

Lorz: Dieses Konzept muss noch detailliert ausgearbeitet werden. Es ist aber angedacht, den Gymnasiallehrern, die keine realistische Chance auf eine Festanstellung haben, die Grundschulen mit einer zugesicherten Planstelle schmackhaft zu machen.

Wie sehen die Prognosen für die Grundschulen aus? 

Lorz: Momentan - und das betone ich - momentan sehen wir keinen sinkenden Bedarf an Grundschullehrern. Für jeden ist eine Planstelle vorhanden - wenn vielleicht auch nicht an seiner Wunschschule. Referendaren geben wir zurzeit Einstellungszusagen.

Zur Person

Ralph Alexander Lorz  (51) wurde in Nürnberg geboren und studierte bis 1988 in Mainz Jura und Volkswirtschaftslehre. Nach dem juristischen Referendariat promovierte er 1992. Seinem USA-Aufenthalt schloss sich mit 34 Jahren seine Ernennung zum Professor an. Von 2007 war Lorz unter Roland Koch und später Volker Bouffier Staatssekretär für Wissenschaft und Kunst sowie für das Kultusministerium. 2014 wurde er Kultusminister. Lorz ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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