"Superfrau" statt "denkende Frau"

Interview mit Dr. Martin von Hagen zu Essstörungen

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Tägliche Kontrolle: Oft haben Betroffene eine sogenannte Körperschemastörung, bei der sie sich trotz Untergewicht zu dick fühlen.  

Essstörungen gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen - von der Anorexie (Magersucht), über Bulimie (Ess-Brech-Sucht) bis zur Adipositas per magna (Fettsucht).

Im Interview erklärt Dr. Martin von Hagen, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Werra-Meißner, die Ursachen und Therapiemöglichkeiten.

Die Diagnosezahlen von Anorexie und Bulimie sind nicht gestiegen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen aus dem klinischen Bereich?

Ja. Allerdings bin ich der Meinung, dass Anorexie und Bulimie schlecht diagnostiziert werden und sie deswegen nicht beim Facharzt landen, sondern in der hausärztlichen Versorgung bleiben. Und immer nur dann zum Problem werden, wenn andere Auffälligkeiten auftreten.

Welche können das sein?

Beide Krankheiten werden von den Betroffenen verheimlicht. Die Anorexie wird irgendwann auffällig und kann im Extremfall bis zum Tod führen. Irgendwann rutscht die Patientin in eine kritische Gewichtszone, die lebensgefährlich wird. Bei der Bulimie, die insbesondere mit Adipositas einhergeht, können Stoffwechselstörungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten, bei Normalgewicht fallen irgendwann die nächtlichen Fressattacken auf, sodass nachgefragt wird, woran das liegt.

Inwieweit sind Sendungen wie „Germany's Next Topmodel“ dafür verantwortlich, dass junge Frauen magersüchtig werden?

Sehr. In der Psychodynamik, also den seelischen Vorgängen, sind die Betroffenen stark abhängig von ihrer Umwelt. Sie haben eine Erziehung genossen am Ideal der „Superfrau“ anstelle der „klugen Frau“. Dieser Normierungs- und Leistungsdruck kann als einer von vielen auslösenden Faktoren gelten. Die Ursachen der Anorexie sind aber komplexer. Soziologisch betrachtet ist in unserer Gesellschaft das Schlankheitsideal etwas, bei dem man glaubt, akzeptiert zu werden. Man kann die Anorexie auch als Störung der Persönlichkeit deuten mit narzisstischen, depressiven, zwanghaften und hysterischen Anteilen. Mehrere innere seelische Konflikte spielen hierbei eine Rolle. Durch eine Pubertätskrise wird der eigene Körper als böse erlebt, es kommt zu einem Autonomie- und Abhängigkeitskonflikt, und unter anderem zu einem Identitätskonflikt im Sinne einer Rebellion gegen ein patriarchal definiertes Bild von Weiblichkeit.

Wenn die Patientinnen in der Klinik sind, wie werden sie behandelt?

Nach der Diagnose schauen wir, welche Konflikte im Vordergrund stehen. An diesem Problem arbeiten wir psychotherapeutisch mit Gesprächen. Das Ziel ist eine gesunde Unabhängigkeit.

Dazu gibt es verhaltenstherapeutische Programme. Zum Beispiel über eine Liste, was den Tag über gegessen wird, und durch Kalorienberechnungen. Es gibt viele Therapieprogramme, um den Patientinnen beizubringen, sich richtig zu ernähren und zu bewegen. Man kann Magersüchtigen auch bewusst machen, wie sie aussehen, indem sie sich ausziehen und vor den Spiegel stellen.

Damit werden die zentralen Konflikte aber nicht behandelt?

Dr. Martin von Hagen

Nein, aber für die Anorexie reicht das erst einmal aus. Denn die Gefahr besteht, dass die Patientin verhungert und nur noch über künstliche Ernährung am Leben erhalten werden kann. Hinzu kommen organmedizinische Behandlungen bei Komplikationen. Tiefenpsychologisch muss über den Klinikaufenthalt hinaus an den Konflikten weitergearbeitet werden.

Geht man mit Adipositas therapeutisch ebenso um?

Das wird von den Krankenkassen so verlangt, eine Magenoperation steht immer an letzter Stelle. Es gibt Ernährungskurse und -beratung, Sport und Bewegung. Die psychotherapeutischen Ansätze sind ähnlich, weil letztlich immer irgendwelche zentralen Konflikte als Ursache vorhanden sind.

Wie kann man als Angehöriger reagieren, wenn man merkt, dass jemand eine Essstörung haben könnte?

Das ist schwierig, weil es ein gemeinsames Verheimlichen der Störung gibt. Es gibt sorgende Eltern, die immer mehr Kontrolle über die Tochter ausüben wollen und diese sich immer mehr einfallen lässt, um heimlich zu futtern oder zu erbrechen.

Das Problem ist in der Familie bekannt, aber mit Scham und Tabu belegt. Die gesamte Kommunikation in der Familie dreht sich nur um Essen oder die Essensverweigerung, aber es wird nie offen angesprochen. Hier ist die Aufgabe der Therapeuten, dieses offene Geheimnis allmählich auf den Tisch zu legen.

Irgendwann ist auch der Leidensdruck zu hoch. Oder die Umwelt merkt es und eine Klassenkameradin sagt: Du solltest einen Psychologen aufsuchen. Deswegen ist auch keine Steigerung der Erkrankungsrate zu sehen, weil sehr viel darum herumgeredet wird. Oft ist es eine Entwicklung über Jahre, die zur Noteinweisung ins Krankenhaus führt.

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