Neue Serie "Kampf dem Klischee"

Neue Serie "Kampf dem Klischee": Junger Pfarrer über Kirche

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„Statt Kirchenkaffee mal was mit Bier und Bratwurst“ , wünschte sich Lars Witzel (links) von Pfarrer Dr. Christian Schäfer. Der Frühschoppen-Gottesdienst in Dohrenbach 2018 wurde ein Erfolg, 140 Menschen kamen.

In unserer neuen Serie  „Kampf dem Klischee“ gehen wir  Vorurteilen auf den Grund, die es rund um Berufsgruppen, Institutionen und Hobbies gibt. Zum Auftakt: Pfarrer Dr. Christian Schäfer über Kirche.

Sechs Zettel voll Notizen liegen auf dem Küchentisch von Dr. Christian Schäfer: Klischees über die evangelische Kirche und ihre Pfarrer gibt es offenbar viele, wie eine kurze Umfrage im Kollegenkreis ergeben hat. Zum Auftakt unserer Serie „Kampf dem Klischee“ wollen wir mit dem Pfarrer für Hundelshausen und Dohrenbach den gängigsten Vorurteilen auf den Grund gehen.

1. „Kirche ist altbacken und traditionell“

„Wir sind ja eine Institution, die auf Kontinuität ausgelegt ist“, gibt Schäfer zu Bedenken. Es sei auch Aufgabe der Kirche, Traditionen zu bewahren und in Zeiten, die viele als unsicher und schnelllebig empfinden, Orientierung und Beständigkeit zu bieten. „Wir hängen Moden nicht selten zehn Jahre hinterher.“

Die große Institution Kirche sei naturgemäß eher behäbig. „Eine Kirchengemeinde muss aber nicht so daherkommen: Sie entscheidet selbst – natürlich in einem gewissen Rahmen – wie der Glaube im Ort gelebt werden kann.“ Anders als in der katholischen Kirche könne der Kirchenvorstand bei den Protestanten in seiner Gemeinde über Ablauf und Art der Gottesdienste entscheiden. „Die müssen nicht immer sonntags um 10 Uhr stattfinden.“

Schäfer selbst probiert mit seinen Gemeinden viel aus, etwa den Frühschoppen-Gottesdienst oder den Tupper-Abend im Pfarrhaus. „Das ist eine tolle Chance – und es lohnt sich, mal etwas zu riskieren. Die Botschaft, die wir haben, bleibt ja aktuell.“

2. „Die Kirche stirbt bald aus“

„Der demografische Wandel trifft uns“, sagt Schäfer. Aber: „Wenn von 270 Dohrenbacher Gemeindegliedern 15 am Sonntag in den Gottesdienst kommen, ist das im Verhältnis zur Größe der Gemeinde bombig.“ Im ländlichen Raum sei die Bindung an die Kirche noch höher.

Schäfer kritisiert, dass die Bewertung des Gemeindelebens oft nur an der Besucherzahl im Sonntagsgottesdienst festgemacht wird. Statt zu hoffen, dass alle dorthin kämen, „weil sich das so gehört“, sei es sinnvoller, passende Angebote für einzelne Altersgruppen zu machen. „Im Grunde müssen wir ‘kundenorientierter’ werden: Wir müssen uns fragen, was sich die Menschen wünschen und was in ihren Alltag passt.“

Und auch wenn die Aktivitäten von ehrenamtlich Engagierten abhingen: „Die stillen Mitglieder, die nie teilnehmen, sind auch wichtig.“ Denn mit der Kirchensteuer würden sie einen ganz wesentlichen Beitrag für den Erhalt der Kirche leisten.

3. „Kein Pfarrer ohne kinderreiche Familie“

Dieses Bild vom deutschen Pfarrhaus sei über Jahrhunderte so vorgelebt worden, sagt Schäfer. Auch heute gebe es noch Paare in Pfarrhäusern, die dem evangelischen Familienbild voll entsprechen – und viele Gläubige erwarteten das auch.

Aber das sei nicht mehr der einzige Lebensentwurf: Patchworkfamilien und homosexuelle Paare gebe es überall. „Die Scheidungsquote unter Pfarrern ist genauso hoch wie beim Rest der Bevölkerung.“ Schäfer hofft, dass das Familienbild in den nächsten zehn Jahren moderner wird. Ein schwacher Trost: „Immerhin wird man nach Scheidungen nicht mehr zwangsversetzt.“

4. „Pfarrer arbeiten nur sonntags eine Stunde“

„Da ist nichts dran“, sagt Schäfer mit Nachdruck. In seinem Arbeitsvertrag steht eine Sieben-Tage-Woche, in seinem Kalender reiht sich Termin an Termin, auf dem Tisch liegt der Pieper für die Notfallseelsorge-Bereitschaft. Dazwischen: kleine Freiräume.

Unterm Strich arbeite er meist deutlich mehr als acht Stunden am Tag, sagt der 35-Jährige. Der Alltag sei bei jedem Pfarrer anders: Der eine habe Schwerpunkte in der Arbeit mit Senioren, der andere mit Kindern und Jugendlichen. Dazu kommen Seelsorge, Gespräche für Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Teambesprechungen. „Wir haben Außen- und Innendienst.“

Auch in Hundelshausen klingelt das Telefon im Pfarrhaus manchmal das erste Mal um 7.30 Uhr und das letzte Mal um 23 Uhr. „Feste Kernarbeitszeiten haben Pfarrer nicht. Ansprechbarkeit gehört dazu.“ Wichtig sei, sich Auszeiten außerhalb zu nehmen, findet Schäfer. „Sonst reibt man sich auf.“

5. „Pfarrer sind besonders fromm“

Hier windet Schäfer sich. „Manche Kollegen kommen vielleicht so rüber“, sagt er schließlich. Das sei aber eher in der Persönlichkeit des Pfarrers als in dem Beruf begründet. Und überhaupt: Gläubigkeit könne man nicht messen. „Ist ein Mann, der jeden Sonntag in der Kirche betet und zuhause seine Frau verprügelt, fromm?“ Kategorien wie richtig oder falsch hätten mit Glauben nichts zu tun. „Ich bewerte nicht, wie jemand glaubt. Problematisch wird es nur, wenn Glaube zwanghaft wird.“

6. „Pfarrer legen nur Wert auf Hochkultur“

Lieber Requiem als Rock-Musik, Bibelzitate statt einfacher Sprache: Natürlich gebe es Kollegen, die diesem Klischee entsprechen, meint Schäfer.

Entstanden sei es vermutlich, weil viele Pfarrer in gutbürgerlichen Familien und mit klassischer Bildung aufgewachsen sind und ein sehr theoretisches Studium durchlaufen haben. Heute werde aber im Vikariat – der praktischen Pfarrausbildung – verstärkt darauf geachtet, dass die Pfarrer mit allen Mitgliedern der Gemeinde ins Gespräch kommen können.

Und es gebe auch Gegenbeispiele zum entrückten Geistlichen: Etwa Pfarrer Armin Scheerschmidt aus Laudenbach, der seine Band oft ins Kirchenleben einbezieht.

Leseraufruf: Wir suchen Sie!

Seit einiger Zeit lässt sich beobachten, dass Neugier und Offenheit für andere Menschen und Meinungen in der Gesellschaft abnimmt. Stattdessen haben viele schnell ein vorgefertigtes Bild zur Hand. Um dem etwas entgegenzuwirken, haben wir in unsere neuen Serie „Kampf dem Klischee“ gestartet - und dazu brauchen wir Ihre Mithilfe. 

Leiden Sie wegen Ihres Berufs, ihres Arbeitsplatzes oder Ihres Hobbies auch unter einer Vielzahl von Klischees? Oder haben Sie eine Idee, wer in dieser Hinsicht besonders gebeutelt ist? Dann melden Sie sich bei uns per E-Mail unter witzenhausen@hna.de. Wir freuen uns auf Ihre Geschichten.

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