„Mit allen verbunden fühlen“

Meditations-Pfarrerin Susanne Böhringer erklärt im Interview die Bedetung des Glockengeläuts

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Seit mehr als 500 Jahren ertönt die Barbara-Glocke (links) in Wendershausen. 

Susanne Böhringer, die neue Pfarrerin für Meditation und geistliches Leben am Kloster Germerode (Meißner), spricht im Interview über das Glockenläuten in Zeiten des Coronavirus.

In der Zeit der Coronakrise fühlen sich viele Menschen verunsichert und einsam. Frau Böhringer, wann läuten die Kirchenglocken, wenn sie nicht gerade zum Gottesdienst rufen?

Die Glocken läuten um 12 Uhr mittags. Sie laden ein, innezuhalten, zu beten, zu denken.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Kindertage? „Wenn die Glocken läuten (18 Uhr), dann kommt Ihr heim.“ Und am Sonnabend horchte man ganz bewusst auf das abendliche Geläut: Nun wurde es Sonntag.

An mancher Stelle hörte man auch – manchmal mitten am Tage – eine einzelne, die tiefe Glocke. Jede und jeder im Dorf wusste: Jemand ist gestorben. In meiner vorigen Gemeinde, Brockhagen in Westfalen, hat der Pfarrer die alte Tradition aufleben lassen, auch eine helle Glocke zu läuten, wenn die Geburt eines Kindes zu vermelden ist. Da wissen nun alle, „was die Glocke schlägt“.

Das Glockengeläut ist nicht nur Informationsquelle und nützlicher Zeitgeber. Welche spirituelle Dimension hat es?

Das Glockengeläut hat eine lange Tradition – aus den Klöstern hört man die Einladung zum Stundengebet. Immer luden und laden die Glocken dazu ein. Und auch vor Gottesdiensten rufen die Glocken, laden ein, zu beten, den Alltag zu unterbrechen. Das ist etwas, was trägt. Es gibt Betglocken. Sie läuten, sie werden angeschlagen, um zum Gebet zu rufen. Auch Kranke im Dorf wissen, wenn sie die Vaterunser-Glocke während eines Gottesdienstes hören: Nun kann ich in Gemeinschaft mit anderen das Gebet des Herrn beten, auch wenn ich selbst nicht in die Kirche gehen kann.

Warum erinnert die evangelische Kirche gerade jetzt an das Gebet zum 12-Uhr-Läuten?

In diesen Tagen überlegen wir verstärkt, was uns in Zeiten von Unsicherheit Grund unter den Füßen geben kann. Regelmäßig, um 12 Uhr auf die Glocken zu hören, kann Sicherheit geben – und etwas sein, was wir tun können, auch wenn wir nicht zu den Betroffenen von Krankheit und Sterben hingehen können. Ja, wir können beten – egal, wo wir sind. Und wir können uns mit allen, die beten, verbunden fühlen.

Wie kann das ganz praktisch aussehen?

Uns am Computer nach hinten lehnen, bei der Zubereitung des Mittagsessens innehalten. Beten für die, die Angst haben und sich sorgen, für die, die in Quarantäne leben müssen, für die, die in Krankenhäusern, im Rettungswagen, in Apotheken Dienst tun, damit anderen geholfen werden kann – in dem Wissen, dass sie sich selbst in Gefahr bringen, angesteckt zu werden. Für die, die krank geworden sind, für die, die nicht mehr gesund werden, sondern sterben werden. Wir können respektieren, dass wir nicht zu den Menschen hingehen können. Es gibt in diesen Tagen viele Ideen, wie wir trotzdem an sie denken können. Eine Möglichkeit ist, die Hände zu falten, für sie und für uns zu beten. 

ZUR PERSON

Susanne Böhringer (57) aus Bochum ist seit dem 1. März Pfarrerin für Meditation und geistliches Leben im Kloster Germerode. Sie interessiert sich sehr für die altorientalische, orthodoxe und armenische Kirche und war lange Bundesvorsitzende der deutsch-armenischen Gesellschaft.

Susanne Böhringer, Pfarrerin für Meditation und geistlisches Leben im Kloster Germerode

Auch Läuten am Abend sowie zu Karfreitag und Ostern

Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat ihre Kirchengemeinden dazu eingeladen, zusammen mit den katholischen und evangelischen Gemeinden in Hessen mit Glockengeläut ein starkes Zeichen in Zeiten der Krise zu setzen. Seit vergangenem Samstag sollen ab 19.30 Uhr für fünf Minuten die Glocken zum Gebet in Zeiten von Corona läuten. 

Eine bundesweite Läute-Aktion ist zudem zu Karfreitag und Ostern geplant: Am Karfreitag, 10. April, sollen ab 15 Uhr für zehn Minuten die Totenglocken läuten; am Ostersonntag, 12. April, soll ab 12 Uhr für zehn Minuten das „große Geläut“ erklingen. Damit werde ein „Zeichen der Hoffnung“ überall zu hören sein. 

„Manchmal haben sich die Gemeinden schon auf ein besonderes Osterläuten in der Frühe oder zur üblichen Gottesdienstzeit verständigt“, berichtet Dekanin Ulrike Laakmann. Ihren Informationen zufolge werden sich viele Gemeinden des evangelischen Kirchenkreises Werra-Meißner an den hessenweiten und deutschlandweiten Aktionen beteiligen.

Von Edith Hettwer/esp/sff

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