Prozess nach Messerattacke: Richter und Verteidiger kritisieren Polizei

Werra-Meissner / Kassel. Von „Quatsch“ sprachen am Donnerstag im Prozess um den Überfall in der Kasseler Gießbergstraße sowohl Richter Jürgen Stanoschek als auch Verteidiger Oliver Staab.

Doch beide meinten jeweils eine andere Version des Geschehens in jener Februarnacht 2014 auf dem Straßenstrich. Dort traf der 56-Jährige Mann aus dem Wartburgkreis auf die beiden Frauen, die nun zu langen Haftstrafen verurteilt wurden.

Was aber genau in jener Nacht passierte, ob der Mann aufdringlich oder aber überfallen wurde, das sei im Dunkeln geblieben, so Staab. „Wir wissen im Grunde gar nichts.“ Auch das Plädoyer der Staatsanwältin fuße nur auf „Vermutungen und Unterstellungen“. Dafür machte der Strafverteidiger unter anderem die „überaus schlampigen Ermittlungen“ der Polizei verantwortlich, die auch Richter Stanoschek mehrfach massiv kritisierte.

So wurde kurz nach dem Überfall eine Prostituierte von der Kripo als Zeugin vernommen, die der Geschädigte laut seiner Aussage an jenem Abend in Kassel treffen wollte. Diese Frau konnte vom Gericht nicht gehört werden, weil sie inzwischen mit unbekanntem Wohnsitz aus Waldkappel weggezogen ist.

Bei ihrer ersten Vernehmung hatte sie davon gesprochen, dass der Mann sicherlich aus „Notwehr“ gehandelt habe, er sei ein sehr friedlicher Mensch. Die Zeugin benutzte diesen Ausdruck, obwohl die Polizei ihr zunächst nichts davon berichtet hatte, dass auch der Mann eine der Angeklagten verletzt hatte. Woher also habe die Zeugin von einem Kampf wissen können, fragte Verteidiger Joachim Löscher. „Es ist nicht bewiesen, dass es einen Raubüberfall gab.“

Und Richter Stanoschek sagte hierzu: „Das war doch diese Superbefragung durch diesen Polizeibeamten, der alle Fragen, die man hätte stellen können, nicht gestellt hat.“ Aber selbst wenn die Tatwaffe nicht gefunden wurde, kein Drogentest, keine Urinprobe und kein Alkoholtest bei den beschuldigten Frauen durch die Polizei veranlasst worden seien und deshalb „einige Punkte offen bleiben“, könne sich der Geschädigte das nicht alles ausgedacht haben, urteilte der Richter. (and)

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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