Zwischenbilanz der Öko-Modellregion Nordhessen

Ministerin Hinz: "Jeder kann sich Bio leisten"

+
Will Öko-Bauern fördern: Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (Grüne, 4. von links) besuchte am Dienstag auf dem Bio-Feierabendmarkt in Witzenhausen auch den Stand von Jonas Dorn (3. von rechts) aus Unterrieden, der sogenannte Zweinutzungshühner züchtet: Die Hennen legen viele Eier, die Hähne kann man – anders als die Hähne anderer Lege-Rassen – gut mästen.

Werra-Meißner. Wie profitiert Nordhessen von der Ökolandbau-Modellregion, die es seit 2015 in den Landkreisen Werra-Meißner und Kassel gibt? Darüber sprachen wir mit  Landwirtschaftsministerin Priska Hinz.

Hinz besuchte am Dienstag zum Ende der ersten Öko-Aktionstage der Modellregion den Witzenhäuser Bio-Feierabendmarkt.

Bio-Produkte sind teurer als konventionell produzierte. Wie können sich Menschen mit kleinen Einkommen in einer strukturschwachen Region wie dem Werra-Meißner-Kreis mehr Bio-Lebensmittel leisten?

Priska Hinz:Ökologischer Landbau ist aufwändiger, weil viele kostensenkende, aber auch die Umwelt belastende Produktionsmethoden nicht erlaubt sind. Es können weniger Tiere auf der Fläche gehalten werden, dafür haben sie höhere Tierwohlstandards. Der Gesellschaft bleiben durch die umweltschonende Bioproduktion aber auch Kosten erspart. Auch Menschen mit geringerem Einkommen können sich „Bio“ leisten, wenn sie auf regionale und saisonale Produkte zugreifen. Mehr Obst und Gemüse, zwei bis dreimal die Woche Fleisch ist bezahlbar und gesünder.

Die größten Mengen an Bioprodukten werden im Lebensmitteleinzelhandel und bei den Discountern angeboten, auch wenn das nicht immer regionale Produkte sind. Einige regionale Erzeuger bieten auch Lieferservice per Bio-Kiste an, wenn man sie mit dem ÖPNV nicht erreichen kann.

Die Finanzierung der Öko-Modellregion Nordhessen läuft bis Ende 2020. Was muss unbedingt noch erreicht werden?

Hinz:Die erste Generation von Modellregionen, die wir 2015 ins Leben riefen, brauchte mehr Zeit. Das Engagement der haupt- und ehrenamtlichen Akteure, gerade im Werra-Meißner-Kreis, hat viele gute Ideen hervorgebracht. Zwei Beispiele: die Übertragung des Konzepts „BioRegio- Hofladen“ in den Werra-Meißner-Kreis sowie Projekte zur regionalen und biologischen Schul- und Gemeinschaftsverpflegung. Beide Ansätze benötigen Lösungen im Bereich der Regionallogistik und teilweise im Bereich der Verarbeitung – und brauchen daher längere Zeit zur Umsetzung.

Wie kann das Projekt auch nach 2020 weiter wirken?

Hinz: Wichtig ist vor allem, Kooperation und Wertschöpfungsketten vom Bauernhof über die Verarbeitung bis zum Handel auszubilden – die bleiben bestehen. Neue Ideen stellen diese Entwicklung breiter auf, etwa die Schulverpflegung und Kooperationen mit der Gastronomie. Eine Verlängerung der Personalförderung ist derzeit nicht geplant. Ich will aber erreichen, dass Bund, Länder und die EU-Agrarpolitik neue Fördermittel anbieten, die für Forschung, Entwicklung, Beratung und Investitionen genutzt werden können.

Wie viel Geld hat das Land bereits in die Öko-Modellregion Nordhessen investiert?

Hinz: In Nordhessen werden wir am Ende der Förderperiode etwa 270.000 Euro für Personalkostenzuschüsse ausgezahlt haben. Hinzu kommen die Flächen- und Investitionsförderung oder die Förderung von Forschung, Entwicklung und Beratung, die von der Modellregion ebenfalls genutzt wird. Zum Beispiel hat das Land die Öko-Feldtage in Frankenhausen mitfinanziert.

Rechnen sich Projekte wie der „Bio-Regiomat“ oder die Bio-Apfelchips auch finanziell?

Hinz: Der „Bio-Regiomat“ rechnet sich noch nicht – er wurde im März auf dem Campus der Universität Kassel zum wiederholten Mal aufgebrochen und beschädigt. Nun wird nach einem neuen Standort gesucht. Das Konzept wurde von den beteiligten Bio-Betrieben für gut befunden und soll fortgeführt werden. Die Bio-Streuobst-Apfelchips rechnen sich hauptsächlich für die Bewirtschafter der Streuobstwiesen – und für die Landschaft! Der Gewinn im Vertrieb ist auch darin zu sehen, dass ein regionales und leckeres Bio-Produkt angeboten werden kann.

Wie kann man die Ziele der Modellregion besser in Kindergärten und Schulen verankern?

Hinz: Das Land bietet schon lange die Initiative „Bauernhof als Klassenzimmer“ an. Im Werra-Meißner-Kreis plant die Ökolandbau-Modellregion Nordhessen mit Partnern das Projekt „Gesund genießen“, das mehr bio-regionale Lebensmittel in Schulkantinen und Großküchen eingesetzt werden. So kann man ein Bewusstsein bei Kindern schaffen. Dazu sollen auch die Projekte „Werkstatt Ernährung“ (Klasse 5/6) und „aid-Ernährungsführerschein“ (für die Grundschule, in Kooperation mit den Landfrauen) ausgeweitet werden.

Wie kann man verhindern, dass die Erkenntnisse aus Nordhessen hier „versauern“?

Hinz: Die Ergebnisse der Öko-Modellregion werden bereits in ganz Hessen wahrgenommen. Wir haben die Modellregionen verpflichtet, sich auszutauschen und ihre Erfahrungen zu teilen. Ich habe gerade fünf neue Öko-Modellregionen anerkannt. So können 12 von 21 Landkreisen voneinander lernen.

Zur Person

Priska Hinz (59) ist seit 2014 Hessische Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die gelernte Erzieherin engagiert sich seit 1980 bei den Grünen und war seit 1985 mit Unterbrechungen Landtagsabgeordnete, von 2005 bis 2014 saß sie im Bundestag. Aktuell ist sie Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl 2018. Hinz ist verheiratet und hat zwei Söhne. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.