Neue Regelung: Viele Flächen fallen aus der Zusatz-Förderung

Viele "Bergbauern" im Werra-Meißner-Kreis erhalten bald weniger Geld

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Wenn das keine Hanglagen sind: Für seine abschüssigen Wiesen im Wölfteröder Graben soll der Landwirt Kurt Schüler künftig keine Ausgleichszulage für erschwerte Bedingungen bei der Bewirtschaftung mehr erhalten.

Werra-Meißner – Wegen einer Neuregelung gibt es für mehr als ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen im Kreis bald voraussichtlich keine Zusatz-Förderung mehr aus der sogenannten Ausgleichszulage. Laut Kreisbauernverband wird das einige Betriebe in ihrer Existenz bedrohen.

Nicht alle Felder sind mehr oder weniger flach und damit leicht vom Bauern mit seinen Maschinen zu bearbeiten. Gerade im Werra-Meißner-Kreis mit seinen Bergen und Kuppen, Höhenzügen und Hochplateaus gibt es eher Äcker mit Gefälle. Die Landwirte, die diese schiefen, auch besonders steinigen oder tonhaltigen Flächen unter dem Pflug haben, müssen entsprechend mehr Aufwand betreiben – und erhalten, damit ihnen dieser Nachteil etwas ausgeglichen wird, eine sogenannte Ausgleichszulage (AGZ). 

Doch durch eine für 2020 bevorstehende Neuregelung sollen nach jetzigem Stand der Dinge 38 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche im Landkreis aus dieser Zusatz-Förderung herausfallen. Statt für gut 30 000 Hektar soll der auch Bergbauern-Programm genannte Ausgleich nur noch für 19 000 Hektar gezahlt werden. 

Grund für die Änderung der Richtlinien ist, dass der Europäische Gerichtshof die europaweit sehr unterschiedlichen Kriterien zur Gebietsauswahl moniert und gefordert hat, die Böden nach biophysikalischen Kriterien wie Anteil von Sand, Steinen, Ton und ähnlichem zu bewerten. So wird Betrieben mit ungünstigsten Ackerlagen und erschwerten Bedingungen das Überleben noch schwerer gemacht, beklagt Torsten Möller, der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes. So würden die Höfe weiter in die Defensive gedrängt und „zum Aufgeben gezwungen“. Gerade im Werra-Meißner-Kreis sei die Tierhaltung bereits „in gigantischen Schritten im Rückwärtsgang“. Möller plädiert dafür, das bisherige System beizubehalten, da es das gerechteste sei. 

Noch sei die AGZ-Gebietskulisse nicht abschließend festgelegt, sagt Kreispressesprecher Jörg Klinge. Fachlich sei insbesondere das Herausfallen der Gemarkungen Ahrenberg Roßbach, Vockerode, Sontra-Weißenborn sowie Wölfterode kaum nachvollziehbar, hieß es aus dem Fachbereich Landwirtschaft. Für 2019 und 2020 erhielten die betroffenen Betriebe zur Abfederung der Härte zumindest Übergangszahlungen.

Ein Beispiel eines benachteiligten Landwirtes, der künftig noch stärker benachteiligt werden soll:

 „Das kann ich nicht begreifen“ – Kurt Schüler versteht die Welt nicht mehr: Die gesamte Flur des kleinen Sontraer Stadtteils Wölfterode soll nach den veränderten Richtlinien, welche Gebiete noch als benachteiligt gelten und entsprechend nach dem sogenannten Bergbauern-Programm weiter gefördert werden, herausfallen.

Und das, obwohl die Voraussetzungen für eine Unterstützung mehr als offensichtlich sind: Hängige Wiesen mit deutlich Gefälle und Ackerböden mit einer Qualitätsbewertung von zumeist gerade einmal 30 (maximal gibt es die Bodenwertzahl 100).

Außerdem wird die auf 320 Metern über NN liegende Wölfteröder Flur, wie auch die Flur des Sontraer Stadtteils Berneburg – zu einer Insel ohne Förderung im Meer der weiterhin mit der Ausgleichszulage (AGZ) gedachten Sontraer, Nentershäuser und Ringgauer Fluren.

Für den Nebenerwerbslandwirt Kurt Schüler, der 32 Hektar Grünland und zehn für Futterpflanzen in der 190 Hektar großen – oder besser gesagt kleinen – Flur von Wölfterode bewirtschaftet, ist das nicht nachvollziehbar. Zumal auch die Landwirtschaftliche Vergleichszahl, die die Ertragsfähigkeit für die Betriebe beschreibt, für Wölfterode mit 20,4 errechnet ist. Und da liegen andere, weiterhin im AGZ-Gebiet befindliche Fluren im Raum Sontra mit ihren Vergleichszahlen teilweise bis zu einem Drittel höher.

Auf seinen Wiesen in Hanglage, die zudem klein und verwinkelt sind, müsse er mit seinem Allrad-Schlepper viel drehen und rückwärts fahren, transportiere aus Sicherheitsgründen zudem alle Heu- und Strohballen bei der Mahd einzeln ab – bevor einer den Berg herunterrollt. „Das ist viel zu gefährlich“, findet der 63-Jährige.

Auch das Dreschen mit dem Mähdrescher sei auf seinen schiefen Flächen viel schwieriger als auf ebenem Feld. „Das sind alles Erschwernisse“, sagt er. Und er schätzt im Vergleich seinen Aufwand beim Bewirtschaften seines Grünlandes und seiner Äcker mindestens doppelt so hoch ein wie im Flachland.

Fällt für ihn die Ausgleichszulage weg, fehlen ihm rund 3000 Euro, sagt Kurt Schüler. Das seien 18 Prozent der staatlichen Förderung für ihn. „Das ist für meinen kleinen Betrieb eine Nummer.“ Zumal er immer investiere, damit seine beiden Söhne die Tierhaltung übernehmen.

Schüler, der sich in der Hereford-Rinderzucht engagiert, hält rund 20 Muttertiere mit Kälbern und Nachzucht sowie 20 Weidemastbullen. Bei ihm stehen die Tiere nicht nur im Stall, sondern auch auf der Wiese.

Er befürchtet, dass die Söhne sich nun gut überlegen, ob sie seinen Betrieb weiterführen, ob sich das Weitermachen noch lohne – zumal die Kürzung auch anderer Agrarförderung drohe. „Es muss schon jetzt spitz gerechnet werden“, gibt der 63-Jährige zu Bedenken, „damit überhaupt was übrig bleibt“.

HINTERGRUND:

Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete

Ziel der Ausgleichszulage (AGZ) ist laut Kreissprecher Jörg Klinge der Erhalt einer flächendeckenden Landwirtschaft „in standörtlich benachteiligten Gebieten Hessens“. Mit der Förderung sollen Einkommensverluste und zusätzliche Kosten, die landwirtschaftliche Betriebe in den benachteiligten Gebieten haben, teilweise oder vollständig ausgeglichen werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung von Grünland und Anbau von Tierfutter.

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