Schon im Kita-Alter zeigen sie auffälliges Verhalten

Viele Kinder im Werra-Meißner-Kreis haben psychische Erkrankungen

Kinder brauchen Nähe und Sicherheit, sonst können sie schon im jungen Alter psychische Erkrankungen entwickeln.
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Kinder brauchen Nähe und Sicherheit, sonst können sie schon im jungen Alter psychische Erkrankungen entwickeln.

Jedes zehnte Kind in Deutschland ist psychisch chronisch krank. Dies geht aus dem jüngsten Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit hervor. Auch im Werra-Meißner-Kreis ist die Lage ernst.

Demnach leidet sogar jedes vierte Schulkind unter psychischen Problemen. Doch die Probleme fangen oft noch früher an, wie die AOK Hessen bei einer repräsentativen Umfrage bei Erziehern aus 300 Einrichtungen herausgefunden hat. Demnach sind 18 Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen – und somit fast jedes fünfte Kind – psychisch instabil. 

Bei der BKK Werra-Meißner ist mit gut 21 000 Mitgliedern rund ein Fünftel der Bewohner des Werra-Meißner-Kreises versichert. 2017 verzeichnete sie, dass 198 von 2319 Kindern aus dem Kreis (8,5 Prozent) zwischen drei und sechs Jahren wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung waren. 2018 waren es bereits 250 von 2407 Kindern (10,4 Prozent) und 2019 waren es 320 psychisch kranke Kinder. Die Gesamtzahl der Kinder in dieser Altersspanne für den Kreis liegt noch nicht vor.

„Ein hoher Prozentsatz der Kinder fällt im Verhalten auch bei uns auf“, sagt Sabine Blum. Gründe dafür gibt es laut der Leiterin der Kita „Haus der kleinen Freunde“ in Witzenhausen einige: So minderten mangelnde Anforderungen bei Kindern die Bereitschaft, sich anzustrengen oder Enttäuschungen zu tolerieren. Das führe auch zu Problemen, eigene Gefühle zu regulieren und einzuordnen. 

Als Stichwort nennt Blum „Helikopter-Eltern“, die ihre Kinder mit ihrer Fürsorge umkreisten wie Hubschrauber. Diese übergroße Behütung in der Familie spiegele jedoch keineswegs den Alltag wider. „Auch diese krasse Konfrontation kann überfordern“, warnt Blum. Ohne Auseinandersetzungen erlernten die Kinder keinerlei Konfliktfähigkeit. „Das kann ein Kind an seine psychischen Grenzen bringen.“ Die andauernde Sorge sei auch laut Experten schädlich für Kinder, denn das Leben sei nicht schmerzfrei. Blum und ihre Kollegen würden oft die, ihres Erachtens nach falsche, Ansicht bemerken: „Je mehr eine Mutter entbehrt, desto besser sorgt sie für ihre Kinder.“ Denn dabei würden Eltern ihre Selbstfürsorge komplett vernachlässigen.

98 Erzieher wurden speziell fortgebildet

Die Förderung der sozial-emotionalen Kompetenz, beispielsweise mit dem Programm Papilio, ist laut Harald Nolte von der Fachstelle für Suchtprävention des Diakonischen Werks Werra-Meißner der Schlüssel zur Stärkung des Selbstwertgefühls von Kindern. Seit 2006 wurden 98 Erzieher aus dem Kreis auf Papilio, einer Kooperation von AOK, Verein Papilio und Fachstelle für Suchtprävention, geschult. Es gibt sieben Papilio-Kitas, fünf weitere beschäftigen Papilio-Erzieher.

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