Interview

Umweltdezernent Wallmann verteidigt schlechtes Abschneiden bei Energiewende

Sie sind für Dr. Rainer Wallmann unverzichtbar bei der Energiewende: Windparks. Unser Bild zeigt den Windpark Hausfirste im Kaufunger Wald bei Großalmerode. Archivfoto: Meder

Werra-Meißner. Der Werra-Meißner-Kreis ist Schlusslicht bei der Stromerzeugung aus regenerativer Energie.

Bis 2050 soll der Energieverbrauch komplett aus erneuerbaren Energien gedeckt werden - dieses bundesweite Ziel will Nordhessen schon vorher erreichen. Der Werra-Meißner-Kreis bildet mit 36 Prozent das Schlusslicht unter den nordhessischen Landkreisen, wenn man den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch vergleicht.

Darüber sprachen wir mit Dr. Rainer Wallmann, Umweltdezernent im Kreis.

Ärgert es Sie, dass der Werra-Meißner-Kreis bei der Stromerzeugung aus regenerativen Energien Schlusslicht ist?

Dr. Rainer Wallmann: Nein. Wir erzeugen derzeit weniger Strom aus erneuerbaren Energien als die Nachbarkreise. Wenn man die erzeugte Menge auf die Einwohner umrechnet, liegt der Werra-Meißner-Kreis zwar immer noch hinten, aber die Unterschiede sind geringer. Unser Ökostromanteil liegt klar über dem hessischen Mittelwert und über dem Bundesschnitt.

Warum belegt unser Kreis den letzten Platz?

Wallmann: Das liegt einerseits daran, dass die anderen Kreise viel früher angefangen haben, in regenerative Energien zu investieren. Zum anderen trägt es dem sehr hochwertigen Naturraum Rechnung. Wir sind Biodiversitäts-Hotspot des Bundesamtes für Naturschutz, mehr als 40 Prozent unserer Flächen sind FFH- und Vogelschutzgebiete. Wir haben einfach nicht die großen Flächen, auf denen wir Windräder aufstellen können wie die anderen Kreise.

Strom kann ja aber nicht nur über Wind produziert werden.

Wallmann: Stimmt. Mit Wasserkraft erzeugen wir circa sieben Prozent unseres Stroms im Kreis. Damit stehen wir ganz oben - in keinem der anderen Kreise ist der Anteil so hoch. Trotzdem ist Wind der größte Faktor.

Sind Windräder denn trotz der sensiblen Flächen möglich?

Wallmann: 16 Anlagen in Sontra und Hessisch Lichtenau haben wir bereits mit einer Gesamtleistung von 34 Megawatt (MW). 23 Anlagen sind im Kaufunger Wald und bei Witzenhausen im Bau, die zusammen 69 MW Leistung haben. Bei Herleshausen sind vier Anlagen mit zehn MW im Genehmigungsverfahren. Insgesamt sind nur 1,4 Prozent der Fläche im Kreis als Wind-Vorranggebiete ausgewiesen. Auf allen anderen Flächen ist der Bau von Windrädern ausgeschlossen, hat die Regionalversammlung kürzlich so entschieden.

Und die Solarenergie?

Wallmann: Sicher gibt es hier noch viel Potenzial, daher haben wir jährlich 40 000 Euro im Investitionsprogramm des Kreises, damit jährlich zwei bis drei Anlagen auf kreiseigenen Gebäuden installiert werden können. Ich bevorzuge eine dezentrale Energieversorgung: Der Strombedarf eines Hauses sollte möglichst auf dem eigenen Dach erzeugt werden. Das ist wirtschaftlich, jeder kann an der Energiewende mitwirken - und profitieren.

Warum kann über Photovoltaik nicht mehr Strom erzeugt und gespeichert werden?

Wallmann: Das ist noch nicht wirtschaftlich. Hier müssen die Speicher hinsichtlich der Kapazität und des Preises weiterentwickelt werden. Dann finden sie auch im heimischen Keller Platz und man könnte den Strom auch nutzen, wenn die Sonne nicht scheint oder um sein Elektro-Auto aufzuladen.

Gehört nicht mehr als Stromerzeugung zur Energie-Wende?

Wallmann: Definitiv. Die Elektromobilität und der Wärmebereich müssen noch angeschoben werden. Bei den Elektro-Autos sind die Speicher noch nicht reichweitenstark, andererseits müssen wir auch genügend Ökostrom produzieren, damit wir sie laden können - und zwar nicht aus Braunkohle. Im nächsten Jahr erarbeiten die nordhessischen Kreise ein gemeinsames Elektro-Mobilitätskonzept.

Und wie sieht es im Bereich der Wärmeerzeugung aus?

Wallmann: Hier sind wir Vorreiter in Nordhessen mit den Modellvorhaben „Holzige Biomasse“, bei dem Grünabfälle zu Holzhackschnitzeln verarbeitet und zum Heizen genutzt werden, und „Energetische Quartierssanierung“, bei der Hauseigentümer lernen, wie man Energie sparen kann. Das ist nämlich der wichtigste Bereich der Energiewende.

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