Experten  erwarten Verschlechterung der Lage

Wirtschaft im Werra-Meißner-Kreis trübt sich ein

+
Symbolbild

Werra-Meißner – Die Wirtschaft im Werra-Meißner-Kreis schaut zunehmend pessimistisch in die Zukunft. Das hat eine Anfrage unserer Zeitung bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Werra-Meißner und der IHK Kassel-Marburg ergeben. Die aktuelle Lage ist in vielen Bereichen noch stabil und wird als gut bis befriedigend eingestuft. Der Klimaindex der IHK geht aber deutlich zurück. Die Wirtschaft in der Region erwarte für 2020 eine Verschlechterung der Lage. Insbesondere exportorientierten Unternehmen und Betriebe der Automobilindustrie klagen.

Dr. Michael LudwigLeiter IHK-Servicezentrum

Nach 122 Punkten im Vorjahr und 114,2 Punkten im Vorbericht vergeben die von der IHK befragten Unternehmen im Klimaindex nur noch 101,6 Punkte (100 Punkte sind neutral). Insbesondere das verarbeitende Gewerbe erwartet für 2020 einen Einbruch. „Der Fachkräftemangel war lange Zeit die Nummer eins im Hinblick auf konjunkturelle Risiken“, sagt der Leiter des IHK-Servicezentrum Werra-Meißner, Dr. Michael Ludwig. Inzwischen bewerteten die Unternehmer in der Region die politischen Rahmenbedingungen und die Inlandsnachfrage als Top-Risikofaktoren.

Ähnlich schätzt der Werra-Meißner-Kreis die Situation ein. Landrat Stefan Reuß hat bei seiner Bewertung des Haushalts 2020 von einer Eintrübung gesprochen. Der Anstieg der Steuereinnahmen sei nach aktuellen Schätzungen nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit. Positiv stimme die gute Binnennachfrage und der noch immer „sehr gute Arbeitsmarkt mit hoher Beschäftigung und niedriger Arbeitslosigkeit“.

Dr. Lars KleebergGeschäftsführer WFG

Eine wirkliche Schieflage erwartet Dr. Lars Kleeberg, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Werra-Meißner, trotz des Endes der Boom-Phase indes nicht. „Unsere Region lebt von rund 4000 vielfältigen kleinen und mittelgroßen Betrieben, nicht von wenigen dominierenden Konzernen oder Branchen“, sagt Kleeberg. Dennoch seien von den knapp 30 000 Beschäftigten 6000 Menschen im produzierenden Gewerbe, zu dem auch die Autoindustrie und Zulieferer zählen, beschäftigt und damit dem strukturellen Wandel in dieser Branche ausgesetzt. Die Automobilindustrie bewege sich in einer technologischen Übergangsphase hin zur Produktion von Fahrzeugen mit nicht-konventionellen Antrieben. Das führe zu Umstrukturierungen. Schwerpunkt der Wirtschaftsförderung im Kreis wird im kommenden Jahr die Digitalisierung sein. Eine nahezu flächendeckende Internetgeschwindigkeit bis zu 100 MBit/s sei auf dem Land außergewöhnlich und müsse genutzt werden. 

Mit Ludwig und Kleeberg sprachen wir über Gründe, Chancen und eine Einschätzung der Wirtschaftslage in der Region. Wirtschaftsstandort 

Für nahezu alle Branchen kann festgestellt werden, dass sich eine konjunkturelle Abkühlung eingestellt hat. „Dennoch wird die aktuelle Lage noch als befriedigend bezeichnet“, sagt Ludwig (IHK). Kleeberg spricht sogar noch von einer guten Lage. Diese Einschätzung betreffe insbesondere die regional und binnenwirtschaftlich orientierten Betriebe. Sorgen bereiten der Handelskrieg zwischen China und den USA und der strukturelle Wandel in der Automobilbranche. Klimaschutz 

Die Umwelt- und Klimapolitik beschäftigt alle Betriebe in Zukunft. Hier sind aber noch einige Fragen offen, wie zum Beispiel die Belastung der gewerblichen Wirtschaft durch die CO2-Abgabe. „So lange diese unbeantwortet bleiben, werden sich auch unsere Betriebe mit Investitionen zurückhalten“, sagt Kleeberg. Die WFG will Betriebe beim Thema Klimaschutz unterstützen und die Realisierung ressourcenschonender Produktionsabläufe, Energieeffizienzmaßnahmen und lokaler Netzwerke fördern. Für Ludwig gehört zum Klimaschutz auch die voranschreitende Elektro-Mobilität. „Die damit einhergehenden neuen Fahrzeuge und Technologien können zur Neuausrichtung von Produktpaletten oder sogar neuen Geschäftsmodellen im ländlichen Raum führen.“ Digitalisierung 

IHK und WFG setzen 2020 auf die Digitalisierung. Mit der Breitbandverlegung wurde die Voraussetzung geschaffen, mit Digitalisierung im Kreis zu werben. Im zweiten Quartal sollen alle Orte im Kreis von den hohen Internetgeschwindigkeiten profitieren. Der nächste Schritt ist nach Kleebergs Angaben Glasfaser bis ins Haus. „Darüber wollen wir weitere Vorteile nutzen; durch Home-Office oder Telemedizin können beispielsweise weite Wege eingespart werden.“ Problem Autobranche 

Die Automobilbranche bereite sich schon länger auf den Wandel vor, indem sie neue Märkte und Wege fokussiert. „Ich denke, dass die E-Mobilität Fahrt in 2020 aufnehmen und unsere Zulieferer dann auch wieder an Sicherheit und Produktivität zulegen werden“, sagt Kleeberg. Negative Entwicklungen in der Automobilindustrie im kommenden Jahr werden unmittelbar auch die Zulieferindustrie betreffen. Die heterogene Branchenstruktur mache den Kreis allerdings weniger abhängig von der Autoindustrie. „Neue Technologien erfordern aber für die Zulieferindustrie eine hohe Flexibilität, große Innovationskraft und rechtzeitige Reaktion“, sagt Dr. Michael Ludwig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.