Werra-Meißner: Schlimmere Symptome in Pandemie

Psychisch Kranke leiden laut Fachärzten aus dem Werra-Meißner-Kreis mehr

Ängste und Depressionen haben sich während des Pandemiejahres bei vielen verschlimmert.
+
Ängste und Depressionen haben sich während des Pandemiejahres bei vielen verschlimmert.

Menschen im Werra-Meißner-Kreis leiden stärker unter Depressionen und Ängsten seit Pandemiebeginn, so Dr. Henrike Krause-Hünerjäger vom Klinikum Werra-Meißner.

Werra-Meißner – „Die Symptome werden bei allen psychisch Kranken zunehmend schwerer“, sagt die Chefärztin des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie.

Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 beendeten einige Patienten aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus ihren stationären Aufenthalt. Jetzt nähmen vor allem die Anfragen in der Psychiatrischen Ambulanz zu. Bereits bestehende psychische Erkrankungen haben sich bei vielen verschlimmert, sagt Krause-Hünerjäger. „Einige haben versucht, ohne Psychotherapie auszukommen.“ Das verstärke meistens die Symptome. „Da rollt also noch etwas auf uns zu.“

Laut der Betriebskrankenkasse Werra-Meißner (BKK) gab es in diesem Jahr bisher 311 stationäre Behandlungen (Stand 12. Juli) im Kreis. Für das gesamte Jahr 2020 waren es insgesamt 415, 400 im Jahr 2019. Daraus könne man schließen, dass die Zahl der stationären Behandlungen für 2021 zunähme, heißt es.

Ob der Grund dafür Corona sei, könne man aber aus den Zahlen nicht ableiten, sagt Harald Klement, stellvertretender BKK-Vorstand. „Viele haben wohl wegen der strengen Corona-Regeln ihre Therapien verschoben.“ Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) verzeichnet für 2020 einen Rückgang der in Anspruch genommenen psychotherapeutischen Leistungen im Kreis.

Bei Erwachsenen sind es etwa 6 Prozent weniger, bei Kindern und Jugendlichen 22 Prozent. Das sei nicht überraschend, heißt es von einem KV-Sprecher. Menschen mit körperlichen Erkrankungen seien im vergangenen Jahr auch seltener zum Arzt gegangen, da sie womöglich Angst vor Ansteckungen hatten. „Das könnte auch bei psychischen Erkrankungen der Fall sein.“

Auch bei Kindern und Jugendlichen haben sich depressive Symptome verschlimmert, sagt Barbara Freeman, Chefärztin der Vitos Kinder- und Jugendambulanz für psychische Gesundheit in Witzenhausen.

Werra-Meißner: Besonders Jugendliche haben unter Lockdown gelitten

Die Pandemie hat auch die Beschwerden von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen verschlimmert. „Seitdem die Inzidenz gesunken ist, bekommen wir vermehrt Anfragen“, sagt Barbara Freeman, Chefärztin der Vitos Kinder- und Jugendambulanz für psychische Gesundheit in Witzenhausen.

Während des vergangenen Jahres seien die Nachfragen für therapeutische Hilfe „stabil gewesen“. Für Kinder und Jugendliche mit sozialen Ängsten sei der Lockdown und das damit verbundene Homeschooling eher eine Erleichterung gewesen. „Jetzt geraten sie an ihre Grenzen“, so Freeman, denn die Kinder seien wieder mit den täglichen Herausforderungen der Schule und des Alltags konfrontiert.

Kinder und Jugendliche, die von depressiven Störungen betroffen sind, haben vor allem unter dem Lockdown gelitten, sagt die Chefärztin. Die Pandemie habe zwar nicht zum Ausbruch der Depressionen geführt, aber bereits bestehende Symptome verschlimmert.

Das liege vor allem daran, dass Freizeitaktivitäten nicht mehr wie gewohnt möglich gewesen seien und Kinder und Jugendliche sich vermehrt zurückgezogen hätten. „Das verunsichert auch die Eltern. Sie fragen sich, ob die Probleme ihrer Kinder pandemie- oder krankheitsbedingt sind“, sagt die Oberärztin. Auch Ängste und Zwangsstörungen nehme sie bei ihren Patienten immer öfter wahr. „Einige entwickeln zum Beispiel Waschzwänge.“

Es sei außerdem anzunehmen, dass Kinder und Jugendliche existenzielle Ängste zu Hause erlebten, wo Eltern beispielsweise in Kurzarbeit mussten.

Die meisten Familien, die bei der Vitos-Ambulanz in Behandlung sind, seien aber gut durch den Lockdown gekommen, „obwohl sie teilweise am Rand der Belastungsgrenze waren“, sagt Freeman. „Für die meisten ist es wichtig, dass sie nicht alleine sind und ihre Probleme ansprechen können.“

Auch in die Ambulanz des Klinikums kämen laut Dr. Henrike Krause-Hünerjäger, Chefärztin des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Werra-Meißner, immer häufiger junge Erwachsene. Nach der langen Zeit im Homeschooling oder im Homeoffice fänden sie nicht mehr in die Normalität zurück. Insgesamt seien die meisten der Patienten unter 40.

„Besonders die Symptome von depressiven Menschen sind deutlich schlimmer geworden“, sagt Krause-Hünerjäger. Auch Menschen mit Angsterkrankungen litten mehr. „Manche Patienten entwickeln eine große Angst vor Corona“, sagt Krause-Hünerjäger. Viele haben Angst davor, selbst zu erkranken oder andere anzustecken. Mit ihren Sorgen seien die Betroffenen momentan aufgrund der Corona-Regeln häufig alleine.

Das beträfe auch Menschen mit Schizophrenie. Für sie sei es ohnehin problematisch, Kontakte zu knüpfen. „So haben sich ihre Ängste und wahnhaften Vorstellungen verstärkt“, berichtet die Chefärztin. Das wirke sich auch negativ auf die ohnehin schon kurze Lebenserwartung von schizophrenen Menschen aus. Die meisten bräuchten deshalb eine längere Behandlung, sagt Krause-Hünerjäger.

Die Therapien habe man im Klinikum trotz Corona weitestgehend fortsetzen können, beispielsweise mit Telefongesprächen und Videokonferenzen. Auf der Psychiatriestation konnten Gruppen geteilt werden oder Therapien draußen stattfinden. Krause-Hünerjäger rechnet damit, dass sich noch mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen, die sie über das vergangene Jahr entwickelt haben, Hilfe suchen werden. (Von Natascha Terjung)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.