Werra-Meißner-Kreis: Regionale Produkte boomen

Gemüse aus dem Werra-Meißner-Kreis ist während der Pandemie besonders gefragt

Im Hofladen vom Hof Kindervatter: Tobias Kindervatter verkauft regionale Kirschen in Witzenhausen.
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Im Hofladen vom Hof Kindervatter: Tobias Kindervatter verkauft regionale Kirschen in Witzenhausen.

20 Prozent der Direktvermarkter, zum Beispiel Hofläden, haben in der Corona-Pandemie wirtschaftlich besser dagestanden als zuvor, so eine Umfrage der Ökomodell-Region Hessen.

Werra-Meißner – Das teilt Sabine Marten vom gleichnamigen Projektbüro Witzenhausen mit. „Direktvermarkter wurden zeitweise überrannt“, sagt sie.

Jörg Klinge, Sprecher des Werra-Meißner-Kreises, sieht den Trend auch. „Direktvermarkter in der Region haben ihren Umsatz gesteigert“, sagt er. Das sei schon seit einigen Jahren der Fall, doch die Pandemie habe den Trend verstärkt, wie zum Beispiel die Hühnermobil-Stallhaltung zeige. „Sie hat im Kreis deutlich zugenommen, da Kunden regionale Freilandeier stark nachfragen“, sagt er.

Auch Uwe Roth, Geschäftsführer vom Kreisbauernverband Werra-Meißner, macht den Trend daran fest, dass die Direktvermarkter in der Region zunehmend investieren. Im Altkreis Eschwege gebe es zum Beispiel einen Kartoffelbauer, der eine neue Halle aufgestellt habe, und einen Milchbauer, der 300.000 Euro für die Erneuerung seiner Anlage ausgegeben habe.

„Schon seit sechs Jahren bemerken wir, dass die Nachfrage nach regionalen Produkten steigt“, sagt Roth. Das zeige sich besonders beim Gemüse. „Viele Bauern, die bis vor kurzem nur Tierprodukte verkauft haben, bauen nun auch zunehmend Gemüse an.“

Grund für den Anstieg durch Corona sei, dass einigen Kunden die Anfälligkeit des globalen Handels bewusst geworden sei, so Marten. „Dem wollen sie mit dem Kauf regionaler Produkte entgegenwirken.“

Viele Menschen hätten auch mehr Geld gehabt. „Sie konnten nicht essen gehen und in Urlaub fahren“, sagt Roth. Zu Beginn der Pandemie sei zudem eine gestiegene Ernährungsunsicherheit aufgekommen. „Immer mehr Menschen wollten wissen, wo kommt mein Essen her und was ist drin.“ Roth glaubt jedoch nicht, dass alle, die wegen Corona regional gekauft haben, nach der Pandemie dabei bleiben. „Wenn von zehn Kunden drei weiter regional kaufen, wäre das schon gut.“

Werra-Meißner-Kreis: Corona-Pandemie sorgt für Umsatzplus bei Hofläden

Von dem Trend zum Kauf regionaler Produkte im Werra-Meißner-Kreis profitieren unter anderem Hofladenbetreiber. Gita Sandrock, Betreiberin des Biolandhofs Sandrock in Wehretal, ist eine von ihnen. „Seit wir den Hofladen 2004 übernommen haben, stieg der Umsatz langsam, aber stetig – bis Corona“, sagt sie. 2020 habe es dann ein Umsatzplus von etwa 25 Prozent gegeben.

„Am Anfang der Pandemie hatten viele Menschen mehr Zeit und haben sich die Hofläden in ihrer Umgebung angesehen“, sagt Sandrock. Es sei auch wieder mehr zu Hause gekocht worden. „Einige haben dabei zunehmend auf Qualität geachtet.“ Das zeige sich auch daran, dass zunehmend zu Bioprodukten gegriffen werde. Jedoch sei mit abnehmender Inzidenz auch die Zahl regionaler Einkäufe etwas zurückgegangen. Das Umsatzplus liege aktuell nur noch bei schätzungsweise 15 Prozent.

Um wie viel der Umsatz im Hofladen Kindervatter gestiegen ist, kann Betreiber Tobias Kindervatter zurzeit nicht sagen. „Die Menschen sind seit Corona allerdings bereit, mehr für regionale Produkte auszugeben“, sagt er. Wegen der langen Kälte im Winter und dem vielen Regen sei die Ernte von Erdbeeren, Spargel und Kirschen relativ klein ausgefallen. Hinzu kämen höhere Kosten für die Erntehelfer durch Hygienevorschriften aufgrund der Pandemie.

„Wir mussten den Preis dadurch leider erhöhen“, sagt er, „aber das haben die Menschen gezahlt, ohne sich zu beschweren.“ Kindervatter vermutet, dass die Menschen durch Corona wieder bewusster einkaufen gehen und mehr Geld haben, da sie nicht in Urlaub fahren konnten. Doch nicht alle Hofläden haben von der Pandemie profitiert. „In meinem Hofladen kaufen seit Jahren konstant viele Leute“, sagt Karl-Heinz Morth, Betreiber von Morth’s Hofladen in Witzenhausen.

Zwar habe er im vergangenen Jahr auch ab und zu ein neues Gesicht in seinem Laden gesehen, aber den Umsatz mache er vor allem mit seinen Stammkunden. „Vielleicht liegt das daran, dass mein Angebot nicht so groß ist, weil ich nur Fleisch verkaufe“, sagt er.

Das hält auch Uwe Roth, Geschäftsführer vom Kreisbauernverband Werra-Meißner, für möglich. „Heutzutage sind die meisten Käufer ein Vollsortiment gewöhnt“, sagt er. Das sei auch ein Problem für diejenigen, die aufgrund kurzer Wege regional kaufen. „Sie wollen CO2 sparen und deswegen nicht zwischen verschiedenen Märkten pendeln.“ Auch die Erreichbarkeit sei bei Hofläden oft schwierig, so Roth. „Sie haben häufig zu ungünstigen Zeiten für Berufstätige geöffnet.“

Morth glaubt zudem, dass die meisten Menschen in Deutschland ihr Geld lieber für Autos und Reisen ausgeben, als für Lebensmittel. „Das ist ein Problem, denn so kann ich mir nicht die nötigen Maschinen kaufen, um mein Angebot zu erweitern, zum Beispiel eine Sortiermaschine für Kirschen.“ Die koste rund 15 000 Euro.

Witzenhausen sei jedoch als Uni-Standort wegen der Studenten etwas Besonderes beim regionalen Einkaufen, sagt Bernd Weber, Sprecher des Hessischen Bauernverbands. Ein großer Teil von ihnen läge viel Wert auf bewusstes Einkaufen. „Dazu gehört es, einen Blick auf die Höfe zu werfen, von denen die Lebensmittel in ihren Einkaufskörben kommen. „Viele Bauern sind offen dafür.“

Problematisch sei das in der Regel nur bei Mastbetrieben mit hohen Hygieneanforderungen, zum Beispiel bei Schweinen.

Infos: zu.hna.de/region0721 (Von Fabian Becker)

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