Wie ein Phönix aus der Asche

Werra-Meißner: Der Uhu ist wieder heimisch

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Wieder heimisch: Der Kreis-Vogelbeauftragte Wolfram Brauneis ist begeistert – insgesamt 33 Reviere des Uhus wurden im Werra-Meißner-Kreis gesichtet. Die Dunkelziffer schätzt Brauneis sogar noch höher.

Mit festgestellten 33 Revieren hat der Uhu im Werra-Meißner-Kreis eine Populationsgröße erreicht, die es erlaubt, die Großeule von der lokalen Roten Liste der bedrohten Vogelarten zu streichen.

Wie ein Phönix aus der Asche ist die Uhupopulation im Werra-Meißner-Kreis wieder angestiegen. Insgesamt 33 Reviere wurden gemeldet. „Dass nicht in jedem Uhurevier auch Junge ausgeflogen sind, ist vollkommen naturgemäß“, schildert der Kreis-Vogelbeauftragte Wolfram Brauneis. 

So würden die Ornithologen zwischen Rufplätzen und Balzstandorten, tatsächlichen Bruten und eben auch zwischen Revieren ohne Bruterfolg unterscheiden. Dennoch: An 20 Brutorten konnten 33 junge Uhus ermittelt werden. Die Brutplätze der Uhus liegen im Werra-Meißner-Kreis in der Regel an Felsen, nur in Ausnahmefällen wurde auch mal eine Brücke als Brutplatz eingenommen und nur einmal bisher gab es eine Bodenbrut.

Der Uhu galt lange als Schädling

Bereits im ausgehenden Mittelalter wurde der Uhu als schädlicher Vogel eingestuft. Entsprechende Verfügungen und Prämienerlasse – wie der von 1655 aus dem Fürstentum Calenberg (Leine) – sorgten auch in Hessen für einen Vernichtungsfeldzug gegen die Großeule. Der Aderlass über Jahrhunderte war gewaltig. 

Mit Schlageisen und Fangnetzen sowie mit Gift und vor allem mit der Schusswaffe wurde dem Uhu nachgestellt. So sind allein in den Jahren 1885/1886 in Preußen, wozu auch Hessen seit 1866 gehörte, 190 Uhus geschossen worden. Höchstens für die Aushorstung von Jungvögeln für die Verwendung bei der Hüttenjagd wurden einzelne Uhupaare verschont.

Felsen bevorzugt: Die nachtaktiven Tiere werden selten beobachtet – unter anderem auch, weil sie ihre Nester gerne in für Menschen schwer zugängliche Felswände bauen.

„Selten Gewordenes weckt auch immer Begehrlichkeiten von Sammlern – dies war auch beim Uhu nicht anders als beispielsweise bei Kunstgegenständen“, sagt Brauneis. So sei der Uhu als lebensähnlich präparierte Trophäe ein Gegenstand des Handels gewesen¸ und je seltener die Großeule in der Natur wurde, je höher kletterte der Wert auf dem Markt. So kam es, wie es kommen musste; auch in Hessen. 1910 brütete im heutigen Schwalm-Eder-Kreis das letzte Paar.

Im Jahre 1911 konnte nochmals ein Exemplar zwischen Eschwege und Bad Sooden-Allendorf und 1925 sogar ein Uhupaar im hessisch-thüringischen Grenzraum bei Creuzburg an der Werra gesehen werden. Jedoch wurde nicht gezögert, in beiden Fällen wieder die Schusswaffe einzusetzen. Der Uhu war in Hessen und somit auch an Werra und Meißner endgültig ausgestorben.

Dabei ergab eine deutschlandweite Bestandsaufnahme im Jahre 1934 noch etwa 70 Paare, die schwerpunktmäßig in Sachsen, Thüringen, Baden-Württemberg und Bayern sowie in den Gebirgsregionen von Harz und Eifel überlebt hatten. Dazu kamen, bereits in dieser Zeit, erste Erkenntnisse über die Schädlichkeit von chemischen Spritzmitteln, die – Mitte der 1950er-Jahre – mit dem Einsatz von Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) ihre verheerende Wirkung gegenüber der gesamten Palette von Greifvögeln erst noch erreichen sollten. Spätestens mit dem Aussterben des Wanderfalken stellte sich der Gipfel der Vernichtung erkennbar dar. 

So wurde der Uhu wieder angesiedelt

Das wissenschaftlich empfohlene Anwendungsverbot des DDT wurde ab den 1970er-Jahren auch politisch in der Bundesrepublik Deutschland diskutiert und 1972 zunächst in der Fortwirtschaft und 1974 dann auch in der Landwirtschaft vollzogen. Zuchtprogramme waren längst initiiert, Auswilderungsprojekte und Begleitkonzepte entworfen und behördlich genehmigt. Somit war der Weg frei für eine Wiederansiedlung des Uhus.

Dafür war im Jahr 1973 auch der Werra-Meißner-Kreis im Gespräch. Jedoch blieb es bei zwei Aktionen, jeweils am Meißner und im Muschelkalkgebiet der Gobert, da in Hessen sich die entscheidenden Naturschutzstellen entschlossen hatten, ein Auswilderungsprogramm mit dem Deutschen Falkenorden für den gleichfalls ausgestorbenen Wanderfalken durchzuführen, und für die 15-jährige Projektphase war die Felsenregion in unserem Kreisgebiet vorgesehen, berichtet Brauneis: „So setzten wir auf Zuwanderung von Uhus, die in der Eifel und vor allem im Westharz in die Wildbahn entlassen wurden.“

Nachdem dann im Jahre 1977 in Hessen erstmals seit 1910 wieder die erste Uhubrut im Landkreis Limburg-Weilburg stattfand, war es 1983 auch im Werra-Meißner-Kreis so weit; im Naturschutzgebiet „Jestädter Weinberg“ wurden zwei Junge flügge! 

Der Erfolg ist messbar

„Von da an ging es – nach anfänglich zögerlicher Entwicklung – mit dem Uhubestand im Werra-Meißner-Kreis ständig bergauf bis zur heutigen stabilen Population“, sagt Brauneis. Bei allem kann noch von einer Dunkelziffer ausgegangen werden, weil bei dieser nachtaktiven und deshalb oft schwer zu beobachtenden Vogelart tatsächlich unentdeckter Bruterfolg nicht auszuschließen sei.

Allein bei der Betrachtung der Muschelkalkregionen am Grünen Band dürften laut Brauneis tatsächlich mehr Paare vorhanden sein, als bislang festgestellt. „Noch zumal vom Uhu jährlich wechselseitige Brutstandorte im hessisch-thüringischen Bereich gewählt werden, wie die Brutpaare beispielsweise am Kielforst bei Herleshausen und auf der Gobert zwischen Bad Sooden-Allendorf und Hitzelrode beweisen“, sagt Brauneis. 

In Deutschland leben heute wieder im Mittel 2700 Uhupaare, davon mindestens 250 in Hessen. (red/dir)

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