Andere Länder, größere Probleme

Coronavirus: Eschwegerin Lena Kuder berichtet von spanischer Costa del Sol

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Typische Alltagssituation in Einkaufsmärkten an der Costa del Sol. In diesem Geschäft sind die Kunden angehalten, einen Meter Sicherheitsabstand zu halten.

Vereinzelte Spaziergänger am Strand, verriegelte Restaurants und nahezu leer gefegte Straßen. Im Mai bevölkern normalerweise  ausländische Touristen die Costa del Sol, doch seit zwei Monaten ist die Wirtschaft und damit auch die Tourismusbranche hierzulande weitestgehend zum Stillstand gekommen.

Sobald die Provinz Málaga am 18. Mai in die Phase 1 des von der Zentralregierung entworfenen vierstufigen Deeskalationsplans einritt, sollen auch wieder einige Bars, Restaurants und Geschäfte eröffnen.

Von ihrem Homeoffice in Mijas Pueblo aus beantwortet Katja Thirion sämtliche Fragen, die bei ausländischen Residenten nun durch die Coronavirus-Krise aufgetaucht sind. Thirion ist Mitarbeiterin des Residentenbüros des Rathauses in Mijas Pueblo. Vielen Deutschen seien die Regelungen nicht ganz klar, die zur Zeit des Alarmzustands gelten. Dieser soll voraussichtlich noch bis zum 25. Mai andauern.

Ausgangsbeschränkungen

Die meisten Anfragen drehen sich Thirion zufolge um die auferlegten Ausgangsbeschränkungen: erlaubte Uhrzeiten für Spaziergänge und in welchem Radius diese erfolgen sollen. Weitere Fragen drehen sich um Flüge, die Anreise im Auto, Vorschriften bei Einkäufen oder wie viele Personen im Pkw fahren dürfen. Viele Anfragen bezögen sich auch auf die Unterstützung zu Hause, sei es zum Einkaufen im Supermarkt, um Medikamente in der Apotheke abzuholen oder finanzielle Unterstützung wegen ausgefallener Berufstätigkeit oder Beihilfe zur Miet- oder Hypothekenzahlung zu erhalten. „Unsere Aufgabe als Residentenbeauftragte ist in dieser schwierigen Zeit wichtiger denn je“, unterstreicht Thirion.

Gefühl der Kontrolle

Am meisten vermisse sie die Freiheit und die Möglichkeit, zu jeder beliebigen Tageszeit vor die Tür gehen zu können. Besonders störe sie das Gefühl der Kontrolle und dass sie sich bei jedem Gang rechtfertigen muss, falls sie von einem Polizeibeamten angehalten wird. Weiterhin sei sie der Meinung, dass Auflagenänderungen längerfristig angekündigt werden sollten. „Es erscheint mir wenig kompetent, dass die Regierung am Wochenende wichtige Neuerungen für die darauffolgende Woche veröffentlicht“, kritisiert die Deutsche.

Starke Einbußen

Für viele Selbstständige hat die Coronakrise zu starken Einbußen geführt. Einige Angestellte sind temporär freigestellt, das heißt, für sie gilt ein sogenannter ERTE (Expediente de Regulación de Empleo). Dies entspricht der deutschen Kurzarbeit.

Sabine Edel lebt seit neun Jahren in Andalusien und arbeitet als Sprechstundengehilfin in einer Tierarztpraxis in Marbella. Von Mitte März bis Mitte Mai war sie temporär freigestellt, hat aber das Kurzarbeitergeld bis heute nicht erhalten. „Ohne meine Mutter hätte ich mich nicht über Wasser halten können“, so die 39-Jährige. Inzwischen arbeitet sie pro Tag drei Stunden. Das Geld reiche gerade dazu, ihre Miete zu zahlen. „Zum Glück kann ich damit rechnen, dass ich in ein paar Monaten wieder eingestellt werde und danach erst einmal sechs Monate lang nicht entlassen werden darf“, sagt Edel.

Kein Fördergeld

Svend Scharler führt seit 15 Jahren in Torrox die „Redwell“-Vertriebsniederlassung Spanien zur Installation und Wartung von Heizungen. Als im Februar die ersten Coronavirus-Fälle in Spanien bekannt wurden, verließen viele seiner Kunden das Land. „Im März konnte ich schon absehen, dass sich nun erst einmal gar nichts mehr bewegen wird“, so der Unternehmer. Wann und ob sie zurückkommen, kann er bis heute nicht absehen. „Ich habe Aufträge, die ich nicht ausführen kann, da meine Kunden ja im Ausland festsitzen“, sagt der Unternehmer. Fraglich sei auch, ob die Hausbesitzer weiterhin in ihre Immobilien investieren wollen oder versuchen werden, diese zu verkaufen. Im Moment lebt er von seinem Ersparten. „Ich kenne keinen Unternehmer, der bis heute Fördergelder bekommen hat“, erklärt der 56-Jährige.

Rationaler Mittelweg

Ansonsten unterscheiden sich die Sorgen und Probleme zwischen Deutschland und Spanien kaum: Einige der Regierungsmaßnahmen erscheinen Thirion vernünftig, andere dagegen übertrieben oder auch unsinnig. Da sie weder über eine medizinische noch wissenschaftliche Ausbildung verfüge, falle es ihr schwer, den Überblick zu behalten, zumal insbesondere Fachleute die Lage so unterschiedlich und widersprüchlich beurteilen. Generell halte sie einen rationalen Mittelweg für vernünftig.

Unsere Autorin

Lena Kuder (44) wurde in Göttingen geboren und wuchs in Waldkappel auf. Nach dem Abitur in Eschwege studierte sie an der katholischen Universität in Eichstädt Journalistik. Vier Jahre lebte sie in Berlin und arbeitete als freie Journalistin. 2005 ging sie nach Spanien und arbeitet dort für die deutschsprachige Wochenzeitung Costa Nachrichten

Quelle: Werra-Rundschau

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