Bau der Wehrfeldsiedlung

Ende des Zweiten Weltkriegs: Zuflucht für Heimatsuchende in Waldkappel

Die Siedlung im Waldkappeler Wehrfeld nach ihrer Fertigstellung.
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Die Siedlung im Waldkappeler Wehrfeld nach ihrer Fertigstellung.

Millionen flüchteten nach Ende des 2. Weltkriegs aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches – auch nach Waldkappel. Dort linderte ein internationales Projekt die Wohnungsnot.

Waldkappel – Ende 1959 konnte in Waldkappel ein sich über fünf Jahre erstreckendes Bauvorhaben zum Abschluss gebracht werden, das den Heimatvertriebenen und Obdachlosen nach dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht und den Katholiken einen kirchlichen und kulturellen Mittelpunkt bieten sollte: die Wehrfeld- oder St.-Bonifatius-Siedlung. Einen großen Anteil am Gelingen dieses Projektes hatten die Pater Reinhold Ohlert und Werenfried van Straaten.

Fluchtbewegung

Im Zuge des Endes des Zweiten Weltkrieges setzte in Europa eine millionenfache Fluchtbewegung und Vertreibung ein. Die Daten der Volkszählungen in West- und Ostdeutschland von 1950 verdeutlichen das: Knapp 12,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene waren aus den nun in polnischen und sowjetischen Besitz übergegangenen ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches und aus den Siedlungsgebieten der sogenannten „Volksdeutschen“ in die Bundesrepublik und die DDR gelangt.

Direkt nach dem Krieg mussten ländliche Gebiete weitaus mehr Menschen aufnehmen als die durch Luftangriffe schwer zerstörten städtisch-industriellen Ballungsgebiete. Sinnbildlich dafür war auch Waldkappel mit seiner Nähe zum ausgebombten Kassel.

Wohnungsnot

Die Wohnungsnot im Waldkappel der Nachkriegszeit war groß: Zahlreiche alteingesessene Familien waren durch die Kampfhandlungen obdachlos geworden, 44 Häuser waren zerstört. Hinzu kamen evakuierte Familien aus den Großstädten und die deutschen Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Verdienstmöglichkeiten fehlten ebenso wie Verkehrsanbindungen, um an Arbeitsstellen zu kommen.

Pater Reinhold Ohlert (links) und Werenfried van Straaten.

1948 hatte Pater Reinhold Ohlert den Seelsorgebezirk Waldkappel übernommen, ihm war es ein großes Anliegen, die Not zu lindern. Bereits 1949 fanden erste Verhandlungen wegen des Baus einer Siedlung statt. Einen echten Mitstreiter fand er dann aber schließlich 1953 bei der Einweihung des Kapuzinerklosters Bebra im belgischen Pater Werenfried van Straaten. Er hatte bereits 1933 eine internationale Arbeitsgemeinschaft junger und hilfsbereiter Menschen zur Linderung der Wohnungsnot in der Welt gegründet.

Van Straaten ermöglichte die Zwischenfinanzierung einiger bereits begonnenen Häuser. Das Vorhaben von Pater Ohlert nahm noch einmal mehr Fahrt auf, als der Vorstand des Stiftungsrates für das Katholikentagsdorf 1954 beschloss, die Siedlung in Waldkappel zu bauen. Als Bauträger wurde das Siedlungswerk Fulda bestimmt. In 1954 fand der Katholikentag in Fulda statt. Dort wurde Geld für den Bau einer Siedlung gesammelt. Über 100 000 D-Mark kamen zusammen, die finanzielle Basis war geschaffen.

Internationales Projekt

Das Gelände im Wehrfeld schien sich für eine Siedlung hervorragend zu eignen, auch um die Menschen möglichst nah an einem Verkehrsknotenpunkt anzusiedeln. Durch eingebaute Betonsockel für landwirtschaftliche Zwecke war ein Grundstück von 4500 Quadratmetern unbrauchbar geworden. Die Besitzerin war geneigt, es zu verkaufen. Schon im Frühjahr 1955 konnte der erste Spatenstich vollzogen werden.

So kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, der Unheil und Verwüstung über die ganze Welt gebracht hatte und Nationen gegeneinander aufbrachte, sorgte internationale Zusammenarbeit für die Entstehung der Siedlung: Mit 50 größeren Einsätzen halfen zwischen den Jahren 1955 und 1959 insgesamt 2500 Baugesellen des katholischen Bauordens aus zwölf Ländern der Welt. Unter anderem Belgier, Niederländer, Franzosen, Deutsche, Schweizer, Inder, Italiener, Spanier, Engländer und Slowaken packten gemeinsam an, um Obdachlosen und Heimatvertriebenen eine neue Zuflucht zu errichten.

Wesentlich mehr Handarbeit als heute war zur damaligen Zeit bei Projekten wie dem Bau der Waldkappeler Wehrfeldsiedlung von den eingesetzten Arbeitskräften gefordert.

1956 wurde mit dem Bau der katholischen Kirche und des Pfarrhauses begonnen. Die letzten acht der insgesamt 49 Siedlungshäuser konnten im Jahr 1959 bezogen werden. Bis dahin waren alle baulichen Nebenarbeiten wie Wasserleitung, Kanalisation und Kläranlage vollendet. Gefeiert wurde die Fertigstellung im September 1959. Über 450 000 D-Mark an Leistung hatte der katholische Bauorden beim Bau der Wehrfeldsiedlung vollbracht.

Hinweis: Dieser Artikel ist mit freundlicher Unterstützung des Geschichtsvereins Waldkappel entstanden. (Maurice Morth)

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