„Wie beim Fußball auf der Ersatzbank“

Zentralisierung Feuerwehr: Kameraden in Wehretal wollen Thema vom Tisch haben

Unzufrieden und sauer: die rund hundert Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Wehretal auf einer Infoveranstaltung zur Zukunft der Wehren.
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Unzufrieden und sauer: die rund hundert Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Wehretal auf einer Infoveranstaltung zur Zukunft der Wehren.

Die Gemeinde Wehretal und ihre Freiwillige Feuerwehr sind sich über ihre Zukunft uneinig. Ein Infoabend mit allen Beteiligten zeigte, wie verhärtet derzeit die Fronten sind.

Wehretal – Um die hundert aktive Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Wehretal füllten am Donnerstagabend den Saal des Bürgerhauses in Reichensachsen. Dorthin hatte Wehretals Bürgermeister Timo Friedrich die Kameraden eingeladen, um sie über den Stand des geplanten Feuerwehrneubaus in Reichensachsen zu informieren. Im Mittelpunkt des Abends stand aber vor allem das Thema Zentralisierung der Ortsteilwehren. Immer wieder versicherte Friedrich, dass Zentralisierung „weder heute noch morgen“ geplant sei, man sich mit dem Thema aber frühzeitig beschäftigen müsse, da niemand zu sagen vermag, wie sich die Einsatzbereitschaft in den Ortsteilen in den kommenden zehn bis 20 Jahren entwickeln werde. „Solange wir alle Gerätehäuser erhalten können, werden wir keine Ortsteilwehr schließen“, versprach Friedrich, der der Wehr für den Prozess zudem Beteiligung, Transparenz und Verbesserung des Informationsflusses zusagte. „Aber wir brauchen einen Kompromiss.“

Feuerwehr schenkt Versicherungen wenig Glauben

Besänftigen konnte dieses vielfach wiederholte Statement die Stimmung der Kameraden am Donnerstagabend nicht. Vor allem die Feuerwehr Hoheneiche, die definitiv kein neues Gerätehaus bekommen wird, zeigte sich verbittert. Noch habe der kleine Ortsteil mit 33 Aktiven ausreichend Kameraden, auch Jugend- und Kinderfeuerwehr sind gut aufgestellt. „Aber so werden wir Jugendliche nicht halten können. Damit wird die Zukunft der Feuerwehr ad acta gelegt“, sagte ein Kamerad.

Zweifel äußerten die Kameraden auch an der Bereitschaft, aus den Ortsteilen im Falle einer Zentralisierung nach Reichensachsen zu fahren. „Das ist wie beim Fußball auf der Ersatzbank zu sitzen“, sagte ein Feuerwehrmann.

Zweifel an Standort für geplanten Neubau in Reichensachsen

Im Zusammenhang mit einer späteren Zusammenlegung der fünf Ortsteilwehren am geplanten Neubau Reichensachsen wurden jetzt auch Zweifel an dem gewählten Standort nördlich von Reichensachsen laut. „Im Hinblick auf Hilfezeiten ist der Standort ungünstig“, sagte ein Feuerwehrmann. Dem schloss sich auch Gemeindevertreter Achim Rauschenberg (FWG) an. „Es ist schon eine Menge Geld geflossen, aber wir sollten jetzt einen Schnitt machen“, sagt er. „Was nützt uns ein Feuerwehrgerätehaus ohne Kameraden?“ Nachdem der stellvertretende Gemeindebrandinspektor Daniel Gläßner appellierte: „Wir brauchen ein Investitionskonzept, damit die Unzufriedenheit aufhört“, quittierte noch ein Kamerad aus Hoheneiche demonstrativ den Dienst vor Bürgermeister Friedrich. (Stefanie Salzmann)

Interview mit Kreisbrandinspektor Christian Sasse:

Kreisbrandinspektor des Werra-Meißner-Kreises Christian Sasse

Modell der Freiwilligen Feuerwehren ist alternativlos - Lösungen müssen gemeinsam mit Wehren entwickelt werden

Hat das Modell der Freiwilligen Feuerwehren überhaupt noch Zukunft?

Christian Sasse: Ja. Das ist alternativlos. Wenn man sich die gewachsenen Strukturen der Freiwilligen Feuerwehren anschaut, ist eins klar: Der Staat kann es sich finanziell gar nicht leisten, das alles zu professionalisieren.

Wären Berufsfeuerwehren eine Alternative?

Nein. Durchschnittlich müsste jede Gemeinde dann um die 24 Leute einstellen (pro Schutzbereich), um die Einsatzbereitschaft rund um die Uhr das ganze Jahr sicherzustellen – zirka eine halbe Million Euro allein an Personalkosten im Jahr.

Die Gemeinden stehen vor hohen Investitionen für die Feuerwehren, die sie sich eigentlich nicht leisten können?

Man muss das ganzheitlich sehen. Notwendige Investitionen sind nicht von heute auf morgen entstanden. Die Zeit bleibt nicht stehen. Die Politik entscheidet, was man sich leisten kann und was nicht. Am Ende geht es aber um unser aller Sicherheit.

Aber irgendwer muss das Ganze auch bezahlen?

Das stimmt. Daher haben sich die Feuerwehren schon vor Jahren den Herausforderungen gestellt. Der Masterplan Feuerwehren wurde erstellt, daher ist das Thema weder neu noch überraschend. Wir führen mit den Feuerwehren viele Gespräche. Die Wehren hinterfragen sich kritisch, ob es zu dem Prinzip der kleinen Ortsteilwehren eine Alternative gibt. Denn auch die Feuerwehren wissen, dass die Einsatzkräfte in den kleinen Orten in Zukunft nicht mehr ausreichen werden. Und dann können die Gemeinden nicht je Ortsteil 1,5 Millionen Euro investieren.

Das wird sich keine Kommune leisten können.

Dazu muss man sich zunächst der Diskussion stellen, was die einzelnen Standorte in Zukunft zu leisten imstande sind. Schon jetzt haben einzelne Ortsteilwehren ihre Schutzbereiche erweitert und einen zweiten Ortsteil dazu genommen. Das findet derzeit in Waldkappel statt, auch die Wehr Krauthausen wurde aufgelöst und gehört jetzt zu Sontra, Ähnliches tut sich in Berkatal und Neu-Eichenberg.

Im Zuge von Zusammenlegung und Zentralisierung stellt sich die Frage, ob die gesetzlich vorgegebenen Hilfezeiten von zehn Minuten noch zu halten sind?

Das ist der Punkt. Die Zusammenlegung zieht auch eine Verlängerung der Hilfezeiten nach sich. Das ist die Herausforderung des ländlichen Raumes.

Welche möglichen Alternativen gibt es dazu?

Das Einfachste wäre es, die Gesetze zu ändern. Das ist aber auf der Ebene der Landespolitik zu beraten und zu entscheiden. Aber wenn wir über Zentralisierung reden, muss man auch überprüfen, ob diese Zeiten dann noch zu halten sind. Denn in der Zeit kommt man innerhalb einer Gemeinde nicht überall hin. Dies wiederrum bedeutet aber auch eine Verringerung des „Sicherheitsstandards“, das muss einem klar sein.

Von welchen Zeiträumen sprechen wir bei der Umstrukturierung der Feuerwehren?

Im Moment haben wir im Einsatzfall noch keine Probleme. Wir schaffen es, so viele Kräfte zu alarmieren, wie für den Einsatz gebraucht werden. Aber ich glaube, es macht Sinn, wenn sich die Kommunen und die Feuerwehren jetzt an einen Tisch setzen und Pläne entwickeln, in welche Standorte wann investiert werden muss, wann neue Fahrzeuge fällig werden und welche Struktur dazu passt. So was geht nicht von heute auf morgen. So was muss vorher langfristig in einem Bedarfs- und Entwicklungsplan abgestimmt werden, über den das Parlament dann auch entscheidet.

Woher kommt der Widerstand bei den Wehren gegen eine Zentralisierung?

In den Feuerwehren gibt es neben Gegnern auch Befürworter solcher Pläne. Entscheidend wird hier die Partizipation der Feuerwehren, aber auch die Einhaltung der rechtlichen Grundlagen sein.

Warum wird diese Debatte so emotional geführt?

Man muss sich vorstellen, dass Menschen, die zum Teil mehr als 40 oder sogar 50 Jahre und mehr in der betroffenen Feuerwehr sind, jetzt darüber entscheiden müssen oder vor die Entscheidung gestellt werden, das ganze System zu verändern. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Politik das Thema behutsam angeht und um gemeinsame Lösungen bemüht ist.

Wie kann eine Lösung aussehen?

Ich bin der Meinung, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir arbeiten gut mit anderen Hilfsorganisationen wie zum Beispiel dem THW zusammen. Ich glaube auch daran, dass die Feuerwehren bereit sind, über Zukunftsfragen zu reden. Gleichzeitig suchen wir als Landkreis zusammen mit den Kommunen und Feuerwehren nach interkommunalen Lösungen, um die Kosten zu senken. Einiges konnten wir bereits umsetzen.

Die Feuerwehren erfüllen in den Orten viele Aufgaben außerhalb des Brandschutzes.

Genau. Bei der ganzen Diskussion muss man auch das Gesellschaftliche und Kulturelle, das Feuerwehren in ihren Orten leisten, in die Waagschale werfen. Jeder Ort hat heute noch einen Feuerwehrverein, dessen Engagement für den Ort nicht zu unterschätzen ist.

Zur Person: Christian Sasse:

Christian Sasse (37) ist seit 2011 Kreisbrandinspektor des Werra-Meißner-Kreises. Vorher war der gebürtige Bad Hersfelder im Bereich des Katastrophenschutzes in Hersfeld-Rotenburg beschäftigt. Sasse ist Ingenieur für Elektrotechnik und hat jeweils einen Master in Qualitätsmanagement und Businessadministration sowie eine Ausbildung als Berufsfeuerwehrmann. Er lebt in Kammerbach bei Bad Sooden-Allendorf und ist dort Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. (Stefanie Salzmann)

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