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Wie eine deutsche mit einer ukrainischen Familie zusammen lebt

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Von: Stefanie Salzmann

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Unkompliziert: Kristin Baumann (links) hat die aus der Ukraine kommenden Alwina und ihre Kindern, die eineinhalbjährigen Camilla und der zwölfjährige Kyrill, in ihrer Familie aufgenommen.
Unkompliziert: Kristin Baumann (links) hat die aus der Ukraine kommenden Alwina und ihre Kindern, die eineinhalbjährigen Camilla und der zwölfjährige Kyrill, in ihrer Familie aufgenommen. © Stefanie Salzmann

Vor fast genau vier Wochen ist Alwina mit ihren beiden Kindern, dem zwölfjährigen Kyrill und der eineinhalbjährigen Camilla, in Eschwege angekommen. Seitdem wohnen die drei bei Kristin Baumann und ihrer Familie in Eschwege. Im oberen Stock des geräumigen alten Fachwerkhauses haben sie Küche, Wohnzimmer und ein Schlafzimmer.

Eschwege - Die 33-jährige ukrainische Krankenschwester hat ihre Heimatstadt in der Zentralukraine kurz nach Kriegsbeginn mit ihren Kindern verlassen, ihr Mann ist noch dort und soll nach Deutschland nachkommen, sobald das Ausreiseverbot für ukrainische Männer aufgehoben wird. Unterdessen versuchen Alwina und ihre Gastgeberin hier den Neustart zu organisieren und sich einzurichten.

 „Ich fühl mich einfach besser, wenn ich selbst etwas tun kann.“

Kristin Baumann

Für Kristin Baumann war gleich zu Beginn des Ukraine-Krieges klar, dass sie helfen will. Die 29-jährige Tischlerin hatte sich bereits in der Flüchtlingskrise 2015 bei „Eschwege hilft“ engagiert. Es war für sie keine Frage, das auch jetzt zu tun. „Ich fühl mich einfach besser, wenn ich selbst etwas tun kann“, sagt sie. Über den Kontakt zum Arbeitskreis Open-Flair kam Alwina am 9. März zu Kristin Baumann. Die Familien, die ukrainische Flüchtlinge untergebracht haben, sind gut vernetzt und organisieren vieles, was benötigt wird, auf dem kurzen Weg. Viele Formalitäten waren und sind zu erledigen und dabei so einige Hürden zu nehmen – ob Anmeldung, Kontoeröffnung oder die Beantragung von Sozialleistungen. Und zugleich gibt es ein Zusammenleben und gemeinsamen Alltag.

Die Familie verständigt sich per Google-Übersetzer – das funktioniert ziemlich reibungslos. Manchmal gibt es dabei aber auch urkomische Pannen. Den Satz „Danke für die Sachen“ übersetzte das Programm mit „Das Lamm ist im Bus angekommen“. Aus der Frage „Wollen wir heute Abend Pizza bestellen?“ formulierte die App: „Wollen wir heute Abend Koks bestellen?“

Zwölfjähriger hatte jetzt seinen ersten Schultag

Doch der Alltag hält Einzug. Am vorigen Montag hatte Kyrill seinen ersten Schultag in einer der Intensivklassen an der Brüder-Grimm-Schule. Alwina ist zu einem Deutschkurs angemeldet. „Die Kinder spielen zusammen“, berichtet Kristin Baumann, die eine acht- und eine zweijährige Tochter hat. Nur im Moment heißt es Abstand halten, weil die ganze Familie Corona hat.

Die Regeln im neuen Zuhause sind klar: „Ich habe Alwina immer gesagt: wenn du was suchst oder brauchst, geh einfach an die Schränke. Ich habe hier nichts zu verbergen.“ Manchmal kochen die Frauen zusammen, manchmal wird getrennt gegessen. Kristin Baumann versucht das Leben für Alwina und ihre Kinder möglichst unkompliziert zu halten. Sie erzählt, dass Alwina nur die Kleidung dabei hatte, die sie am Leib trug. Für ihre kleine Tochter hatte sie Kindernahrung im Gepäck.

Die erste Zeit hat die Familie die Lebensmittel für ihre Gäste eingekauft, dann konnte Alwina über die Eschweger Tafel Essen bekommen. Über ein gemeinsames Spendenkonto gab die Gastgeberfamilien allen etwas Geld, das die Flüchtlinge zur freien Verfügung hatte.

Vor allem für den zwölfjährigen Kyrill waren einige Neuerungen eine harte Probe. Kristin Baumann erzählt, dass der Junge vom Hof der Initiative „Eschwege hilft“ gerannt sei und bitterlich geweint habe. Er habe ihr dann erzählt, dass er in der Ukraine immer der mit den coolsten Klamotten und der beste Fußballspieler an seiner Schule gewesen sei. Jetzt müsse er sich in einem Laden für Obdachlose einkleiden. Das habe ihn schwer getroffen. Inzwischen spielt Kyrill in Deutschland wieder Fußball – seine Schule in Dnjepropetrowsk, einer Millionenstadt in der Ukraine, ist inzwischen zerbombt.

Familie will bleiben und in Deutschland neues Leben anfangen

Alwina hat sich unterdessen entschieden, mit ihrer Familie in Deutschland zu bleiben und sich hier ein Leben aufzubauen. „Ich will mit meinen Kindern nicht in ein Land zurückgehen, in dem wir den Rest unseres Lebens damit beschäftigt sind, die Kriegstrümmer aufzuräumen.“ Kristin Baumann und Alwina suchen jetzt in Eschwege eine Wohnung für die Familie. „Alwina und ihre Kinder bleiben solange bei uns, bis wir was gefunden haben, das auch langfristig funktioniert“, sagt Kristin Baumann. „Wir haben keinen Zeitdruck.“

(Stefanie Salzmann)

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