Zeitzeugenbericht

Wiedersehen nach Gefangenschaft: 1955 kamen die Spätheimkehrer nach Herleshausen

Heimkehrer am Bahnhof Herleshausen am 15. Oktober 1955: Dr. Ludwig Krabbe mit Frau Maria und Tochter Sybill auf dem Brief aus der Gefangenschaft.
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Heimkehrer am Bahnhof Herleshausen am 15. Oktober 1955: Dr. Ludwig Krabbe mit Frau Maria und Tochter Sybill auf dem Brief aus der Gefangenschaft.

Am 15. Oktober 1955 kamen die Spätheimkehrer in Herleshausen an - nach vielen Jahren der Gefangenschaft. Wir sprachen mit einer Zeitzeugin.

Herleshausen – 15. Oktober 1955: Für Sybill Knickenberg steht hinter diesem Datum ein denkwürdiger Tag. „Das vergesse ich nicht“, sagt sie heute über den Samstag, an dem sie als damals 15-Jährige ihren Vater bewusst kennenlernte. 13 Jahre ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass ihr Vater Dr. Ludwig Krabbe sie und ihre Mutter Maria zum letzten Mal gesehen hat.

Kontakt hält die in Münster lebende Familie mit dem Vater, der sich in russischer Kriegsgefangenschaft befindet, über Briefe, in denen die Mutter politische Themen aus Angst vor möglichen Folgen nicht erwähnt.

Im Leben der Familie ist der Vater allerdings 13 Jahre lang durchgängig präsent: Maria Krabbe erzählt der Tochter viel von ihm, zeigt ihr Fotos und auch die Familie fragt stets nach Dr. Ludwig Krabbe. Am Mittwochabend, 12. Oktober 1955, trifft ein Telegramm in Münster ein, in dem er schreibt, nun in Brest in der damaligen UDSSR angekommen zu sein.

Namen der Heimkehrer werden im Radio verlesen

Zu dieser Zeit werden die Namen der Heimkehrer im Radio verlesen. „Ich habe die Stimme des Nachrichtensprechers noch im Ohr“, erinnert sich Sybill Knickenberg heute an die ruhige Bassstimme, die jeden Namen mit der geplanten Ankunft in Herleshausen deutlich vorlas. Mutter und Tochter beschäftigt in diesem Moment die Sorge, wie sie nach Friedland kommen können, doch der Bruder Ludwig Krabbes kann mit dem Auto helfen und in einem Studentinnenheim in Göttingen können sie zwei Nächte bleiben. Am Samstagmorgen warten die damals 15-jährige Sybill, ihre Mutter und ihr Onkel in Herleshausen auf die Ankunft Dr. Ludwig Krabbes.

Wie schlimm das Warten auf den für frühmorgens angekündigten Zug, der schließlich gegen 13 Uhr eintrifft, vor allem für ihre Mutter nach bereits 13 Jahren des Wartens ist, erzählt Sybill Knickenberg heute, erinnert sich daran, wie sie ihren Vater nach langem Suchen am Bahnhof findet und sofort erkennt.

Dass nicht alle Spätheimkehrer so erwartet werden wie ihr Vater, erfährt sie, als andere nach ihren Frauen fragen und erkennen, dass diese nicht kommen werden. Die Eindrücke dieses Tages, das Warten derer, die mit Blumensträußen in den Händen einen Zug in der Ferne zu erspähen versuchen, und die Ankunft der Heimkehrer hält die 15-Jährige später in einem Aufsatz fest: „Viele finden sich wieder. Erschöpft und erlöst fallen sie sich in die Arme. Tränen brechen hervor. Man umarmt sich und stammelt längst vergessene Worte. Glücklich lösen sich die Wiedervereinten aus dem Trubel der Menge. Stolz gehen die Kinder zum ersten Mal an der Hand des Vaters einher, immer wieder heben sie ihre Köpfe zu ihm empor und warten auf ein Lächeln.“

„Heimkehren ist mehr als zurückkommen“ zierte den Briefkopf der Deutschen Bundespost.

Sybills Deutschlehrerin und ihre Direktorin haben die Idee, den Aufsatz, der heute neben weiteren Dokumenten zur Geschichte um Dr. Krabbes Heimkehr im Grenzbahnhof für Zeitgeschichte in Herleshausen zu sehen ist, an Konrad Adenauer zu senden, und er wird tatsächlich gelesen, was aus der Antwort eines persönlichen Referenten hervorgeht. Während die Heimkehrer in Bussen nach Friedland gebracht werden, will die Familie Dr. Ludwig Krabbes nicht mehr loslassen, erhält die Erlaubnis, gemeinsam mit ihm im Auto zwischen den Bussen nach Friedland zu fahren.

Am Sonntag, die 18-Uhr-Andacht endet gerade, kommt das Auto des Onkels mit der Familie Krabbe in Münster an, wo der Spätheimkehrer von seinen Eltern, weiteren Familienmitgliedern und Menschen des Umfelds der Familie erwartet wird.

Dass seine Familie auch ihm 13 Jahre lang durch Fotos und ständiges Erinnern an sie präsent war, zeigt sich schnell: Krabbe erinnert sich an Details aus der Zeit vor über 13 Jahren, die andere längst vergessen haben.  (Von Eden Sophie Rimbach)

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