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Wilderei: Dem Kitz die Mutter weggeschossen

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Von: Stefanie Salzmann

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Nicht nur krank, auch gefährlich findet der Jagdpächter des Revieres Wichmannshausen, Wilhelm Lücke, die sich in letzter Zeit massiv gehäuften Fälle von Wilderei in seinem und zwei Nachbarrevieren. Besonders perfide: Der Wilderer lässt die geschossenen Tiere im Wald zurück.
Nicht nur krank, auch gefährlich findet der Jagdpächter des Revieres Wichmannshausen, Wilhelm Lücke, die sich in letzter Zeit massiv gehäuften Fälle von Wilderei in seinem und zwei Nachbarrevieren. Besonders perfide: Der Wilderer lässt die geschossenen Tiere im Wald zurück. © STEFANIE SALZMANN

Trotz der großen Waldflächen in Nordhessen spielt Jagdwilderei als kriminalistisches Phänomen bisher nur eine geringe Rolle. Doch jetzt scheint in der Region ein Wilderer unterwegs zu sein.

Sontra/Ringgau – Seit mehreren Wochen treiben offenbar ein oder mehrere Wilderer in den Waldrevieren bei Wichmannshausen, der Boyneburg und dem Rittergut Harmuthausen bei Datterode ihr Unwesen. Sie töten nicht nur illegal wild lebende Tiere, sondern lassen deren Kadaver einfach im Wald liegen, ohne das Wildbret zu verwerten.

Nachdem in den vergangenen Wochen in den drei Revieren – diese umfassen zusammen zirka 1000 Hektar – insgesamt zwölf tote Wildtiere mit Schussverletzungen aufgefunden wurden, haben die Jagdpächter jetzt Anzeige bei der Polizei erstattet. „Und das sind nur die Tiere, die wir finden“, sagt Wilhelm Lückmann, Pächter des Jagdrevieres Wichmannshausen. „Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein.“

Auffällig sei, dass alle illegal getöteten Tiere sich entlang von Rundwegen im Wald befanden, wo es die Möglichkeit für Wilderer gibt, das Revier schnell zu verlassen. „Die Kadaver finden sich nie an Sackgassen.“

So entdeckte Björn Doeten, Pächter des Rittergutes Harmuthausen, einen jungen Rehbock, dessen Schussverletzung darauf hindeutet, dass das Tier sofort tot war. Trotzdem ließ der Schütze den Kadaver einfach liegen. Lückmann fand vor einer Woche den Kadaver einer führenden Ricke, die zurückgelassen wurde. „Der Wilderer hat dem Kitz die Mutter weggeschossen.“ In Doetens Revier wurde zudem der Anschuss eines Wildschweines (Blut und Bodenverletzung durch eine Kugel) gefunden. Das Tier selbst nicht.

„Wir gehen davon aus, dass da jemand aus purer Lust am Werk ist – ob aus Spaß am Töten oder am Jagen, weiß man nicht“, sagt Lückmann. „Das ist nicht nur krank, das ist auch gefährlich.“ Immerhin sei derjenige ja offenbar im Besitz mehrerer Waffen.

Erlegt und zurückgelassen: Dieser junge Rehbock war vermutlich durch den Schuss sofort tot. Dennoch hat der Wilderer ihn einfach liegenlassen.
Erlegt und zurückgelassen: Dieser junge Rehbock war vermutlich durch den Schuss sofort tot. Dennoch hat der Wilderer ihn einfach liegenlassen. © privat

Die drei Revierpächter haben nicht nur Anzeige erstatte, sondern auch den Forstmitarbeitern Bescheid gesagt, die Untere Jagdbehörde soll noch informiert werden. „Wir haben zudem Maßnahmen ergriffen, um der Identität des Wilderers auf die Spur zu kommen“, so Lückmann.

Lückmann, dessen Familie seit gut 50 Jahren das Revier Wichmannshausen betreut, und seine vier Mitjäger sind im Ort gut bekannt. „Die Leute kennen uns hier und wir hoffen, dass sie aufmerksam sind und uns Hinweise geben können.“

Die Polizei kann aktuell ermittlungstechnisch nur wenig tun, da es sich um lange Tatzeiträume handelt und es schwierig ist, Wilderer auf frischer Tat zu erwischen. „Wenn wir konkrete Anhaltspunkte haben, werden wir auch Streifen schicken“, so Polizeisprecher Jörg Künstler.

Hinweise nimmt die Polizei unter Tel. 0 56 51/ 9250 entgegen.

Jagdwilderei ist eine Straftat

Jagdwilderei ist eine Straftat. Wilderei ist, wer unter Verletzung fremden Jagdrechts wild lebenden Tieren nachstellt, fängt oder erlegt und sich aneignet. Als Wilderei gilt aber beispielsweise auch das Mitnehmen von Geweihstangen oder Gehörnen, Federn, Knochen aus einem Revier sowie, wenn Hunde Wild hetzen. Unter Wilderei fällt aber auch, wenn man ein bei einem Unfall ein getötetes Tier mitnimmt. In letzten Fall muss der jeweilige Jagdpächter informiert werden. Polizeidienststellen haben in aller Regel eine Liste und die Kontakte der jeweiligen Jagdpächter. Wilderer können laut Strafgesetzbuch mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft werden. In schweren Fällen kann es auch zu Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren kommen.

Zwischen Wahrheit und Mythos

Der Mord an zwei Polizeibeamten im Februar dieses Jahres in Rheinland-Pfalz durch zwei Wilderer hat das Thema Jagdwilderei wieder in den öffentlichen Fokus gerückt.

Wilderei gab es seit dem Hochmittelalter. Im Bewusstsein unserer Zeit hält sich der Mythos vom frischen, freien illegal jagenden Wildschützen, der nicht selten zum Rebell gegen die Obrigkeit stilisiert wurde. Doch die meisten Wilderer in früheren Jahrhunderten waren weder frei noch fröhlich, sondern die meisten von ihnen arm und hungrig.

Denn: Ursprünglich waren Wald und Wild Allgemeingut, lieferten Nahrung, Kleidung, Energie und Baumaterial für jedermann. Das ging solange, bis die adlige Obrigkeit ab zirka dem 11. Jahrhundert Wald und Jagd für sich beanspruchte und damit den Rest der Bevölkerung von dieser Lebensgrundlage ausschloss.

Dem Adel gehört schon lange nicht mehr das Jagdprivileg und Hunger und Mangel als Motive für Wilderei haben ausgedient.

Die Fälle

Dennoch findet sie statt: Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Laut polizeilicher Statistik wurden 2020 1080 Fälle von Jagdwilderei erfasst. Nur 336 Fälle wurden aufgeklärt.

Das Motiv

Die Motive sind vielfältig. Der häufigste Antrieb ist wohl die Beschaffung von Wildbret. Aber auch Trophäenwilderei oder pure „Jagdlust“ spielen eine Rolle.

Das Schlimme

Wilderer achten meist nicht auf Jagd- und Schonzeiten, auch auf Abschusspläne wird keine Rücksicht genommen. Sie verwenden in vielen Fällen nicht zugelassene Kaliber, die großes Tierleid verursachen.

Angeschossene, aber nicht tödliche getroffene Tiere, werden nicht nachgesucht und müssen so unnötig leiden. Auch bei der Wilderei mit Schlingen leiden die Tiere bis zu ihrem Tod oftmals sehr lange und qualvoll. (Stefanie Salzmann)

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