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Windparks: Todeszone für Kraniche

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Von: Stefanie Salzmann

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Durch die Rotoren: Die Kraniche am Windpark Sontra-Diemerode in diesem Herbst.
Durch die Rotoren: Die Kraniche am Windpark Sontra-Diemerode in diesem Herbst. © Imago

Beim Kranichzug versagte die Abschaltautomatik für Rotoren im Windpark Sontra-Diemerode.

Diemerode – Der Durchzug der Kraniche über den Werra-Meißner-Kreis ist in diesem Herbst besonders spektakulär ausgefallen. Ornithologen, die den Massendurchzug der Glücksvögel beobachtet haben, sprechen von mehr als 200 000 Tieren, die die Region auf ihrem Weg in den Süden überflogen haben. „Dieses spektakuläre Naturschauspiel wird von der Bevölkerung stets mit großer Freude und Empathie beobachtet“, sagt der Eschweger Naturschützer Dr. Jörg Brauneis.

Doch bei allem Glück wächst auch die Sorge um die Kraniche, die im Herbst mit ihren Jungvögeln unterwegs sind. Denn eine der Hauptgefahren für die Vögel sind die Rotoren der Windkraftanlagen. Vogelbeobachter haben nun auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Durchflüge von Kranichen durch die Windkraftanlagen im Windpark Sontra beobachtet. „Leider haben die Anlagen nicht mit einer Abschaltautomatik reagiert“, sagt Dr. Jörg Brauneis. Denn gerade dort fliegen die Kraniche im Bereich des Anstieges zum Stölzinger Gebirge sehr niedrig über Grund.

Die Abschalten-Automatik hat nicht reagiert

Solche Abschaltalgorithmen seien eine technische Möglichkeit, die Gefahr von Tötungen von Kranichen und anderen Zugvögeln zu verringern und würden in der Regel Bestandteil des Genehmigungsverfahrens sein.

Der Naturschutzverband „Naturschutzinitiative e.V.“ hat daher nun bei den Behörden und den politischen Verantwortlichen die Einrichtung solcher Abschaltvorrichtungen im Windpark Sontra bei Diemerode und allen weiteren Windparks im Werra-Meißner-Kreis gefordert.

Das Zugverhalten der Kraniche

Bei gutem Wetter und besonders bei Rückenwind ziehen die Kraniche meist in sehr großer Höhe und damit weit oberhalb der Windkraftanlagen. Bei Gegenwind aber und bei schlechtem Wetter fliegen sie oft sehr tief. Dies sei besonders zur Zeit des Herbstzugs der Fall, wenn in unserer Region meist Südwestwindlagen vorherrschen, und die Jungvögel des Jahres zum ersten Mal mit ins Winterquartier ziehen.

Als Mensch kann man sich kaum vorstellen, wie kräftezehrend so ein Anstieg an den Steilhängen der Mittelgebirge für die Vögel ist, die ja aus der norddeutschen Tiefebene kommen und hier in Nordhessen erstmals auf die Mittelgebirge treffen.“

Dr. Jörg Brauneis

„Als Mensch kann man sich kaum vorstellen, wie kräftezehrend so ein Anstieg an den Steilhängen der Mittelgebirge für die Vögel ist, die ja aus der norddeutschen Tiefebene kommen und hier in Nordhessen erstmals auf die Mittelgebirge treffen“, schildert Brauneis. „Bei Treffurt sehen die Kraniche den ersten Berg.“ Die im Fliegen noch ungeübten Jungvögel „drückten“ dann oft die gesamte Flugformation nach untern, oft lösen sich auch die typischen V-Formationen vor dem Überfliegen der Bergkämme kurz auf. „Damit geraten sie in den Todesbereich der Rotoren der Windkraftanlagen“, sagt Brauneis.

Während die klugen Vögel große Windparks tatsächlich umfliegen, weil sie diese als Hindernis erkennen, tun sie das bei Einzelanlagen mit nur einigen Windrädern nicht, sondern geraten im schlimmsten Fall in die Rotoren.

Intelligente Kameras gegen Vogelschlag

In einem Versuch haben Wissenschaftler von der Naturschutzorganisation „The Peregrine Fund“ ein intelligentes Kamerasystem in einem Turbinenfeld installiert und die Zahl der Schlagopfer mit einer Anlage ohne diese Einrichtung verglichen. Die Kameras zeichnen Vögel auf, die in den Einflussbereich der Turbinen fliegen, und erkennen, ob es sich um bedrohte Arten handelt. In diesem Fall schalten sie sofort ab, um Vogelschlag zu vermeiden. Das Ergebnis waren 80 Prozent weniger getötete Großvögel. Das von einer Firma entwickelte System besteht aus einer erhöht angebrachten Kamera, die mehrere Turbinen gleichzeitig abdeckt. Sie erkennt sich nähernde Großvögel über optische Sensoren und gleicht die Aufnahmen mithilfe künstlicher Intelligenz ab, um geschützte Arten sowie ihre Flugrichtung und Geschwindigkeit zu identifizieren. Je nachdem, in welche Richtung sich der Vogel dann bewegt, schaltet das System die betroffenen Turbinen ab. Laut der Firma funktioniert die Erkennung über eine Distanz von einem Kilometer. (Stefanie Salzmann)

Durch die Rotoren: Die Kraniche am Windpark Sontra-Diemerode in diesem Herbst.
Durch die Rotoren: Die Kraniche am Windpark Sontra-Diemerode in diesem Herbst. © Arno Werner

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