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„Wir hatten 60 Jahre Frieden, weil keiner Hunger hatte“

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Von: Stefanie Salzmann

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Haben ihren Milchviehbetrieb aufgegeben: Diana Bauer und Jürgen Schäfer aus Nesselröden. Trotz hoher Investitionen war die Haltung der 120 Milchkühe nicht mehr rentabel. Der fast nagelneue Kuhstall steht lee. Das Kälbchen Anton hält Diana Bauer nur zur Freude.
Haben ihren Milchviehbetrieb aufgegeben: Diana Bauer und Jürgen Schäfer aus Nesselröden. Trotz hoher Investitionen war die Haltung der 120 Milchkühe nicht mehr rentabel. Der fast nagelneue Kuhstall steht leer. Das Kälbchen Anton hält Diana Bauer nur zur Freude. © Stefanie Salzmann

Viele Landwirte in Deutschland solidarisieren sich mit ihren holländischen Kollegen. Die blockieren seit Wochen Straßen, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

Nesselröden – Auch wenn die Situation nicht Eins zu Eins vergleichbar ist, fühlen sich deutsche Bauern zum Sündenbock der Nation degradiert. Wie sprachen mit den beiden Landwirten Diana Bauer und Jürgen Schäfer aus Nesselröden.

Sie als deutsche Landwirte solidarisieren sich mit den holländischen Bauern. Warum?

Diana Bauer: Weil wir fürchten, dass wir in einigen Jahren vor der gleichen Situation stehen. Das ist absehbar. In Holland stehen die Landwirte praktisch vor der Enteignung, es sei denn, sie geben ihre Betriebe freiwillig auf, nehmen eine Entschädigung und verpflichten sich, nie mehr als Landwirte zu arbeiten.

Sie hatten ein Milchviehbetrieb mit 120 Tieren. Letztes Jahr haben sie alle abgeschafft. Weshalb?

Jürgen Schäfer: Wir haben mit dem Milchvieh zehn Jahre nur Minus gemacht und jetzt die Konsequenzen gezogen. Wir standen vor der Entscheidung, einen neuen Melkroboter anzuschaffen. Wir haben uns dagegen entschieden und den Milchbetrieb aufgegeben.

Sie haben trotzdem immer wieder in den Betrieb investiert?

Schäfer: Ja. Das Güllelager musste größer werden, die Ackerfläche, wir haben neue Boxen und Laufställe für die Tiere gebaut. Es gab immer neue Haltungsbedingungen und wir haben mitgemacht.

Warum jetzt nicht mehr?

Schäfer: Weil wir Planungssicherheit brauchen. Jedes Jahr kommen neue Verordnungen, Auflagen und Gesetze. Wenn wir heute modernisieren und dafür Geld in die Hand nehmen, ist vielleicht im kommenden Jahr alles wieder überholt. Das geht einfach nicht. Unser neuer Kuhstall steht jetzt leer.

In Deutschland sollen immer mehr Flächen stillgelegt werden.

Diana Bauer: Das sind aktuell vier Prozent der Ackerfläche, die stillgelegt werden soll. Voraussichtlich steigt das im nächsten Jahr schon auf zehn Prozent an. Das bedeutet, das wird Grünland, das nicht mehr umgebrochen werden kann.

Dafür gibt es aber Förderung.

Bauer: Ja, aber nur, wenn der Mähzeitpunkt sehr spät liegt. Das ist keine rentable Landwirtschaft. Uns werden ein paar Brocken hingeworfen, damit wir die wertvollen Ackerflächen liegenlassen.

Das wohl größte Reizwort für Landwirte ist die Düngeverordnung.

Schäfer: Wenn wir weniger düngen, gibt es auch weniger Erträge. Das bedeutet, dass man wieder mehr Fläche nutzen muss. Zugleich sollen möglichst viele Flächen stillgelegt werden. Was uns so sauer mach ist, dass die Düngeverordnung aufgrund von Daten erhoben wurden, die nicht realistisch sind, weil nur punktuell erfasst wurden, aber für alle gelten.
Bauer: Wir sind ein ganz normaler konventioneller Betrieb. Aber wir machen uns jeden Tag und oft auch nachts Gedanken darüber, wie wir das Pflanzenwachstum mechanisch, statt chemisch stärken können. Schon meine Oma sagte, einmal hacken ist besser, als zweimal gießen. Denn dann hat die Pflanze die Möglichkeit, sich Stickstoff aus der Luft zu holen, statt nur aus dem Boden. Aber mit dem Pflugverbot nimmt uns der Staat den Handlungsspielraum.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bauer: Um brotbackfähigen Weizen zu erzeugen, braucht es eine bestimmte Menge Dünger. Ansonsten kann man nur noch Futterweizen anbauen. Aber wir wollen ja auch bei dem, was wir machen lediglich Ertragsoptimierung, nicht Ertragsmaximierung.

Landwirtschaft ist ein komplexes Thema, aber man hat den Eindruck, jeder hat was dazu zu sagen.

Bauer: Ja, das ist das Problem. Jeder, dessen Oma mal eine Ziege hatte, denkt heute, er weiß, wie Landwirtschaft funktioniert. Die breite Masse der Bevölkerung hat keine Ahnung von Landwirtschaft. Aber das Wort Glyphosat zum Beispiel kennt jeder und meint zu wissen, was wie schädlich ist.

Im öffentlichen Bewusstsein wird der Landwirtschaft die Schuld an vielen Umweltproblemen gegeben. Warum ist das so?

Bauer: Gute Frage. Ich denke, unter anderem, weil die Industrie mit viel stärkerer Lobby von sich ablenken will. Wir hatten jetzt 60 Jahre Frieden, weil keiner Hunger hatte. Aber jetzt haben wir den Eindruck, dass man uns Landwirte einfach wegrationalisieren will.
Schäfer: Das werden Tierwohl-Labels erfunden, mit denen vor allem auch die Verbraucher betrogen werden. Denn während wir in Deutschland was Umwelt und Tierwohl angeht, extrem hohe Standards haben, gelten die weder in Polen noch in Tschechien. Beispiel Weidemilch. Das reicht es, wenn ein Prozent tatsächliche Weidemilch drin ist. Ebenso wie in irischer Butter, wo auch nur ein Prozent irische Butter drin ist.
Bauer: Wir sind die, die mit der Natur leben. Wir haben überhaupt kein Interesse daran, sie zu zerstören.

Was ist Ihre Forderung an die Politik?

Bauer: Dass man mit uns Landwirten ernsthaft redet und uns zuhört. Vom Bauernverband ist da leider auch wenig zu erwarten.

(Stefanie Salzmann)

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