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Montagsspaziergänger spricht über Motivation, Ziele und Sorgen

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Von: Emily Spanel

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Auch in Eschwege finden sogenannte Montagsspaziergänge loser Personengruppen statt. Transparente werden keine geschwenkt, auch Kundgebungen gibt es nicht. Archiv
Auch in Eschwege finden sogenannte Montagsspaziergänge loser Personengruppen statt. Transparente werden keine geschwenkt, auch Kundgebungen gibt es nicht. Archiv © Tobias Stück

Der Montag ist der politischste Tag der Woche: Es wird wieder auf die Straße gegangen. Montagsspaziergänge nennen das die Kritiker der Coronapolitik. Öffentlich darüber sprechen aber wollten sie nicht – bislang: Ein Teilnehmer der Eschweger Montagsspaziergänge hat sich zum Interview mit unserer Zeitung bereit erklärt.

Werra-Meißner - Ein „junger Mann in Arbeit, ein Demokrat“ – mehr möchte er zu seiner Person nicht preisgeben. Zu emotionalisiert sei der Debattenraum mittlerweile, zu groß ist die Angst, in eine rechte Ecke gedrängt zu werden. Sein Klarname ist der Redaktion bekannt.

Mit den Montagsspaziergängen wird dem Vernehmen nach der Unmut gegen die Coronapolitik zum Ausdruck gebracht. Aber welche Positionen vertreten sie genau?

Ich – wie im Übrigen die meisten anderen mir bekannten Teilnehmer auch – wollen die Gefahren von Corona keinesfalls herunterspielen. Wir sind keine Leugner von Covid-19! Aber wir appellieren dringend an die politisch Verantwortlichen, die Verhältnismäßigkeit der ergriffenen Maßnahmen zu überdenken. Was wir in der Vergangenheit erlebt haben, war eine widersprüchliche Politik. Und wir müssen uns die daraus entstandenen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kollateralschäden ins Bewusstsein rufen.

Greift die Impfpflicht Ihrer Meinung nach das Immunsystem der Demokratie an?

Das Impfen gegen das Coronavirus muss die private, persönliche Entscheidung jedes Einzelnen sein und bleiben – frei von staatlichen Beschränkungen und Repressalien. Dazu ein Beispiel: Zu Beginn der Pandemie wurde uns versprochen, dass wir mit der zweiten Impfung für eine gewisse Zeit ausreichend vor einer Erkrankung geschützt sind. Die Impfung schützt – allerdings nur eingeschränkt und sehr kurzfristig. Für Immunschwache wird mittlerweile schon die zweite Boosterimpfung empfohlen. Viele Aussagen waren schlicht falsch, viele Versprechungen wurden nicht gehalten. Und das geht zu weit.

Welche Forderungen stellen Sie nun an die Politik?

Die Rückgabe der persönlichen und unternehmerischen Freiheit. Die Teilnehmer der Montagsspaziergänge sind ein Querschnitt der Gesellschaft. Jede Form von Diskriminierung lehnen wir ab. Und wir alle wünschen uns das Leben zurück, das wir noch 2019 geführt haben. Mit Eigenverantwortung in gesundheitlichen und wirtschaftlichen Fragen.

Was müsste Ihrer Ansicht nach anders – besser – laufen?

Wir brauchen eine bessere Datengrundlage, verlässlichere Studien. Wie viele Menschen sind wie oft geimpft, wie viele Kontakte zum Virus gab es? Die von Ämtern und Instituten angegebenen Zahlen waren in der Vergangenheit viel zu oft viel zu weit entfernt von der tatsächlichen Lage. Geheimverträge mit Pharmakonzernen müssen endlich offengelegt werden – das würde mehr Transparenz schaffen. Wir brauchen ein verlässlicheres Monitoring von Impfschäden als bisher. Und ganz grundsätzlich: Wir benötigen eine Stabilisierung des Gesundheitssystems mit besseren Löhnen. Allein der Abbau von Betten während der Pandemie ist ein Skandal.

Wie erleben Sie den Zulauf zu den lokalen Montagsspaziergängen?

Ich bin selbst erst dreimal Teilnehmer der Eschweger Spaziergänge gewesen, deshalb traue ich mir eine Bewertung des Zulaufs von Woche zu Woche nicht zu. Wichtig ist mir zu betonen, dass die Masse der Spaziergänger Gewalt ganz grundsätzlich ablehnt. Der Protest verläuft friedlich, und so muss es sein. Die Menschen gehen für Demokratie und Grundrechte auf die Straße. Die örtliche Eschweger Polizei habe ich als hochprofessionell und deeskalierend erlebt – leider ist das bei von außen hinzugezogenen Beamten anders. Das ist problematisch.

Was halten Sie von den sogenannten „Gegendemonstrationen“ zu den Montagsspaziergängen?

Demonstrationen sind ein Zeichen von Demokratie. Jeder hat das Recht, sichtbar für seine Meinung einzutreten. Mir ist aber unklar, gegen was sich die Gegendemonstranten genau wenden: gegen uns als Personen? Gegen unseren Umgang mit dem Coronavirus oder mit der Impfpflicht? Uns jedenfalls geht es um die freie Entscheidung, die jeder Mensch haben sollte.

Zur Begrifflichkeit „Montagsspaziergang“: Diese ist angelehnt an die friedlichen Montagsdemonstrationen in der DDR. Das empfinden einige Menschen als anmaßend. Was entgegnen Sie Kritikern?

Diejenigen, die sich über historische Vergleiche empören, machen das meist sehr selektiv. Man muss genau hinsehen: Einen Vergleich zu ziehen, darf nicht „Gleichsetzung“ bedeuten. Denn man darf einen Unrechtsstaat wie die DDR nicht mit der heutigen BRD gleichsetzen. Allerdings lassen sich die Werte, für die die Menschen damals und heute auf die Straße gingen, durchaus vergleichen: Werte wie Freiheit und Menschenwürde. In den ostdeutschen Bundesländern sind die Montagsspaziergänge im Übrigen meist besser besucht als in den westdeutschen.

Wie organisieren sich die Montagsspaziergänger im Werra-Meißner-Kreis?

Es gibt hier keinen gewählten Vorsitzenden, keinen Pressesprecher oder Ähnliches. Zu den Montagsspaziergängen treffen sich lose Gruppen, es gibt keine Hierarchien wie etwa in Vereinen. Mit den großen Telegram-Kanälen, die immer wieder Schlagzeilen machen, haben wir nichts zu tun. Die Kommunikation läuft über Social Media, allerdings ist die Kommunikation nicht rein politisch.

Was macht Ihnen Sorgen?

Wo ist die rote Linie in unserer Gesellschaft geblieben? Die, die man aus Respekt vor den Mitmenschen nicht überschreitet? Unser Einsatz für Freiheit und Grundrechte wird sehr oft als rücksichtslos deklariert. Es wird mit Vorwürfen gearbeitet, die sich gegen Personen richten, nicht gegen die Sache. Das schafft tiefe Gräben in der Gesellschaft. Die Spaltung empfinde ich als höchst bedenklich. (Emily Hartmann)

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