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Witzenhäuser ist mit dem eigenen Müll unterwegs

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Von: Christina Hein

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Zieht die Blicke an: Der Agrarstudent und Umweltaktivist David Loesche ist mit Müll bepackt, den er in 30 Tagen produziert hat.
Zieht die Blicke an: Der Agrarstudent und Umweltaktivist David Loesche ist mit Müll bepackt, den er in 30 Tagen produziert hat. © Christina Hein

Agrarstudent Student David Loesche bekleidet sich 60 Tage lang mit immer mehr Abfall. Mit diesem Experiment möchte der Umweltaktivist auf das Müllproblem aufmerksam machen.

Witzenhausen / Kassel – Wie wir uns erkennen werden? „Keine Frage – Sie werden mich mit Sicherheit schon von Weitem sehen“, sagt David Loesche, als wir uns am Telefon zum Treffen verabreden. Und tatsächlich, der 31-jährige Agrarstudent der Uni Kassel, der am Standort in Witzenhausen studiert, ragt aus der Menschenmenge heraus: wie er da, von Kopf bis Fuß mit gefüllten transparenten Plastiksäcken bepackt, im Bahnhof ankommt. Man dreht sich um nach ihm, tuschelt, staunt.

Dabei ist auf den ersten Blick noch gar nicht wahrzunehmen, was sich da Besonderes in den Kunststoffsäcken befindet. Denn um den Inhalt geht es: Es handelt sich um den Restmüll, den David Loesche im vergangenen Monat produziert, beziehungsweise hinterlassen hat. Es ist Halbzeit. Noch weitere 30 Tage sollen folgen, bis der Müllmantel, der ihn umgibt, auf voraussichtlich 30 Kilogramm Gewicht angewachsen ist.

Der Umweltaktivist möchte wichtige Message überbringen

„Es ist total unbequem“, sagt David Loesche und zupft grinsend an seiner selbst kreierten Bekleidung, die ihm zumindest erlaubt, sich hinzusetzen: „Das sind die Kilos, mit denen unser Konsum ins Gewicht fällt, die unangenehmen Konsequenzen.“

Mit seiner ungewöhnlichen Performance möchte David Loesche eine Message rüberbringen: Seht her, so viel Abfall produzieren wir. Ist das eigentlich nötig oder wäre es vermeidbar?

Rein statistisch hinterlasse jeder Mensch in Deutschland pro Jahr 500 Kilogramm Müll. „Das ist ‘ne Hausnummer! Am Ende unseres Lebens haben wir eine ganze Turnhalle Müll produziert.“ Weil sich kaum jemand dieser unappetitlichen und wenig nachhaltigen Masse bewusst ist, möchte es David Loesche jedem, der hinguckt, anschaulich vor Augen führen. Von der Milchtüte bis zur Konservendose – alles drin.

Inspiration aus den USA

Die Aktion habe er dem amerikanischen Umweltaktivisten Rob Greenfield abgeschaut. Der hatte 2016 in den USA mit seiner Aktion „Trash me“ bereits nach einem Monat 40 Kilogramm von eigenem Müll erreicht, den er gesammelt hat.

David Loesche, der mit Gleichgesinnten in einer WG lebt und selber extrem wenig Müll in die Tonne gibt, weil er darauf achtet, möglichst unverpackt einzukaufen, möchte auffallen und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Viele guckten, gäben sich dann einen Ruck und sprächen ihn an, erzählt er. Ablehnung oder negative Reaktionen erlebe er kaum.

„Ich warte, bis die Menschen das Gespräch mit mir suchen, ich dränge mich nicht auf.“ Dabei gefalle ihm die humorvolle Note der Aktion, die selbstironische Art, den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Er könne die Wut der „Letzten Generation“ verstehen, die sich etwa an Kunstwerke festklebt, um auf Umweltprobleme hinzuweisen. Er aber ziehe einen augenzwinkernden Protest vor.

Zum Impuls für seine Aktion sagt der aus Arnstadt stammende Mann: „Es kann doch nicht sein, dass wir aus reiner Gewohnheit und Bequemlichkeit so weitermachen wie bisher. Ich musste da einfach aktiv werden und die Öffentlichkeit suchen.“ Seine Familie und seine Freunde wunderten sich übrigens nicht über seine Aktion. Sie sei typisch für ihn.

Müllproblem hat große Ausmaße

Viele Menschen seien sich ja bewusst, dass Müllvermeidung das Gebot der Stunde ist. Da Haushaltsmüll „in unserer guten Infrastruktur“, in der ja der Müll schon getrennt wird, ab dem Moment, in dem er in der Mülltonne landet, unsichtbar ist, mache sich kaum jemand das Ausmaß bewusst. „Uns wird ja der Müll vom Hals gehalten – aus den Augen, aus dem Sinn.“ Mit den Folgen müsse an anderer Stelle gelebt werden. Und irgendwann erreichten uns schockierende Fernsehbilder von Plastikmüll in den Weltmeeren.

„Wie wir das Müllproblem in den Griff kriegen, ist von großen Stellschrauben abhängig, aber viele kleine Schritte von Konsumenten können dahinführen. Der einfachste Schritt heißt Müllvermeidung.“ Manchmal müsse man nur alte Gewohnheiten ändern. Auch mit Müllvermeidung könne man bequem leben.

Müllvermeidung und -verwertung ist David Loesches großes Thema. In seiner Masterarbeit, die er an der Uni Kassel vorlegt, beschäftigt er sich mit Hinterlassenschaften ganz anderer Art: mit menschlichen Fäkalien und wie sie nachhaltig und umweltfreundlich verwertet werden können. (Christina Hein)

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